Zebrastreifenblog

Dieses Thema im Forum "Blogs rund um den MSV" wurde erstellt von Omega, 11 April 2009.

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  1. Nicht, dass ich dem Spiel des MSV gegen Darmstadt 98 sorgenvoll entgegen sehe. Mit einem Unentschieden wäre ich tatsächlich zufrieden. Sicherheit auch in der Liga gewinnen, das ist für mich das Ziel. Die Sicherheit, dass es sich lohnt, so zu spielen, wie Ilia Gruev es plant. Ein Sieg würde natürlich mehr Freude machen. So wird es vielen von euch gehen. Aber sicher ist im Leben nichts, und vielleicht fehlt im Sturm immer noch die entscheidende Sicherheit in den wenigen Sekunden Freiraum für den Abschluss. Vielleicht kommt Pech hinzu, noch einmal ein Schiedsrichter, der Einfluss nimmt, und dann sollten wir Ruhe bewahren. Denn dann gibt es immer noch die General Services Hadaf in Leipzig. Dort scheinen die meisten Probleme des Lebens gelöst zu werden.

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  2. Muss ich tatsächlich ernst nehmen, was Freitag von mir noch als Scherz gedacht war? In Leipzig auf der Eisenbahnstraße befindet sich die General Service Agentur Hadaf. Hadaf ist ein Dienstleister der besonderen Art. Im ersten Moment sieht es an seiner Tür so aus, als gäbe es bei Hadaf für jede Nachfrage der Welt eine passende Hilfe. Vielleicht weiß man dort, wie nach einem Rückstand Versagensangst gar nicht erst entsteht. Vielleicht weiß man dort, wie Risikobereitschaft nicht zugleich zur Defensivschwäche führt. Vielleicht weiß man dort, wie durch kontrolliertes Spiel Druck aufgebaut wird.

    Mir hilft es heute, keine Zeit zu haben. So muss ich die 3:0-Niederlage des MSV Duisburg in Darmstadt mir nicht noch einmal lebendig vor Augen führen. Ich bin ohnehin ratlos. Einer ersten Halbzeit mit ausgeglichenem Spiel und Chancen auf beiden Seiten folgt eine zweite Halbzeit, in der der Rückstand wie ein Betäubungsmittel auf den MSV wirkte. Ist die Mannschaft nicht sicher, was sie kann? Oder verspüren die Spieler einen Druck, den es in der letzten Saison für sie nicht gegeben hat. Den Druck erfolgreicher zu sein als in der letzten Saison? Aber den Druck, nicht abzusteigen, hat es doch auch gegeben. Wieso hat der Rückstand die Spieler derart irritiert? Oder ist diese Wahrnehmung falsch, weil die Zeit bis zum zweiten Tor so kurz war, und erst das zweite Tor die Mannschaft sich in das Schicksal der Niederlage hat fügen lassen? Wie gesagt, ich bin ratlos und habe wenig Zeit.

    Ich habe wenig Zeit, weil ich um 18 Uhr in Ruhrort, Fabrikstraße 4, das Programm zur heutigen Hofkultur gestalte. Ganz in alter Arbeiterkultur-Tradition will ich unterhalten und zugleich bilden. An die Alltagswelt von Bergleuten und ihren Familien werde ich erinnern. Diese Alltagswelt findet sich in Romanen über das Ruhrgebiet. In Romanen von Erik Reger über Max von der Grün bis Wolfgang Welt. Stellen lesen ist das. Der eine oder andere von euch kennt das vielleicht aus anregender anderer Literatur. Akkordeonmusik dazu. Und fertig ist das Programm, wenn ich es denn fertig habe. Ich mache mal. Hilft von Niederlagen abzulenken.

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  3. Wenn morgen der MSV Duisburg gegen Greuther Fürth spielt, wird sich auf dem Rasen neben den Spielern nicht nur der Schiedsrichter befinden. Ein Bock wird auch dabei sein, weniger ein männliches Tier einer Paarhuferart, denn ein Hindernis. Umstoßen kann man allerdings beide. Denn ohne Umstoßen des Bocks wird es den Sieg nicht geben. So lässt sich Ilia Gruev jedenfalls vernehmen. Ich befürchte so ein Bock wird erst mit dem Schlusspfiff endgültig liegen bleiben. Die Fürther werden wahrscheinlich sogar versuchen, diesen Bock zu ihrem zwölften bis dreizehnten Mann zu machen und immer wieder aufrichten.

    Einen geplatzten Knoten wieder zu nutzen wäre nicht so einfach möglich. Dessen Fetzen würden überall rumliegen und das Spiel der Zebras nicht weiter behindern. Was wäre es schön, wenn Ilia Gruev in dieser Woche von einem solchen Knoten hätte sprechen können. Dann hätten wir schon eine Leistung der Mannschaft gesehen, der man grundsätzlich vertrauen könnte. Dann müssten wir nicht erwarten, dass eine zusätzliche Anstrengung hinzukommen muss, eine Steigerung der Leistung, die das Umstoßen des Bocks erst möglich macht.

    Fehler werden abgestellt, versprechen Spieler und Trainer. Hart wurde gearbeitet. Alle wissen, was von ihnen erwartet wird. Und zusammen stehen werden wir auf den Rängen mit den Spielern auch. Also, hoffen wir darauf, dass die erste Hürde genommen wird, die Flaute mit dem Durchbruch der Mauer im Kopf endet und die bisherige Durststrecke nicht in den Tunnel führt, an dessen Ende erst ein Licht erscheint. So lange wollen wir doch nicht warten.

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  4. Ein paar Jahre ist es nun schon her, dass ich ein Spiel des MSV nicht der Mühe wert empfand, weitere Worte darüber zu verlieren. Nach dem Schlusspfiff im Spiel des MSV gegen Greuther Fürth war es dann wieder so. Gestern dachte ich tatsächlich wieder, die aufgewendete Arbeit hier muss doch in einem Verhältnis zu der Leistung der Mannschaft stehen. Als erstes habe ich mir die Überschrift gespart.

    Aber ihr könnt ja nicht sehen, wie langsam ich mich dem Laptop näher. Ihr könnt nicht sehen, wenn ich statt mit zehn Fingern im Drei- bis Fünffingersuchsystem tippe. Ihr könnt nicht sehen, wenn ich aufstehe, gedankenlos herumlaufe, mich wieder setze, nur auf den Rand des Stuhls, den Seitenrand natürlich, und währed des Setzens den Bildschirm zuklappe. Wie das passiert ist, weiß ich nicht. Ihr könnt nicht sehen, dass ich mit zugeklapptem Bildschirm dennoch mal versuche durch den Laptop-Kunststoffmantel die Tasten zu drücken. Irgendwie könnte das doch eine Wirkung haben. Solch unsinniges Arbeiten könnt ihr einfach nicht sehen. Ihr könnt nicht sehen, wie ich nach all meinem vergeblichen Drücken ganz langsam diesen Bildschirm mit meiner Nase zu heben versuche. Also muss ich Leistung doch in Worten verdeutlichen, und das benötigt eine Qualität, die die Mannschaft des MSV nicht gezeigt hat.

    Eine Szene des Spiels hat man sehen müssen, um die Leistung der Mannschaft an diesem Tag zu begreifen. Es war um die 67. Minute herum. Ein Fürther Angriff war abgewehrt worden. Etwa acht Spieler des MSV befanden sich gestaffelt auf Höhe des Fünfmeterraums und am Strafraumrand. Nach der Klärung des Angriffs war der Ball wieder bei den Fürthern im Halbfeld gelandet. Die Fürther Offensive verringerte ihr Tempo dabei nicht. Dieser zweite Ball wurde sofort wieder in einer schnellen Spielaktion weiter verarbeitet. Was aber machten die Spieler des MSV? Alle Spieler rückten zwar synchron in Richtung des Balles, es muss aber genauer gesagt werde, wie sie aufrückten. Sie gingen Richtung des Balles und jede Gangart, die ihr dabei vor Augen habt, ist noch zu schnell. Diese Orientierung hin zum Ball geschah in einer Art Trainingsspaziergang. Wir sahen die Aufführung eines Balletts zu einer Musik, für die im Kreuzworträtsel die Lösung immer heißt: Largo.

    Diese Szene zeigte, warum der MSV es nicht schaffte einen 1:0-Rückstand aufzuholen, der schon in der zweiten Minute feststand. Ein Fehler in der eigenen Hälfte führte zu dem Tor der Fürther. Auch dieser Fehler als Kombination von Rückpassspiel von Stanislav Iljutcenko, Ballsicherungsversuch durch Gerrit Nauber und Wegrutschen von Daniel Davari vor dem Herauslaufen ist bezeichnend für das derzeitige Spielvermögen des MSV. Die Fürther waren jederzeit gedankenschneller, bissiger und technisch besser.

    Die wenigen Chancen des MSV verdecken nur die grundsätzliche Unterlegenheit der Mannschaft. Wie soll diese Mannschaft je ein Tor erzielen? In keinem der vier Spiele sah es so aus, als könne ein Tor alleine durch das gezeigte spielerische Vermögen zustandekommen. In allen vier Spielen habe ich sehr schnell das Glück und den Zufall als unbedingt notwendige Voraussetzung für ein Tor eingerechnet. Wir sehen, wie schnell die Mannschaft sich verunsichern lässt. Wir sehen Frustration. Die Spieler laufen und laufen, und es kommen kaum sinnvolle Spielaktionen dabei herum. Wenn der Gegner den Ball besitzt, laufen sie ihm hinterher. Eigener Ballbesitz geschieht trotz mässigem Tempo durch die halblangen Bälle oft zu unkontrolliert. Anstrengung ohne den kurzzeitigen Erfolg im Spiel ist demotivierend. Ich brauche noch ein paar Tage für ein wenig Zuversicht. Gut, dass die Länderspielpause mir dazu Gelegenheit gibt.

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  5. In der letzten ZEIT gibt es ein Interview von Jörg Krämer mit Peter Hyballa. Als Jugendtrainer war er sehr erfolgreich mit den U19-Mannschaften von Borussia Dortmund und dem VfL Wolfsburg, später trainierte er unter anderem Alemannia Aachen. Seit Juli arbeitet er beim slowakischen Erstligisten DAC Dunajská Streda, nachdem er im Mai erst beim DFB als Trainer-Ausbilder angefangen hatte. Ich vermute, seine Kündigung beim DFB machte neugierig auf seine Meinung zur Entwicklung des deutschen Fußballs.

    Die Quintessenz des Interviews: Die Strukturreform im deutschen Fußball brachte als Nebenwirkung Einheitlichkeit und Stromlinienförmigkeit der Spieler mit sich. Die Individualität der Spieler wurde systematisch beschnitten. Große Spieler brauchen aber Freiräume zur Entfaltung. Zudem fehlen in der Trainerausbildung die Praktiker. Solche Aussagen haben wir schon öfter gehört, dennoch ist das Interview wegen der klaren Meinung und praxisbezogener Aussagen interessant.

    Das Schlussstatement hat mich schließlich schmunzeln lassen. Denn Peter Hyballa erzählt uns, dass Jugendtrainer heutzutage sich gerne mit an Lehrer-Stammtische setzen würden. Gemeinsamer Ärger über ehrgeizige Eltern, die für schlechte Leistungen ihrer Kinder die Schuld bei den Pädagogen suchen, hebt schon mal die Laune sehr. Anekdotenhaft wird in Berichten über den Lehreralltag ja immer die Klage gegen Zeugnisnoten angeführt. Ich warte also auf Eltern, die vom Spielerberater mit dem entsprechenden Anwalt versorgt, den Startelfplatz für ihren Sohn einklagen.

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  6. Montag, zweimal, nacheinander, nein, das muss nicht sein. Selbst wenn ich das als Vertrauensbeweis seitens der DFL in die weitere Entwicklung des Vereins unserer Herzen ansehe.

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  7. Gestern beim Jazz auf’m Platz spielte Soleil Niklasson zusammen mit dem Blue Motion Trio. Der skandinavisch klingende Name gehört einer in Chicago geborenen US-Amerikanerin. Zu hören war vom Swing inspirierter Vocal-Jazz. Zufällig habe ich beim Konzert einen Freund getroffen, mit dem ich sonst immer wieder auch im Stadion beim MSV zusammen stehe.

    Obwohl wir über die Niederlage gegen Fürth schon gemeinsam vor Ort geschimpft hatten, mussten wir noch einmal kurz klagen über dieses Spiel vom MSV. So was ist Trauerarbeit und hilft, sich der Wirklichkeit der nächsten Spiele zu stellen. Denn die werden wieder auf uns zukommen, das ist ja klar, und während wir noch sprachen, hörten wir im Hintergrund, wie Soleil Niklasson das letzte Stück vor der Pause Moritz Stoppelkamp widmete. „I dedicate this song to Moritz Stoppelkamp“. Das muss sie gesagt haben. Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich. Der Freund war sich von Anfang an sicher. Er sagte sofort: „Die hat doch gerade Moritz Stoppelkamp gesagt.“

    Gerade wenn ich ihre längere Erklärung vor dem Stück versuche zusammen zu bekommen, dann meine ich, sie hat sogar erzählt, wie sie in Chicago im letzten Herbst den MSV als ihren Lieblingsverein entdeckte. Sie klang so melancholisch. „What a nice one!“, sagte sie. Da muss sie sich an das Stoppelkamp-Tor erinnert haben, bei dem er auf den Rückpass zum Torwart spekulierte und dazwischenging. Und dann geriet sie ins Schwärmen und heute weiß ich, dass sie vom „early goal“ sprach, von „the volley against Sändhausen“.


    Schön, wenn jemand sein MSV-Gefühl zurzeit mit einem Jazz-Standard wie These foolish things ausdrücken kann. Ein Standard, bei dem im Text Gegenstände aufgelistet werden, die an jemanden erinnern, der gerade nicht anwesend ist. Erfolgreich Enttäuschungen verarbeiten verschafft Energie und Hoffnung. Dann wird es wieder vorstellbar, dass Abwesendes durch Neues wie Stoppelkamp-Tore in der Gegenwart ersetzt werden kann. Die Fahrkarte nach Berlin habe ich schon länger im Haus.

    Nat King Cole hat den Song übrigens auch schon sehr schön interpretiert.

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  8. Gestern habe ich einen Vortrag zur Identität des Ruhrgebiets gehalten. In der Diskussion nach dem Vortrag wurde deutlich, wie unterschiedlich Kohle und Stahl als Klammer für eine Ruhrgebietsidentität bewertet werden. Für einige war der Bezug auf Kohle und Stahl gleichbedeutend mit Stagnation und einem Denken, das den Verlust beklagt, ohne das Neue anzupacken.

    Es mag Menschen im Ruhrgebiet geben, für die diese Bewertung gilt, wenn sie auf die Montanindustrie schauen. Ich selbst glaube dennoch, das Ruhrgebiet kommt an Kohle und Stahl als einigender Klammer nicht vorbei. Denn Kohle und Stahl sind nun einmal der Grund, warum es das Ruhrgebiet überhaupt gibt. Wenn wir nichts mehr von Kohle und Stahl hören wollen, werden wir geschichtslos im Ruhrgebiet.

    Gerade die jungen Bewohner des Ruhrgebiets haben ein unbelastetes Verhältnis zu Kohle und Stahl. Junge Menschen kennen die Arbeitswirklichkeit von Kohle und Stahl nicht mehr. Sie nehmen Kohle und Stahl symbolhaft. Sie gehen ironisch damit um. Sie können Kohle und Stahl benutzen, um sich in ihrer Lebenswelt zu positionieren. Damit verlieren sie den Blick für die Zukunft nicht. Sie trauern der Montanindustrie nicht hinterher. Sie schauen nach vorn. Wer im Ruhrgebiet bleibt, will etwas im Ruhrgebiet bewegen, und zwar in Berufen, die zukunftsträchtig sind.

    Dennoch kann ich die Sorgen vor einem lähmenden Historienbezug auf Kohle und Stahl verstehen. Ruhrpott Romantik etwa von Jo Marie wirkt mit seiner Popmelodie so, als ob die junge Sängerin aus Lünen den Anschluss an den gegenwärtigen Popmusikbetrieb findet. Im Text aber schleicht sich rückwärtsgewandtes Denken ein, wenn es heißt, „zu verstehen, wie es hier wirklich ist, ist fast unmöglich, wenn du von woanders bist.“ Damit offenbart sich die Kehrseite eines Bezugs auf regionale Identität, die inhaltlich mit Kohle, Fußball und malochen gefüllt wird. Ausschluss liegt jederzeit nahe. Daran denkt Jo Marie wahrscheinlich nicht. Sie will nur die Besonderheit der Ruhrgebietswirklichkeit zum Ausdruck bringen.

    Bei dem Lied mit dem zum Teil sinnfreien Text geht es ja ohnehin vor allem um Refrain und Melodie. Deshalb will ich ihre Worte nicht auf die Goldwaage legen. Im alltäglichen Leben mischen sich eben manchmal die Wirkungen beim Bezug auf die Historie des Potts. Mit diesem Bezug auf Kohle und Stahl bei der regionalen Identität ist es wie mit allem im Leben. Es kommt immer auf das Wie an.




    Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

    Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Alle Folgen

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  9. Montagabend habe ich in der VHS einen Vortrag über die Identität des Ruhrgebiets gehalten. Ein interessanter Vortrag übrigens, wenn ich das mal so unbescheiden sagen darf. Führte er doch zu einer grundsätzlichen Diskussion über Selbstbewusstsein, Stärken und Schwächen des Ruhrgebiets, wie sie eigentlich in einem ruhrgebietsweiten Debattenforum immerzu geschehen müsste. Dieses Forum gibt es nicht. So ein fortwährendes öffentliches Reden wäre nötig, denn natürlich interessiert die Identität des Ruhrgebiets vor allem deshalb, weil mit ihr ein Image verbunden wird und dieses Image leider immer wieder nicht so ist, wie die Wirtschaftsförderer dieser Region es gerne möchten.

    Während der Vorbereitung dieses Vortrags war ich vom täglichen Geschehen etwas abgelenkt. Gestern, sehr spät abends habe ich mir deshalb einen Stapel Zeitungen vorgenommen. Zu meiner großen Überraschung las ich dann in der Süddeutsche Zeitung dieses gestrigen Dienstags einen großen Artikel über das Spiel vom MSV gegen Fürth. Ich konnte das erst nicht glauben. So lange nach dem Spieltag? Aber ich las „Der Mangel an Treffsicherheit ist zur unangenehmen Gewohnheit geworden.“ Ich las vom „Gegentor“, bei dem ein Schulz, den Ball hätte wegschlagen müssen. Aber das war doch Nauber, dachte ich noch und schimpfte auf die Journalisten, die sich mal wieder überhaupt nicht auskennen. Erst als ich vom „Zufallstor“ las, habe ich noch einmal von vorne angefangen zu lesen. Dieses Zufallstor war ja gegen Fürth eben nicht gefallen. Darauf hatten wir doch nur gehofft.

    Natürlich wisst ihr das schon längst, die SZ hatte über das Länderspiel Deutschland gegen Peru berichtet. Sowohl dieses Spiel als auch das gegen Frankreich habe ich nicht gesehen. Das war wohl eine gute Entscheidung. Ich schau mir doch nicht die Kopie an, wenn ich fast jede Woche das Original haben kann. Bleibt die Frage was uns die Erkenntnis verrät, dass Ilia Gruev vor denselben Schwierigkeiten steht wie Joachim Löw.

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  10. [​IMG]Gestern, auf der Fahrt nach Berlin war ich noch entspannt. Jetzt gerade aber kriecht die Sorge in mir hoch. Schuld ist die Online-Redaktion bei Funkes. Soweit ich weiß, verantworten die Online-Leute auch die Online-Titel der Printredaktionen. Eigentlich wollte ich nur kurz schauen, was die Heimat noch Neues zum MSV weiß. Doch was muss ich bei der Online-WAZ als Titel des Vorberichts zum Spiel lesen? Was für ein Omen!

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    Der MSV muss doch nichts abliefern. Liebe Leute, seid ihr verrückt? Wenn überhaupt, muss der MSV liefern. So heißt dieses ausgeuferte Wirtschaftssprech, das im Sportsprech vor langer Zeit begierig aufgenommen wurde. Beim Abliefern denke ich sofort an drei Punkte, die in Berlin gelassen werden und nicht an eine Leistung, die gezeigt wird.

    Nicht dass einer der Spieler auf die Idee kommt, diesen Titel zu lesen. Ihr kennt doch die self-fulfilling prophecy und die Wirksamkeit dessen, woran eigentlich nicht gedacht werden sollte. Oh Gott, oh Gott, mein Vertrauen in die Mannschaft verträgt solche Nebengeräusche nicht. Dieses Vertrauen ist nicht so groß, als dass ich solche kleinen Begleiterscheinungen als unwichtige Spielerei abtun könnte.

    Der Druck auf die Mannschaft heute Abend ist immens groß. Hat je ein Trainer länger weiter gearbeitet, wenn im Vorbericht zu einem Spiel die Standardsätze des Entlassungsunkens fielen, bei einer Blabla-Niederlage wäre Blablabla wohl nicht mehr zu halten. Ich frage mich, ob die beabsichtigte Kontinuität überhaupt wieder herstellbar ist. Selbst wenn die Mannschaft heute erfolgreich ist, wird es Ilia Gruev weiter schwer haben. Um die Stimmung bei den Anhängern des MSV zu verändern, kann sich die Mannschaft über mehrere Wochen keine schlechten Spiele mehr erlauben. Ich wünsche so sehr Kontinuität beim MSV Duisburg. Gleichzeitig weiß ich, dass die Diskussion um Ilia Gruev nicht mehr alleine durch die vor der Saison erhoffte Leistung beendet werden kann. Wahrscheinlich müsste die Mannschaft sehr viel besser spielen, als es das Saisonziel Klassenerhalt erwarten lässt. Erst dann wird Ilia Gruev die Zweifel an seiner Arbeit beseitigt haben. Eigentlich ist das kein schlechter Gedanke. Eigentlich könnten die Zebras heute bei Union damit beginnen, sehr viel besser zu spielen, als wir es erwarten.

    Ein Feuerwerk möchte die Mannschaft entzünden, sagt Lukas Fröde. Das gefällt mir deutlich besser als irgendetwas abzuliefern. In Berlin habe ich übrigens gelesen, dass die Umkleideräume der Gäste saniert werden und die Mannschaft sich deshalb in Containern umziehen muss. Ein gutes Omen! Zurück zu den Wurzeln, heißt das. Zurück zu dem, was diese Mannschaft in den letzten zwei Jahren ausgezeichnet hat. Zurück zum Erfolg.

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    Allein unter Unionern


    Meine Stadionbesuche beim MSV sind immer zugleich mein ganz persönliches Zen. Sie sind Übungen in Lebenszufriedenheit bei jeglichen Erfahrungen und den damit verbundenen aufwühlenden Gefühlen. Auch wenn man mir auf dem Stehplatz nur die äußere Aufregung ansieht, so wird manches Spiel mir doch zu einer Art Meditation. Denn was ist Meditation anderes als die Erfahrung, dass die Gedanken kommen und gehen, dass Gefühle kommen und gehen und ein fühlendes Erkennen, dass auch Ereignisse im Leben kommen und gehen, ohne dass wir einen Einfluss darauf haben.

    [​IMG]Den Tag über war es mir in Berlin gelungen, die Sorge vor einem weiteren Misserfolg des MSV bei Union Berlin zu verdrängen. Je näher der Anpfiff rückte, desto unruhiger wurde ich aber. Früh war ich schon in die fast leere Gästekurve des Stadions an der Alten Försterei gekommen. Mit einem jungen MSV-Fan aus Mannheim kam ich ins Gespräch. Wurzeln der Familie in Duisburg führen zu familiären Fan-Traditionen. Der MSV in Berlin erwies sich als Zwischenstation auf seiner Inter-Railreise mit einer jener Inter-Railkarten, die die EU unter jungen Europäern verlost hatte. Auswärtsfahrt zum MSV. Gut genutztes EU-Geld für junge Leute.

    [​IMG]Der Wechsel im Tor hatte sich angekündigt. Völlig abgesehen vom Leistungsvergleich war dieser Wechsel auch ein symbolisches Zeichen für Veränderung. Jetzt konnte alles anders werden. Meine Sorge wurde größer, dass das nicht geschah. Wenn die Spieler des MSV sich derart verunsichert zeigten, wie ich mich fühlte, hatten sie keine Chance. Die gesamte erste Halbzeit war ich mit dem Spiel und einer drohenden Enttäuschung beschäftigt. Immer wieder lehnte ich mich gegen etwas auf, was noch gar nicht eingetreten war.

    [​IMG]Mit dem Anpfiff war die Gästekurve Zweidrittel gefüllt. Die Zebras fanden gut in ein intensives Spiel mit durchweg hohem Tempo. Ballkontrolle führte kaum zu langsamen Passagen. Beide Mannschaften schafften es aber nicht, gefährlich vor das gegnerische Tor zu kommen. Defensiv drohte dem MSV nur auf der rechten Berliner Seite zwei-, dreimal Gefahr, weil Andy Gogia von Kevin Wolze alleine nicht gehalten werden konnte. Gogia dribbelte ihn aus oder überlief ihn. Doch im Zweierverband mit Sebastian Neumann konnten auch diese Angriffe neutralisiert werden, allerdings nicht dauerhaft. Kurz vor der Pause dann, ein Ballverlust im Mittelfeld, dem ein weiter Ball auf den frei stehenden Gogia folgt. Für einen Moment hatte ich die Hoffnung, er braucht Zeit, um den Ball anzunehmen. Doch wie Gogia in einer Bewegung diesen Ball herunterholt und verarbeitet, war großartig. Obwohl Kevin Wolze in der Nähe war.

    Es geschah, was ich die ganze Zeit befürchtet hatte. Der MSV lag zurück nach einem Tor durch besagten Gogia. Diese Wahrheit wollte ich nicht hinnehmen. Alles lehnte sich in mir auf. Das ist die Zen-Übung, von der ich sprach. Das Auflehnen zu akzeptieren, vorbei gehen zu lassen und die Wirklichkeit wahrhaftig zu sehen. Vor diesem Tor hatte es noch eine wunderbare Kombination vom MSV über den linken Flügel gegeben. Sebastian Neumann hatte an der eigenen Torauslinie den Ball am Strafraumrand erobert, ihn nicht weggeschlagen, sondern zwei Berliner Spieler gelassen ausgespielt, dann ein präzise auf den linken Flügel zu Moritz Stoppelkamp gepasst. Leider kam nach dem Dribbling über Außen der letzte Pass nicht in den Strafraum. Ich erzähle das so detailliert, um zu erinnern, wie kontrolliert der MSV auch unter großem Druck den Ball in die Offensive bringen konnte.

    Nach dem Spiel habe ich nicht glauben können, wie schlecht die Leistung vom MSV im Netz von vielen Seiten bewertet worden ist. Nicht oft klaffen Stadionerleben und Bewegtbild-Bewertung des Spiels derart auseinander wie bei diesem Spiel. In der Gästekurve im Stadion war bei aller Enttäuschung über den späten Ausgleich doch von den meisten Anerkennung für die Leistung zu hören. Die entscheidende Botschaft dieses Spiels ist für mich der Glaube an ein Ausgleichstor nach dem Rückstand. Die Zebras haben das ganze Spiel über gelebt. Konzentration und Engagement ließen nicht einen Moment nach.

    Die vom Berliner Trainer in der Pressekonferenz verlorenen geglaubten zwei Punkte können wir genauso beklagen. Worauf bezieht er sein Gefühl der Überlegenheit? Auf das Potential seiner Spieler oder auf die tatsächlich gezeigte Leistung? In der ersten Halbzeit gab es nur eine weitere Chance für Berlin. Den Lattentreffer von Gogia gab es deshalb, weil der Ball abgelenkt wurde, sonst wäre er Daniel Mesenhöler in die Arme gefallen.

    Bei Union herrscht die Meinung vor, das Spiel in der zweiten Halbzeit im Griff gehabt zu haben. Doch diese Meinung lässt außer Acht, dass der MSV kontinuierlich mit Geschwindigkeit das Offensivspiel suchte. Zunächst ohne Torgefahr, sicher. Wenn zugleich aber individuelle Fehler angeführt werden als Grund für Gegentore, muss man doch schauen, wie diese Fehler zustande kamen. Ohne Fehler gibt es nie Tore. Ein Fehler nach einer Ecke ist aber ein anderer Fehler als einer, der im Spielverlauf geschieht. Und solch ein Fehler im Spielverlauf führte zum Ausgleich. Dieser Fehler musste erst einmal erzwungen werden. Dazu mussten Spielsituationen vom MSV geschaffen werden, die Fehler hervorrufen.

    Man darf doch nicht übersehen, dass die Berliner Spieler in Teilen individuell besser waren. Die Defensivschwäche auf der linken Seite des MSV führte doch die ganze Zeit zu einem Risiko, bei dem die Mannschaft dennoch Offensivkraft entwickeln musste. Das war ein Ritt auf der Rasierklinge. und der hat nur deshalb nicht zu schmerzhaften Folgen geführt, weil der MSV zum schnellen Offensivspiel über alle Positionen durch das Mittelfeld zurückgefunden hat.

    In diesem Spiel hoffte ich nicht einmal auf den Zufall als zwölften Mann des MSV, damit ein Tor fällt. In diesem Spiel hoffte ich auf ein Tor aus dem Spiel heraus. Und das war keine Träumerei, das war nicht unrealistischer Wunderglaube. Das ergab sich aus der Spielanlage vom MSV. Das ergab sich, weil die Mannschaft an ihr eigenes kontrolliertes Spiel glaubte und sich nicht davon irritieren ließ, dass die Zeit immer knapper wurde.

    Was für ein Jubel dann, als Souza den Ball per Direktabnahme und Aufsetzer im Tor unterbrachte. Richtig getroffen hatte er den Ball nicht. Doch seine Torchance hatte sich in einem Spielzug angebahnt. Das kam nicht aus dem Nichts, egal, was in Berlin gesagt wird. Dort ist man blind dafür, dass diesem Tor Entwicklung vorausging. In Berlin richtet man nur den Blick auf die mangelnde Torgefahr der Zebrras bis zur 70. Minute etwa. In Berlin sieht man nicht, dass kontinuierliches Versuchen, auch wenn es im Strafraum zunächst ungefährlich bleibt, auch der eigenen Mannschaft Kraft nimmt, mental und körperlich. Das will man in Berlin vielleicht nicht sehen und in Duisburg vor dem Fernseher sieht man das nicht, weil es schlecht messbar ist. Im Stadion selbst ist das als Atmosphäre vielleicht eher zu spüren.

    [​IMG]Dem frenetischen Jubel folgte sechs Minuten später die Ekstase in der Gästekurve. Nicht wissen, wohin mit diesem Jubel. Quer durch die Reihen in die Arme fallen, weil alles heraus muss. Weil alles möglich scheint an diesem Tag. Denn der Ausgleich hatte den Zebras nicht gereicht. Das Spiel war offen. Richard Sukatu-Pasu wurde mit einem wunderbaren Pass steil geschickt. Kühl schob er den Ball ins Netz.

    Wenige Minuten blieben noch, dazu die Nachspielzeit, und immer noch zogen sich die Zebras nicht zurück. Trotz des nun größer werdenden Drucks durch Union. Ich glaube nicht, dass ohne ruhenden Ball Union noch ein Tor erzielt hätte. [​IMG]Dem Freistoß aus dem Halbfeld heraus in der 90. Minute folgte der Ausgleich. Schade. Noch einmal deutlich gesagt: Ein Sieg des MSV wäre keinesfalls glücklich gewesen. Er wäre verdient gewesen, weil die Mannschaft weiter an ihr Spiel geglaubt hat. Selbst nach dem Ausgleich suchte die Mannschaft noch die Chance auf ein drittes Tor. Das nehme ich aus dem Spiel mit. Die Zebras haben ihr Selbstvertrauen wiedergefunden. Natürlich muss ein Sieg gegen Aue her. Dann erst wird meine Meinung bestätigt. Bis dahin aber steht sie mit gleichem Recht in der Welt, wie all jene Wertungen, bei denen der MSV sehr viel schlechter wegkommt.

    Beim Kollegen Sebastian Fiebrig vom Textilvergehen der Berliner Blick samt Presseschau.

    Und bei Eiserne Ketten die Taktikanalyse für die Berliner Mannschaft.

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  12. Vor ein paar Wochen habe ich für meinen Basketballverein, dem Deutzer TV, regionale Rahmenpläne erstellt. Mit diesen Plänen wird Zeitnahme und Anschreiben in meinem Verein für die Saison 2018/2019 organisiert. Jede am Spielbetrieb teilnehmende Mannschaft muss dieses Kampfgericht bei den anderen Mannschaften in einer Saison etwa elf bis zwölfmal stellen.

    Stellt euch vor, Vertreter aller Mannschaften meines Vereins träfen sich regelmäßig, um sich über die Entwicklung im Verein und im Basketball auszutauschen. Dann wäre Anschreiben sicher auch ein Thema. Denn das ist eine manchmal lästige Angelegenheit. Anschreibetermine kollidieren oft mit Trainingseinheiten. Manchmal müssen einen Tag nach einem Punktespiel Mannschaftsmitglieder schon wieder in anderer Funktion ran. Aber ob ein Sprecher dieser Mannschaften mir jemals öffentlich sagen würde: „Die Mannschaften müssen die Schlüsselfiguren bei der Ausarbeitung des neuen regionalen Kampfgerichtskalenders sein, da sie die einzigen Stakeholder des Vereins sind, die das das sportliche Risiko tragen.“ Das wiederum kann ich mir nicht vorstellen.

    Stakeholder unterscheidet sich vom Steakholder lautlich übrigens nicht. Beiden Holdern geht es aber um das, was reinkommt. Deshalb klingt im Fußball die Sprache längst nicht mehr nach Sport. Von der Überlastung der Fußballer wird etwa bei der Ansetzung der Spiele nicht mehr gesprochen. Das klingt nun anders, wenn es um Interessen gegenüber der UEFA geht. Die Sprache des Fußballs braucht das betriebswirtschaftliche Wortgeklingel inzwischen wie die Sportreporterklischees. Andrea Agnelli, der Vorsitzende der ECA, der European Club Association meinte neulich:


    Die Vereine müssen die Schlüsselfiguren bei der Ausarbeitung des neuen internationalen Rahmenterminkalenders sein, da sie die einzigen Stakeholder der Industrie sind, die das das unternehmerische und sportliche Risiko tragen.

    Stakeholder! Industrie! Sport, der mich interessiert, spricht öffentlich eine andere Sprache.

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  13. Am Mittwoch veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung ein ganzseitiges Interview mit Jérôme Boateng – für SZ-Leser mit Online-Abo per Klick. Es lohnt sich, Interviews mit ihm zu lesen. Denn Jérôme Boateng gehört zu den wenigen aktiven Spielern, die ihre Meinung bei Konflikten nicht verhehlen. Wenn er spricht, gibt es stets auch einen Einblick in die Welt des Fußballs, der über das individuelle Spielerleben hinaus führt. Mit seiner Meinung nimmt er uns mit auf die Hinterbühne des Fußballs. Nachvollziehbar und klar vertritt er seine Interessen in dem Spannungsgefüge von Verein, Mannschaft und individueller Karriere.

    Außerdem sind uns in Duisburg von Jérôme Boateng die neulich schon von mir festgestellten strukturellen Gemeinsamkeiten von Nationalmannschaft und dem MSV der ersten vier Spiele bestätigt worden.

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  14. Früher haben die Menschen manchmal einfach nur nicht verstanden, warum ich ihnen etwas erzählte. Heute beginnen sie allmählich in mir einen von diesen alten Nörglern zu sehen. Zumindest wenn diese Menschen junge Bäckereiverkäuferinnen sind. Denn in einer Bäckerei wird es für mich immer schwieriger zu bekommen, was ich kaufen möchte. Mir kommt so vieles von dem, was es in Bäckereien gibt, beim Bestellen nicht mehr über die Lippen. Niemals werde ich sagen: „Ich hätte gerne einen Smiley“, wenn ich einen Amerikaner bestellen will, auf dem sich dummerweise gerade irgendwelche Schokoverzierungen befinden. Dann sage ich: „Ich hätte gerne einen Amerikaner“ und bin mir nicht mehr sicher, ob die junge Bäckereiverkäuferin weiß, was ich meine.

    Wegen dieser recht konservativen Haltung bin ich auch ganz froh, dass Erzgebirge Aue laut Kicker morgen beim MSV Duisburg punkto Auswärtsschwäche den Bock umstoßen will. Schön, dass in der Fußballersprache sich wenig ändert. Noch besser, dass die Auer anscheinend nicht mitbekommen haben, was bei solchem Vorhaben auf dem Rasen im Stadion beim MSV geschieht. Wir erinnern uns alle jedenfalls sehr gut, dass Böcke auf dem Rasen der SIL-Arena gerne unüberwindbare Hindernisse bleiben. Ich bleibe dabei, der geplatzte Knoten gefällt mir als Bild ohnehin viel besser.

    Zwei Mannschaften treffen also aufeinander, die am letzten Spieltag ihr erstes wirkliches Erfolgserlebnis hatten. Trotz der vielen Ausfälle im Kader gehe ich nicht nur wegen der Auer Unaufmerksamkeit in Sachen Böcke zuversichtlich ins Stadion. Die Hierarchie im Kader ergibt sich jedenfalls gerade von selbst. Und da es im Moment auch um Stimmung geht, sind die Ausfälle kein schlechtes Zeichen. Der MSV hat es vielleicht etwas schwerer als die Auer, weil der Siegeswille der Mannschaft von Anfang deutlich erkennbar sein muss. Sonst könnten die Zuschauer unruhig werden. Eine Haltung, die in Berlin gegen die Übrmacht des Heimpublikums gerade in der zweiten Halbzeit auch als Geduld hat wirken können, wird es in Duisburg jedenfalls nicht geben. Dann kann der Heimvorteil leicht zum Nachteil werden.

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  15. Am Morgen nach der 1:2-Niederlage des MSV Duisburg gegen den FC Erzgebirge Aue bin ich immer noch in einer Art Duldungsstarre. Zwar habe ich mir gestern Abend mit Rico Brömseklöten noch eine Dosis Gegengift gegeben, so dass mich das Wort Erzgebirge fortan nicht nur noch in tiefe Verzweifelung stürzt. Doch solches Gegengift hilft anscheinend zunächst nur als Akutmaßnahme.


    Für längeres Wohlbefinden muss anderes hinzukommen. Am besten natürlich ein erfolgreicherer MSV Duisburg. Allerdings vertraue ich auf diese begleitende Unterstützung momentan nicht wirklich. Wo soll das Vertrauen auch herkommen, wenn ich mir die Leistung der Mannschaft im Spiel gegen Aue genau ansehe?

    Die Zebras haben in der ersten Halbzeit gut gespielt. Sie waren so gut, wie sie im Moment sein können. Sie haben sich in dieser ersten Halbzeit eine so sichere Torchance erspielt, dass ich den Torwart habe vergeblich hechten sehen. Ich war bereit zum Jubeln. Boris Tashchy hat den freien Schuss über das Tor gesetzt. Einen nicht ganz so freien Schuss setzte Cauly Souza zudem an die Latte. Mit der Jubelbereitschaft kam ich nicht hinterher. Dazu gab es zwei, drei Chanchen, die nicht ganz so klar waren, die aber in anderen Spielen von anderen Spielern in ähnlichen Situationen schon genutzt wurden, um Tore zu erzielen. Der MSV konnte sie nicht nutzen. Auch in einem dieser Momente hatte ich meine Arme schon erhoben.

    Ich sorgte mich nicht mehr, der MSV könne in Gefahr geraten in diesem Spiel. Die Defensive stand sicher, mit einer Ausnahmen kurz nach Anpfiff. Daniel Mesenhöler klärte auf der Linie mit einem guten Reflex. Ein Konter hatte zu einem freien Schuss aus zwölf Metern geführt. Kurz vor der Pause hieß es zwar nicht drei Ecken, ein Elfer, doch drei halbe Jubel hatten diese Folge. Boris Tashchy wurde bei der Ballannahme gegen den Fuß getreten und fiel. Kevin Wolze verwandelte den Elfmeter sicher.

    Kurz nach der Halbzeitpause pfiff Schiedsrichter Matthias Jöllenbeck erneut Elfmeter. Dieses Mal gegen den MSV. Wahrscheinlich haben die meisten Zuschauer wie wir bei uns in der Kurve diesen Elfmeterpfiff nicht richtig mitbekommen. Es war merkwürdig still geblieben im Stadion. Schließlich hatte es keine offensichtlich elfmeterreife Spielsituation gegeben. Wir konnten das Bedrohliche des Moments erst nicht erkennen, dann wollten wir es nicht wahrhaben. Aus heiterem Himmel verschwand die Zuversicht für dieses Spiel. Aus heiterem Himmel waren alle Sorgen wieder da. So ungerecht fühlte sich das an. Der Elfmeterpfiff war ungerecht.

    Für die Spieler des MSV hatte dieser Pfiff anscheinend eine ähnliche Wirkung wie für mich. Gefährliche Chancen konnte sich die Mannschaft in der zweiten Halbzeit nicht mehr erspielen. Es war nicht leicht mit anzusehen, wie sehr sich jeder einzelne Spieler anstrengte, ohne dass diese einzelnen Anstrengungen vor dem Auer Tor sich bündelten. Es fehlten Ideen für das Zusammenspiel in der Nähe des Auer Strafraums.

    Der Boden war tief. Lange hatte es geregnet, und zu Beginn des Spiels hatten sich alle, samt Schiedsrichter, an die Glätte des Rasens gewöhnen müssen. Man war ausgerutscht und geschlittert. Nun war bei den Sprints die zusätzliche Kraft erkennbar, die die Vergeblichkeit der Anstrengung noch spürbarer machte. Es war zum Verzweifeln. Wenn es doch wenigstens beim Unentschieden geblieben wäre. Doch ein Ballverlust von Joseph-Claude Gyau auf dem linken Flügel nach einem harten Tackling führte zu einem Konter, der mit einem Schuss, der nicht oft so gelingt, abgeschlossen wurde. Die 1:2-Niederlage stand fest. Es blieben noch ein paar Minuten mit hohen Bällen in den Strafraum. Ein aussichtsloses Hoffen auf den Zufall. Es war zum Verzweifeln. Ich sehe nicht, dass die Mannschaft besser spielen kann. Ich sehe Spieler, die alles geben. Ich sehe Spieler, die mit ihrem derzeitigen Können alles versuchen. Ich sehe Spieler an ihre Grenzen kommen. Es ist zum Verzweifeln.

    [​IMG]Drei Stahlarbeiter stehen inzwischen nur noch vor dem Spiel auf dem Rasen. Beim letzten Heimspiel waren es vier. Beim ersten Spiel zehn? Ich weiß es nicht mehr genau. Überall sehe ich nur noch Zeichen des Niedergangs. Es ist zum Verzweifeln.

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  16. [​IMG]Ein marmomiertes Weiß auf Boden und Leinwand vor der Hinterbühne schaffen einen weit wirkenden Raum, in dem sich zwei große runde Podeste befinden. Sie werden später an Drehscheiben von Peepshows erinnern. Wir Zuschauer nehmen Platz, begleitet von einem sanften Klangteppich, den Johannes Rieder am Keyboard vorne am Bühnenrand schafft. Freundlich lächelnd betrachtet er in seinem lila glänzend, fast clownesken Kostüm das Treiben.

    Wir sollen etwas Grundsätzliches über die Liebe erfahren. Wir sollen sehen, wie sich heute jene Liebe zeigt, die Goethe für den jungen Werther erdichtet hat. Es geht um die verzehrende Liebe, die das Ich auflöst oder gar erst finden lässt. Es geht um die Hoffnung auf Erfüllung, um das Werben und den Schmerz der Vergeblichkeit. Wir werden sehen.

    Ein junger Mann tritt auf, während im Hintergrund die Musik weiter säuselt. Das ist also einer der Jungen und zugleich Werther, von dem im Titel auch die Rede ist? Er liebt, begehrt – doch wen? Es ist eine Frau, die vor ihm im Publikum sitzt. Nah ist sie, dennoch unerreichbar, und nur eine von vielen, wie sich herausstellen wird. Obgleich er auf Werthers absolute Liebe zitierend verweist. Schon schleichen sich Zweifel ein, ob dieser der Jungen es mit seiner Liebe tatsächlich ernst meint. Ironisch gebrochen bespiegelt er sich selbst. Schmunzeln müssen wir über ihn, und er über sich. Was ist echt? Er sei nicht Werther, sagt er sogar, er heiße eigentlich Christian. Er versucht Tanz als Ausdruck und wirkt dabei ungelenk. Kann solch ein Gefühl in den Wunsch führen, sterben zu wollen? Eine Liebe, die er schon bei vielen Frauen gefühlt hat? Schließlich probiert er den einen Verzweifelungsschrei, und wir sehen, ihn gibt es aus seiner selbst heraus nicht. Seine Liebe läuft eher ins Leere, als dass sie in Verzweifelung endet.

    Still geht er ab. Die Spielfreude auf der Bühne und Johannes Rieder als Beobachter sowie Tröster bleiben. Denn dem ersten Monolog schließt sich der beeindruckende Auftritt von Emilia Reichenbach als Wertherin der Gegenwart an. Ein furioser Tanz zu Technoklängen macht sie so atemlos wie das Herausschreien ihrer Liebe. Auch diese Frau findet ihre Liebe im Publikum. Die Grenze der Bühne wird an dem Abend mehrmals aufgehoben. Zu ihrer Liebe gewinnt sie keine Distanz, die ihr hilft, den Schmerz des Unerfüllten zu bewältigen. In ihrer Liebe zeigt sie sich mit ganzer Seele und bis auf die nackte Haut. Dann glaubt auch sie, sterben zu wollen. Ihr wird geholfen allein durch eine sie umhüllende Hand – im wortwörtlichen Sinn; ein Kostüm, in das Johannes Rieder geschlüpft ist.

    Mit dieser schützenden Hand zieht das Komödiantische auf der Bühne vollends ein. Die Wertherin geht ab. Das Leid an der Liebe wird nun für alle gelindert. Johannes Rieder sucht mit Fistelstimme seine Form der Nähe. Der Liebe? Er möchte küssen und findet im Publikum einen Mann, der sich auf die Stirn küssen lässt. Das Spiel ist aus. Selbsterkenntnis hat ihre Liebe den Liebenden nicht gebracht. Sie blieben konventionellen Rollenvorstellungen verhaftet. Die Frau, die tief einen Menschen liebt, steht im Gegensatz zum Mann, der nur vorgibt tief zu lieben und das gleich bei vielen Frauen. Selbsterkenntnis aber wäre einem humanistischen Verständnis von Liebe in der Gegenwart zu wünschen. Womöglich hat diese Neubestimmung der Liebe das Publikum zu leisten, wenn es aus der besänftigenden Kraft des Komödiantischen wieder erwacht ist

    Mit: Christian Bayer, Emilia Reichenbach, Johannes Rieder

    Regie: Leonie Böhm
    Bühne: Zahava Rodrigo
    Kostüm: Helen Stein, Magdalena Schön
    Musiker: Johannes Rieder
    Dramaturgie:Elena von Liebenstein

    Die Informationen zum Stück beim Theater Oberhausen nach dem Klick.

    Weitere Aufführungen:
    SA, 29.09.2018, 19:30 Uhr
    Karten bestellen
    SO, 30.09.2018, 18:00 Uhr
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    MI, 10.10.2018, 19:30 Uhr
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    SA, 27.10.2018, 19:30 Uhr
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    FR, 07.12.2018, 19:30 Uhr
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    FR, 11.01.2019, 19:30 Uhr
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  17. [​IMG]

    Von Freitag bis Sonntag feiert in Meiderich die Kulturwerkstatt in Meiderich auf ihrem Gelände an der Bahnhofstraße und auf dem Markt ihr vierzigjähriges Jubiläum. Der Literatur und Büchern gilt an den Tagen besondere Aufmerksamkeit, und so steht das Ganze unter dem Motto „Literarte 2018“ Es gibt viele Lesungen und am Sonntag einen Büchermarkt.​

    Auf dem Büchermarkt werde ich mit einem Stand vertreten sein. Natürlich werde ich auch Mehr als Fußball im Gepäck haben, die 111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss und die 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen. Schließlich braucht ein Jubiläum günstige Jubiläumsangebote.

    Außerdem werde ich am Freitag von 18.45 bis 19.30 Uhr Auszüge aus meinen Programmen „Nach dem Anpfiff alles möglich“ und „Der Himmel über der Ruhr ist wieder blau“ lesen. Die Lesungen finden statt in der Kulturwerkstatt, Bahnhofstraße 157, 47137 Duisburg.

    Das komplette Programm der Literarte 2018 findet sich mit einem Klick.

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    1. Am Donnerstag in einer englischen Woche muss ein Text schneller als an einem Montag nach einem Wochenendspiel entstehen. Deshalb gibt es keine Rücksicht auf stilistische Feinheiten.
    2. Das 3:3-Unentschieden des MSV gegen gegen den 1. FC Magdeburg hat mich an den Rand der mir erträglichen Verzweifelung gebracht. Verzweifelung über den Lauf der Dinge. Verzweifelung über kurz unaufmerksame Spieler des MSV. Verzweifelung über eine Schiedsrichterentscheidung.
    3. Nach dem 2:1-Rückstand dachte ich kurz, ich könne mir das Spiel im Neudorfer Ostende nicht weiter ansehen. Im Stadion ertrage ich jegliche Spielverläufe. Vor dem Fernseher geht das nicht. Dort komme ich an gesundheitsgefährdende Grenzen. Als durch den Freistoß das zweite Tor für Magdeburg fiel, wurde die Ohnmacht unerträglich, einer erneuten Niederlage des MSV ausgesetzt zu sein. Ich merkte, jegliche Hoffnung meines Lebens war in diesem Moment auf den MSV gerichtet. Das war zu viel Hoffnung an der falschen Stelle. Ich wollte aus dem Ostende fliehen. Kevin Wolzes schnell folgendes Freistoßtor zum Ausgleich war ein betäubendes Schmerzmittel. Ich konnte es nicht bejubeln. Die Ohnmacht war einer gefühllosen Beruhigung gewichen.
    4. In der ersten Halbzeit hat der MSV gut gespielt. Die Magdeburger wurden früh bei ihrem Aufbauspiel gestört. So konnte immer wieder schnell umgeschaltet werden. Der MSV wirkte auf mich für Phasen spielbestimmend.
    5. Diese Wahrheit gab es aber auch: Das einer Balleroberung folgende Umschaltspiel führte auch hin und wieder zu spekulierenden Pässen ins Nichts. Es waren hilflose Pässe im Wissen darum, auf diese Weise bleibt der Ball nicht im Spiel. Auf diese Weise unterbindet man einen Konter der Magdeburger. Solche Pässe sind dann weniger ein Instrument der Offensive als der Defensive. Besser geht es in dem Moment nicht. Das müssen wir akzeptieren.
    6. Vier sehr gute Torchancen ohne Torerfolg für Magdeburg in der ersten Halbzeit belegen nicht das Glück für den MSV sondern die Tatsache, dass es in der Liga Mannschaften gibt, die mit denselben Schwierigkeiten umgehen müssen wie der MSV. Diese vier Torchancen sind eigentlich ein Beleg dafür, wie schwer es für den MSV in dieser Saison ist und wie wenig ein anderer Trainer als Ilia Gruev an der Situation ändern können wird.
    7. Die Mannschaft des MSV spielt offensiv so gut, wie sie es kann. Sie spielen inzwischen gut genug, um ein Spiel zu gewinnen.
    8. Die Führung des MSV war verdient. Nach einem schlechten Versuch zu flanken, verlor Kevin Wolze den Ball und eroberte ihn sofort zurück. Der Flankenversuch zwei in den Lauf von Stanislav Iljutcenko gelang. Der Raum für den Stürmer war da und souverän schob er den Ball ins Tor.
    9. Zuvor schon hatte der MSV mit variablem Spiel die Defensive von Magdeburg unter Druck gesetzt – zum einen über die Flügel, gefahrvoll oft durch Andreas Wiegel; zum anderen durch Mittelfeldläufe von Cauly Souza und Fabian Schnellhardt mit folgendem Pass ins Zentrum auf Tashchy oder Iljutcenko.
    10. Die Spieler des MSV sind defensiv bei Spielunterbrechungen immer wieder nicht präsent. Der Ausgleich zum 1:1 fiel auf dieselbe Weise wie in Dresden das Tor zur Niederlage. Das Tor wäre einfach zu verhindern gewesen, wenn Sebastian Neumann den Ball die ganze Zeit im Blick gehalten hätte und der Einwurfsituation nicht den Rücken gekehrt hätte. Die Spieler des MSV versuchen bei Spielunterbrechungen aber oft als erstes, ihre Position in der Defensivformation einzunehmen und verlieren den Blick dafür, dass das Spiel unterdessen weitergeht. Grundsätzlich muss beides zugleich beachtet werden, wo ist der Ball und wo bin ich im Verhältnis zu meinen Mitspielern. Das geschieht immer wieder einmal nicht. Das führt zu Toren vom Gegner. Das führt zu Wut und Verzweifelung bei mir, weil ich schon vor der Ballberührung des Gegners sehe, dass Gefahr droht. Ich kenne das aus dem Basketball. Dort ist es am Spielfeldrand oder auf dem Spielfeld einfacher. Spieler reagieren, wenn ich schreie. Sebastian Neumann hat mich in Magdeburg nicht gehört.
    11. Schon der Klärungsversuch von Sebastian Neuman, der zum Ausball führte, war der Anfang der Fehlerkette. Er hatte sich nicht entscheiden können zwischen präzisem steilen Pass und Ballwegschlagen. Es wurde irgendwas dazwischen, so dass der Ball zu nah am eigenen Tor ins Aus flog.
    12. Kurz darauf folgt ein Freistoß für Magdeburg nahe der Strafraumgrenze. Die Mauer bei diesem Freistoß stand nicht gut. Der Ball brauchte nicht viel Effet, um rechts dran vorbei zu fliegen. Magdeburg führte 2:1.
    13. Die Anforderungen an Kevin Wolzes Schusstechnik bei dem Freistoß zum 2:2-Ausgleich waren größer. Solche Freistoßtore kennen wir von ihm.
    14. Nach dem 2:2 entwickelte sich ein offenes Spiel. Ist meine Vereinsbrille der Grund dafür, dass ich den MSV mit leichten Vorteilen sah? Auf mich wirkten die Zebras spielerisch variabler als Magdeburg, sicherer im Ballbesitz, bissiger beim Stören der Gegenspieler.
    15. Jeder ruhende Ball für die Magdeburger machte mir Sorgen. Deshalb verzweifelte ich schon vor dem Eckstoß, der zum 3:2 führte über die Fehlentscheidung des Schiedsrichters. In welchem Winkel stand der Schiedsrichter zu Kevin Wolze und dessen Gegenspieler? Der Gegenspieler sprang nicht nur höher, sondern befand sich auch zwischen Wolze und der Torauslinie. Unabhängig vom TV-Bild schien es mir unmöglich zu sein, dass ein von Wolze berührter Ball auf direktem Weg ins Aus hat gehen können. Quasi überall um ihn herum war sein Gegenspieler, der von einem über Wolze kommenden Ball danach berührt werden musste.
    16. Ich habe keine Erinnerung an eine solche dichte Abfolge von Fehlentscheidungen der Schiedsrichter, die so spielbeeinflussend gewesen sind. Denkt nur nicht, dass ich damit die Niederlagen erklären will. Dennoch sind diese Fehlentscheidungen Mühlsteine angesichts der momentanen spielerischen Möglichkeiten des MSV.
    17. Die Ecke war die klassische Gegentor-Ecke der Zebras. Die erneute Führung der Magdeburger erschöpfte mich. Ich fügte mich ins Schicksal der Niederlage.
    18. Die Spieler des MSV fügten sich nicht in die Niederlage. Sie hielten an ihrem Plan fest. Die Mannschaft brach nicht in sich zusammen.
    19. Der Ausgleich zum 3:3 war verdient und gerecht. Im Moment des Ausgleichs kam ein wenig Glück hinzu. Denn Lukas Daschner drückte einen eroberten Ball ins Netz, der zuvor im Magdeburg Strafraum einmal herumgeflippert war. Das Glück hatte aber erarbeitet und erspielt müssen. Dem Glück zuvor gingen Glaube der Mannschaft an die Mischung von spielerischer Lösung und hohem Ball in den Strafraum sowie Gedankenschnelle von Lukas Daschner. Daschner musste erst einmal im rechten Moment am rechten Ort sein. Das ist Können und kein Glück.
    20. Im Stadion beim notwendigen Sieg gegen Regensburg werde ich die Anspannung leichter ertragen als vor dem Fernseher.

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  18. Es gibt einen Versuch in Duisburg, meine Sammlung Heimatlied – Sektion Duisburg institutionell zu unterstützen. Oder sagen wir, ich nehme diesen Musikwettbewerb mal als institutionelle Unterstützung. Ob er nun „Ich bin DU!“ oder „Ich und meine Stadt Duisburg“ heißt, ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Die Musik- und Kunstschule der Stadt Duisburg kooperiert jedenfalls mit der Gitarrenschule Peter Bursch, und Lieder über Duisburg sollten eingereicht werden.

    Die Zielgruppe des Wettbewerbs hatte sich in diesem Jahr erweitert. Ich meine, es waren zunächst vornehmlich Kinder und Jugendliche angesprochen. Die Teilnehmerliste dieses Jahres aber zeigt, gestandene Musiker der Duisburger Szene haben sich ums Heimatlied – Sektion Duisburg gekümmert. Philipp Eisenblätter war mit seinem auch in meiner Sammlung schon aufgenommen Duisburg-Lied dabei und hat gewonnen. Anna Maria Schroeter hat nach ihrer Duisburg-Hymne eine Ballade zur Stadt aufgenommen und wurde zweite. Das Lied finde ich leider nicht in einer Version im Netz, die ich hier einbinden kann; auf der oben verlinkten Seite ist es zu hören. Die drittplatzierten Die Krauses habe ich bereits vorgestellt.

    Auf den vierten Platz wurde Exemplarischer Lebenszyklus eines Duisburgers von Max und Florian gewählt. Zu hören ist ein ungewöhnliches Stück, abseits eines üblichen Besingens der Stadt. Zu elektronischer, langsamer Musik wird der Text gesprochen, zum Ende mündet er in ein Sprechgesang-Finale. Mit dem Text wird eine persönliche, literarisierte Geschichte erzählt, für die Duisburg der Handlungsort ist. Man lernt Duisburg in Ausschnitten kennen, ohne die wertenden Sätze der üblichen Heimatlieder. Der Bezug zu Duisburg ergibt sich aus den besonderen Erfahrungen, die in dieser Stadt gemacht werden. So ein Lied fällt auf. Es ist eigenständig, und Duisburg braucht mehr solcher Blicke. Der Duisburger Lyriker Werner Muth fällt mir dabei ein, von dem es solche Texte über Duisburg von Musik begleitet schon länger gibt. Arbeitsnotiz gemacht. Muss demnächst auch mal drüber geschrieben werden.


    Hinweise auf weitere online zu findende Duisburg-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

    Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Duisburg – Alle Folgen

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  19. Wenn Deutsch als Fremdsprache gelernt worden ist, bieten sich dem Sprecher oft intuitive Möglichkeiten des Sprechens, die ein Muttersprachler nicht besitzt. Dann wird die deutsche Sprache erweitert. Ob sich so eine Erweiterung durchsetzt, ist eine andere Frage. Ilia Gruev hat im Vorbericht unten die deutsche Sprache um die Konstruktion einer Zeitform erweitert.

    Ab Minute 1.07 sagt er zum heutigen Spiel: „Das macht mich zuversichtlich, dass wir das Spiel am Samstag gewonnen werden wollen … und müssen“.

    Er bringt zwei Zeitformen im Propositionalsatz zusammen, das Futur II und das Präsens. Er mischt: „Ich bin zuversichtlich, dass wir gewinnen wollen“ und „Ich bin zuversichtlich, dass wir gewonnen haben werden“. So beginnt der Bedeutungsgehalt von „wollen“ und „müssen“ zu flirren. Die zwei Modalverben, also Verben der Notwendigkeit und Möglichkeit, nehmen auf diese Weise die Eigenschaften des Hilfsverbs „haben“ an. Sie verlieren ihren Bedeutungsgehalt und dienen nurmehr der Zeitbestimmung in dem Satz.

    Ilia Gruev erweitert die deutsche Sprache so, dass die vollendete Vergangenheit in der Zukunft auch durch ein Verb der Notwendigkeit erzählbar wird. Er drückt aus, wonach wir uns alle so oft sehnen. Die Kraft unserer Gedanken bestimmt auch unsere Zukunft.

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  20. Am Morgen nach der 1:3-Niederlage gegen Jahn Regensburg fühlt es sich für mich noch immer so an, als stehe der Abstieg am achten Spieltag schon fest. Nach dem Spiel gegen Aue habe ich nicht gedacht, die Erfolgslosigkeit des MSV könne sich in einem noch deutlicheren Missverhältnis von Spielaufwand und Ergebnis zeigen. Gestern ist das aber geschehen. Noch immer bin ich leer, und viele Worte zum Spiel selbst kann ich nicht schreiben.

    In der ersten Halbzeit haben die Zebras einen solchen kontinuierlichen Druck in der Offensive entwickelt, wie wir ihn in dieser Saison noch nicht gesehen haben. Die unverbundenen Einzelleistungen aus dem Spiel gegen Aue fanden in der ersten Halbzeit gestern gegen Regensburg zusammen. Variabel wurde der Ball Richtung Gegnerstrafraum gebracht. Doch in diesem Strafraum gelang zu wenig. Es fehlte ein Spieler, der im entscheidenden Moment sein Bein in einen wenig kraftvollen Schuss bringt. Es fehlt ein Spieler, der sich in engen Räumen bei Flanken vor die Abwehrspieler schleicht. Es fehlt ein Spieler, der bei Torwartunsicherheiten den frei gewordenen Ball abstaubt und im Tor unterbringt. Das ist der Blick in den Strafraum. Man kann auch vor den Strafraum schauen. Da es den einen Spieler des MSV im Strafraum nicht gibt, müsste die Mannschaft bei vielen Bällen in den Strafraum hinein präziser sein – egal ob Flanke oder letzter Pass.

    Aber habe ich nicht etwas vergessen? Richtig. Der MSV lag nach zwei Kontern in Minute 11 und Minute 13 ja bereits mit 2:0 zurück. Das hatte so unfassbar einfach ausgesehen, wie die Regensburger das erste Tor erzielten. Es war entsetzlich. Zumal in der Spielsituation davor Stanislav Iljutcenko das Führungstor auf dem Fuß hatte. Einen hohen Ball in den Strafraum hatte er artistisch angenommen, bedrängt vom Gegenspieler im Rücken lag der Ball nicht perfekt auf seinem Fuß, so dass er dem herauseilenden Torwart beim Schuss eine Chance ließ. Die Chance nutzte der Torwart. Er hielt und leitete den ersten so ernüchternden Konter ein.

    Aber auch ohne einen Konter, mit einem schnellen Spielaufbau gegen die formierte Abwehr kamen die Regensburger innerhalb des Strafraums immer wieder vor den Defensivspielern des MSV an den Ball. Das ist ein Grundproblem des MSV in dieser Saison, die gegnerischen Spieler wirken meist allesamt gedankenschneller als die Zebras auf dem Platz. Ob das mit der von Ilia Gruev gewünschten Spielkontrolle zusammenhängt? Sind die Spieler nicht in der Lage kontrolliert zu sein und in offenen Situationen auf ein höheres Tempo umzuschalten?

    Der frühe Rückstand zusammen mit dem Stadionerlebnis mit den Freunden verhinderte zumindest die Wiederholung der Magdeburg-Erfahrung für mich. Keine spürbare Gesundheitsgefährdung entwickelte sich, die Kopfschmerzen blieben nach diesem Spiel aus. Ich war in gewisser Weise betäubt. Mein Ärger war gebremst und mündete nur in Dauerunruhe beim immer vergeblicheren Hoffen auf den Ausgleich. Denn in der zweiten Halbzeit gab es keine deutlichen Chancen mehr. Stattdessen fürchteten wir jeden Ballbesitz der Regensburger.

    Wir spielten in der Kurve unser eigenes Spiel. Das Minutenspiel. Ich hoffte auf den Ausgleich in der 50. Minute und wollte ihn unbedingt in der 60. Der Freund wollte den Ausgleich spätestens zur 70. Minute. Beide erhöhen wir natürlich in jedem Spiel um 5 Minuten, um die Hoffnung zu erhalten, es könne noch gut ausgehen. Es! Das eine jetzt so bedeutende Spiel, das über unser persönliches Schicksal entscheidet. Wie gelassen habe ich diese Entscheidung abwarten können. Nur den Elfmeter habe ich mir dann nicht angeschaut. Wahrscheinlich war ich zum ersten Mal im Stadion altersweise. Ich ging zur Toilette. Eine Übersprungshandlung. Denn ich trank nur etwas Wasser aus dem Hahn. So konnte ich das spielentscheidende Tor ertragen. Erschöpt hielt ich bis zum Schlusspfiff aus.

    Ilia Gruev erklärt übrigens in der Pressekonferenz, warum er Cauly Souza für Joseph-Claude Gyau einwechselte. Diese Auswechslung war Anlass für laute Gruev-raus-Rufe. Wen hätte er sonst auswechseln sollen? Gruev erklärt, Gyau braucht Räume für seine Spielweise, die Regensburg zum Ende nicht mehr ließ. Souza sei im eins gegen eins besser. Das erklärt den Wechsel.

    Im Fußballgeschäft gibt es nur wenige Vereine, denen es gelingt kontinuierlich mit einem Trainer bei anhaltendem Misserfolg zu arbeiten. Der MSV Duisburg gehört nicht dazu. Nun wird in Duisburg Ilia Gruev von einem Großteil der Zuschauer als Grund für die Misserfolge dieser Saison angesehen. Es sei dahin gestellt, ob das stimmt. Aber wie soll eine Mannschaft am Tabellenende gegen Unruhe im Umfeld und unter den Zuschauern Erfolg haben? Es ist weiter zum Verzweifeln, denn ich glaube nicht, dass ein neuer Trainer die Mannschaft erfolgreicher machen wird. Was nicht heißt, dass sie nicht noch erfolgreich werden kann. Auch nach einem Trainerwechsel, und auch dabei wird offen bleiben, ob so ein Wechsel der Grund für den Erfolg gewesen ist. Für das Aufkeimen meiner Hoffnung auf diesen Erfolg, egal unter welchem Trainer, müssen noch ein paar Tage vergehen.

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  21. Herbstklage

    Noch weiß ich, wie sich Freude anfühlt.
    Lebendig ist sie nicht in diesen Tagen.
    Erinnerung nur mehr und abgekühlt
    durch all die Niederlagenklagen,​

    durch Schreck bei Pässen in die Leere,
    durch Ärger über Abschlussschwäche
    vor dem Tor, durch meine Wesensschwere
    in dem Wissen, dass sich immer räche,​

    was vorn vergeben wird. Hinein
    geht das dann in das eigene Tor.
    Durch dieses Unaufmerksamsein,
    wenn man den Ball ins Aus verlor.​

    Der Sommer brachte uns die Zuversicht.
    Der Herbst spricht „Ihr? Tabellenende!“
    Trotz allem Einsatz gibt es nicht
    die Freude durch die Schicksalswende.​

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  22. Manchmal möchte ich den Lauf der Dinge aufhalten – schon die Niederlagen des MSV und nun die Entlassung von Ilia Gruev. Realistisch sein, heißt es allerorten. Der Verein muss handeln. Kein Sieg in acht Spielen ist zu wenig. Ist das Schicksal ungerecht? Ja! Diese Niederlagenserie ist ungerecht und nicht alleine der Arbeit von Ilia Gruev anzurechnen. Viele von euch sind anderer Meinung und glauben, Argumente geben zu können. Bei näherer Betrachtung bleibt in meinen Augen nur der Glauben.

    So erinnern mich die Diskussionen um die Arbeit von Fußballtrainern oft an die Religionen. Der Glauben bestimmt dann den Blick auf die Wirklichkeit. Ein Trainer hätte das und das machen sollen, dann wäre es besser geworden. Zu belegen ist das nicht. Es zählt allein der Glauben. Aber die Menschen sind sich ihres Glaubens immer sicher. Sie sind so sicher, dass sie ihren Glauben als Wirklichkeit fühlen. Anders lassen sich viele öffentliche Worte zu Ilia Gruev nicht erklären. Niederlagen sind ja keine Fakten, aus denen sich die Bewertung eines Trainers alleine ableiten lässt. Sie sind das Ergebnis eines Wettbewerbs, bei dem der Zufall eine große Rolle spielt. Nicht alles hat ein Trainer in diesem Wettbewerb unter Kontrolle. Zur Bewertung seiner Arbeit müsste sich um Spielsituationen gekümmert werden. Man müsste über taktische Grundausrichtungen bezogen auf das Können der einzelnen Spieler reden. Man müsste genau wissen, wie Mannschaft und Trainer zusammen arbeiten. Ich selbst habe für all das keine Zeit. Ich kann auch nur glauben.

    In der Diskussion um die Arbeit Ilia Gruevs wird meist einem diffusen Unwohlsein Ausdruck verliehen. Denn Niederlagen stimmen nicht froh. Fehler werden gesucht. Aber hinterher scheint immer etwas anderes besser gewesen zu sein, wenn das gewünschte Ziel nicht erreicht wird. Schließlich wird auf die Mechanismen des Geschäfts verwiesen, und es werden Zirkelschlüsse betrieben. Weil man selbst so schlechter Stimmung ist, gab es keinen Rückhalt mehr für Ilila Gruev. Dieser Art Begründung findet sich sogar in der Zeitung, in einem Text von Pascal Biedenweg in der Rheinischen Post. Analyse wird das genannt. Ein großes Wort für eine beliebige Meinung. Ich hoffe, Ilia Gruev belastet sich nicht mit solchen Worten, wie sie hier ausschnittsweise zu lesen sind.

    [​IMG]

    Dieser Meinung nach gilt also folgendes: Hätte Gruev der Jugend eine Chance gegeben, wäre es unnötig gewesen, die spielerische Qualität der Mannschft mit einem neuen taktischen System weiter zu entwickeln, das ihr mehr Kontrolle über das Spielgeschehen gibt. Der sportliche Misserfolg mit dem einen System führt zu Anpassung. Das ist aber auch wieder nicht richtig, weil dazu ja ein Spieler fehlt. Was aber wäre die taktische Alternative gewesen? Das ist die analytische Schärfe mit der sich Ilia Gruev in der Öffentlichkeit auseinandersetzen muss, mit der sich auch der MSV Duisburg bei seiner Entscheidung zum Trainer auseinandersetzen muss. Diese Stimme ist beispielhaft für die analytische Schärfe in der Diskussion. Denn da spricht einer nicht anders als aus einer Fanperspektive mit dem Gestus eines objektiven Analytikers.

    Aber es geht ja Gott sei Dank nur um Fußball. Da bleiben die Glaubensgegner unter sich und haben nicht den Anspruch, in die Gesellschaft hinzuwirken. Das nächste Spiel macht die Vergangenheit vergessen. Noch aber bin ich melancholisch. Ilia Gruev gehört für mich zu meinem Verein, und wenn selbst mit ihm auf der Trainerposition trotz Misserfolg keine Weiterarbeit geschehen kann, wird das mit keinem Trainer in Duisburg geschehen.

    Ilia Gruevs Verbundenheit mit Duisburg ist groß. Sein Respekt vor den Zuschauern und ihrer Verbundenheit mit dem MSV war immer zu spüren. Das wissen viele dieser Zuschauer nicht einmal zu schätzen. Wir haben Ilia Gruev für seine Arbeit zu danken. Er hat den notwendigen direkten Wiederaufstieg geschafft. Er hat mit der Mannschaft in ihrem ersten Zweitligajahr die Klasse gehalten. In diesem zweiten Jahr sollte es besser werden. Vielleicht haben wir und die sportlich Verantwortlichen die Möglichkeiten der Mannschaft überschätzt. Morgen geht es aber erst um die Zukunft. Heute heißt es: Vielen Dank, Ilia Gruev! Vielen Dank, Yontcho Arsov! Vielen Dank dafür, dass eure Arbeit dem MSV eine Perspektive gegeben hat.

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  23. Manche der Beiträge hier haben ihren jahreszeitlich bedingten Grund. Neujahrsgrüße kommen im Sommer schlecht an. Besinnliche Adventsgedichte passen nicht zu knospender Natur. Deshalb liegt Matthias Reuter mit seinem gesungenen Kommentar zur grassierenden Oktoberfestlust im Ruhrgebiet schon knapp zwei Jahren bei mir auf Halde. Letztes Jahr ist mir „Oktoberfeste im Revier“ aus dem Blick geraten. Dieses Jahr nun habe ich dran gedacht.

    Zu einem Fußballblog passt dieses Lied auch, weil der spöttelnde Text ab Minute 4.00 mit der letzten Strophe in eine Pointe mündet, mit der die Lust am Oktoberfest und gleichzeitiges Fußballfantum auf :kacke: zum Ausdruck einer milden Schizophrenie wird.

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  24. Letzte Woche erreichte mich eine Bitte aus Köln. Der FC sorgte sich vor einer Niederlage am Montag und fragte vorsichtig über informelle Kanäle an, ob ich nicht vielleicht ein paar Informationen über Veränderungen durch den neuen Trainer hätte. Es sollte meine Schaden nicht sein, wenn ich… Doch ich…nein, Quatsch, stimmt gar nicht.

    Die Macher der FC-Fanpressekonferenz Zwei Kölsch waren es, die fragten und zwar nach Grüßen für ihre Fanpressekonferenz. Das habe ich gerne gemacht und mich gegen Wind und Sonne beim Außendreh bemüht. An der Westenender Straße war ich zunächst nicht erfolgreich, weil ein Auto nach dem anderen auf den Parkplatz fuhr. Dann bin ich nach Ruhrort zur Mühlenweide und hoffe nun auf Wirkungstreffer meiner Wünsche Richtung Spielfeld.


    Was ich als Kompaktversion Richtung Köln geschickt habe, wurde von den Machern der Fanpressekonferenz mit mehreren anderen Stimmen zu einem Zebraherden-Fanchor montiert. Begeisterungsfähig wie die Kölner so sind, haben sie für das Auswärsspiel des MSV ein wunderbares Fanpanorama geschaffen, mit dem die besondere Bindung von uns an den MSV erfahrbar wird und unsere Unterschiedlichkeit bei dem, was uns vereint, deutlich. Sogar ein paar grundsätzliche Fakten über den MSV und Duisburg werden weitergegeben. Großer Dank für solches fanfreundschaftliche Engagement.

    Nur mit dem Deal, den Zwei Kölsch anbieten, sind wir nicht einverstanden. Ich spreche für alle MSV-Fans. Statt Streifen für uns und Punkte für euch, bieten wir Beifall für Zwei Kölsch und Punkte für uns. Streifen sind keine Verhandlungsmasse. Die gehören artgemäß zu Zebras.

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  25. [​IMG]Vorgenommen hatte ich mir, ohne Erwartungen auf einen Erfolg das Spiel des MSV gegen den 1. FC Köln anzusehen. Doch es war wie immer, je näher der Anpfiff rückte, desto mehr schielte ich auf einen möglichen Punktgewinn, desto lauter machte sich die Stimme bemerkbar, die den unberechenbaren Fußball mir vor Augen hielt. Eine Stimme, die mir sagte, meine Bilanz der letzten Jahre im Müngersdorfer Stadion, vulgo Rheinenergie Stadion, sei hervorragend. Ich solle mal ruhig sogar an mögliche drei Punkte denken. Beim Anpfiff hätten wir schließlich schon einen Punkt im Sack.

    [​IMG]Ein Kölner Basketballkollege hatte mich eingeladen in eine Loge mitzugehen. So begann der Abend früh. Denn der frühe Vogel gibt die Siegeswünsche am effektivsten auf das Spielfeld. Nichts stört seine zwingenden Gedanken. Nicht einmal die strengen Blicke namenloser FC-Spieler an der Logenwand. Man muss die Namen nicht kennen. Es sind Verlierernamen. Gewinner schreiben die Geschichte.

    Mit dem Anpfiff übernahmen die Zebras die Spielkontrolle. In den ersten Minuten wusste die Spieler des FC nicht, wie ihnen geschah. Ballverlust um Ballverlust führte zu Angriff um Angriff. Cauly Souza hatte schon in der zweiten Minute das Führungstor auf dem Fuß. Leider hatte er den Ball etwas zu weit nach rechts im schnellen Lauf getrieben, so dass der Schusswinkel ungünstig wurde. Das 1:0 erzielte er dennoch mit einer Direktabnahme nach einer zu kurz geklärten Ecke. Es war ein Lehrbuchschuss. Großartig, und wir wussten, diese Führung kam zu früh. Wir schreibe ich deshalb, weil ich dort in den Logen nicht der einzige Mensch in blau-weiß war. Vereinzelt waren sie überall zu sehen. Zebragäste von überall her im rot-weißen, das Bild bestimmende Einheitston.

    [​IMG]Noch blieb der MSV spielbestimmend. Der FC kam nur zum Ausgleich, weil für zwei, drei Minuten der Versuch in der Defensive den Ball kontrolliert zu spielen, zu ambitioniert war. Der FC presste zu stark. Anstatt sich einmal kurz Luft zu verschaffen durch einen Befreiungsschlag, dribbelten die Spieler selbst im eigenen Strafraum. Dustin Bomheuer gelang das nicht gut genug. Das führte zu einem Eckball und meiner Furcht vor den Torchancen des Gegners bei ruhenden Bällen. Die Furcht war berechtigt. Der Ausgleich folgte und meine zur Angst gewordene Furcht, dass nun alle Schleusen geöffnet waren. Was nicht stimmte. Meine Angst linderte das nicht. Ich hatte die drei Punkte gesehen und hatte noch einen weiteren Punkt zu verlieren.

    Das führte in der zweiten Halbzeit zu einem, sagen wir, dreizehnten Mann vor der Loge auf der West, der zwölfte Mann stand ja lautstark in der Gästekurve. Ich habe dort oben schon lange vor der tatsächlichen Führung mindestens zwei Tore erzielt, dreimal zur Ecke geklärt, diverse Konter unterbunden und bei nicht zu zählendem Stochern in unklaren Situationen den Ball für uns gewonnen.

    Ganz anders ging es auf der Nordkurve zu. Gedanklich war der Kölner dort unterwegs. Irgendwann hatte diese Nordkurve im Kölner Stadion nach dem Ausgleich ein Lied auf den Lippen, das man so früh in der Saison nicht oft singt. Ich meine, es war in der zweiten Halbzeit, als wir kurz hörten: „Wir steigen auf und ihr steigt ab!“ Sehr laut und begeistert wurde gesungen. Dazu muss man wissen, dass auf der Nordkurve die old school des FC-Supports sitzt. Sie meldet sich nicht mehr oft führend zu Gehör. Vielleicht liegt es also am Alter, dass man an diesem Abend dort beim Spiel des MSV gegen den 1. FC Köln jenes Selbstbewusstsein spürte, dass dem Kölner qua Geburt verordnet wird. Üblicherweise fühlt sich ein Kölner als Kölner ganz toll und vergisst dabei im Laufe seines Lebens gerne den Abgleich mit der Realität. Im Alter ist man dann darin geübt.

    Dann wird die erste Halbzeit eines Fußballsspiels komplett ausgeblendet und in der zweiten Halbzeit werden missglückte Dribblings, Abspielfehler, nicht ausgespielte Konter und verunglückte Flanken wahrscheinlich nur als vorübergehende Erscheinungen einer grundsätzlich druckvollen Kölner Leistung gesehen. Dann kann man wohl vorauseilend glauben, das Spiel sicher zu gewinnen. Dann kann man einmal mehr mit seinem Hochmut kräftig vor die Wand laufen. Mich daran zu erinnern, macht Spaß. Ich stelle mir all diese Gesichter vor, wie sie den MSV kontern sehen. Ich stelle mir vor, wie Ahmet Engin über den rechten Flügel zieht und tatsächlich endlich wieder einmal scharf und flach hereingibt auf den mitgelaufenen Cauly Souza. Sein Gegenspieler und er grätschten gemeinsam, und dann war der Ball im Tor. Im Nachhinein stellte es sich als Eigentor heraus, doch Souza gehört der Treffer mit.

    [​IMG]Was für ein Jubel bei uns Zebras, was für eine Enttäuschung unter den FC-Fans. Dieses Tor kam spät genug, um den Sieg für möglich zu halten. In der zweiten Halbzeit waren beide Mannschaften fehleranfällig bei ihrem Offensivspiel, so dass es hin und her ging. Zuweilen glich das Spiel einem unterhaltsamen Spektaktel bis zur Strafraumgrenze. Wirklich gefährlich wurde es für den MSV nur zweimal, einmal klärte Daniel Mesenhöler einen Terodde-Schuss innerhalb des Strafraums mit einem großartigen Reflex auf der Linie, das andere Mal schwamm die Defensive nach einer Ecke und Mesenhöler traf statt Ball das Gesicht eines Kölners. Über strafwürdige Folgen denke ich keine Minute nach.

    Die Kölner wirkten zunehmend hilflos. So sehr sehnte ich dennoch ein drittes Tor durch einen Konter herbei. Das gelang nicht, die Konter brachten nur Entlastung. Der Schlusspfiff war Erlösung und unbändiger Jubel für uns. Die Kölner Fans schwelgten in Unmut. So ganz befolgt der Kölner, als Spezie FC-Fan, eben doch nicht das kölsche Grundgesetz. Nichts da mit „et kütt, wie et kütt“. Wenn der FC verliert, dann kütt die Wut und dann wird herrlich, herrlich gepfiffen. Schöne Pfiffe in meinen Ohren. Wir sind in Duisburg gerne behilflich, wenn der FC-Fan abhebt. Bodenständigkeit ist unser zweiter Name. Und wer nicht hören will, muss Niederlagen fühlen. Ein jeder weiß genau, das war der MSV.

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  26. Noch nicht lange her ist meine Frage, ob der Song „Ruhrpott“ von Pilz Herb immer noch einfach „Rock“ heißt. Aufgenommen habe ich den Song in die Heimatliedsammlung auch ohne eindeutige Antwort.

    Pilz Herb findet man bei Facebook, wo die Seite aktueller wirkt als deren Webseite.

    Dass ich nun so schnell einen zweiten Song von Pilz Herb in die Sammlung aufnehme, versteht sich angesichts des Songinhalts im Zebrastreifenblog von selbst. „Heimspiel“ gehört definitiv zum Rock, auch ohne nähere Spezifierung. Der Song ist neu gestaltet, und Pilz Herb widmen ihn dem MSV Duisburg.

    Die Botschaft des Songs stimmt perspektivisch hoffentlich nach dem Auswärtssieg gegen den 1. FC Köln sowohl für uns Anhänger als auch für die Mannschaft. „Wir sind wieder da“. „Mit neuer Energie“. „Gemeinsam durch die Hölle“, dann ist man siegreich. Schließlich jener Vers, der auf den Zwangsabstieg gemünzt scheint, und doch zugleich auch für die Gegenwart gilt: „Wir waren schon am Abgrund, aber jetzt geht’s nur bergauf“. Und, ja, man kann in einem dem MSV gewidmeten Song eine Strophe nur mit der Aufzählung von Namen bestreiten.


    Hinweise auf weitere online zu findende Duisburg-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

    Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Duisburg – Alle Folgen

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  27. Zwei sehr schöne Erlebnisse hatte ich in den letzten Tagen. Zum einen habe ich eine Mail von Edward Amana, einem US-amerikanischen Rechtsanwalt, erhalten. Er klärte mich darüber auf, was mein Sohn in der Welt noch so treibt, während er zugleich studiert. Wenn ich den Rechtsanwalt richtig verstehe, versucht mein Sohn durch legal herbeigeführte Verkehrsunfälle mein Jahreseinkommen zu erhöhen.

    Aber lest selbst: „Geben Sie bitte Ihr Interesse an, die Summe von Neun Millionen Fünfhunderttausend Dollar als Erbschaft zu erhalten. Das fragliche Geld gehört meinem verstorbenen Kunden, einem Bürger Ihres Landes, der bei einem Autounfall mit ihrem einzigen Kind gestorben ist.“ Wenn sonst das einzige Kind in einen Verkehrsunfall verwickelt ist, verursacht das mit dem üblich erzählten tödlichen Ausgang endlose Trauer bei den Eltern. Ganz anders bei meinem Sohn. Auf solch ein einziges Kind darf man wohl stolz sein.

    Noch mehr als diese Nachricht hat mich nur der Abend beim Fanclub Innenhafen mit Branimir Bajić gefreut. Nicht nur, dass er sympathisch und geduldig auf viele Fragen zu seinem Leben nach der aktiven Zeit und seiner Karriere antwortete. Endlich hatte ich auch Gelegenheit, ihm mein Buch Mehr als Fußball zu überreichen. Schließlich hat er die Geschichte des MSV von der Zeit des Zwangsabstiegs bis zum Aufstieg 2015 mitgeprägt. Branimir Bajić ist einer der meist genannten Namen in dem Buch.

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    Das führt mich zurück zur Erbschaft. Bis ich die neuneinhalb Millionen Dollar aus den USA erhalte und mich vom beruflichen Schreiben zurückziehe, verschicke ich gerne auch noch meine Bücher. Mehr als Fußball gibt es einzeln oder im Zebrastreifenblog-Sonderangebotspaket mit den 111 Fußballorten im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss. Zum Bestellformular mit einem Klick.

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  28. Auf der Pressekonferenz vor dem heutigen Spiel gegen den FC St. Pauli unterstrich Gerrit Nauber, dass in den Spielen der 2. Liga Kleinigkeiten ein Spiel entscheiden. Da diese Kleinigkeiten nicht alle kontrollierbar sind, habe ich einmal mehr die eigene Psyche gestärkt. Ich habe gestern einen Ausflug nach Siegen gemacht, um gar keine negativen Gedanken aufkommen zu lassen, die womöglich wirken könnten. Schon mehrmals habe ich hier über die Hürden auf dem Weg zum Erfolg geschrieben. Das sind nicht nur äußere Einflüsse. Es sind auch bildhafte Vorstellung von einem möglichen Misserfolg, die einen auf dem Weg zum Erfolg hemmen.

    In Siegen ist es schwer, an etwas anderes zu denken als an Siegen. Für mich gehört in diese Stadt eigentlich ein Trainingszentrum des deutschen Sports, das dieser Stadt zudem großen wirtschaftlichen Aufschwung bringen könnte. Aber auf mich hört ja keiner.

    Sehr zufrieden bin ich übrigens damit, dass die Spieltags-Pressekonferenzen des MSV wieder komplett online gestellt werden. So erhalten alle am MSV Interessierten die Möglichkeit, selbst zu sehen, wie tief Thorsten Lieberknecht über Spiele und Mannschaft nachdenkt. Auf dem Weg in die Printmedien wird solches Denken zu oft doch sehr verkürzt. Es ist interessant, was er zu sagen hat und wie er es sagt. Ihr kennt mein Bedauern über die Entlassung von Ilia Gruev. Und ja, das Leben geht weiter. Thorsten Lieberknecht passt nicht nur durch seine Persönlichkeit zum MSV. Was ich von ihm höre, macht mir Hoffnung, dass die Kontinuität der Arbeit tatsächlich als Struktur im Verein wirksam wird. Sie darf nicht an einzelnen Personen hängen, auch wenn das schwer zu verwirklichken ist. Das ist dann gelebte Kultur.

    Interessant ist auch, dass die Fragen aus der Journalistenrunde an Gerrit Nauber im Grunde die Antworten vorwegnehmen. Was zwischen Spielern und Journalisten meist geschieht ist ein Ritual. Bei Fragen an Spieler geht es mehr als beim Trainer um Gefühle der Spieler. Darauf kurz, aber mit Substanz zu antworten ist kaum möglich. In dem Teil unterscheidet sich die längere Pressekonferenz nicht von den kurzen Spieltagsclips der letzten Jahre.

    Eins hätte ich mir allerdings als klare Aussage auch noch von Gerrit Nauber gewünscht. Ein Journalist leitete nämlich seine Frage mit der Feststellung ein, ein neuer Trainer komme und dann sei alles ganz anders. Der Journalist sprach noch länger weiter, so dass dieses Statement wahrscheinlich aus dem Blick geriet. Meinen Wunsch gab es, weil der Satz als so umfassendes Urteil nicht stimmt. Kevin Wolze hat in einem langen Interview auf die Arbeit Ilia Gruevs als Grundlage für die Arbeit von Thorsten Lieberknecht hingewiesen. Thorsten Lieberknecht selbst betont auch in dieser Pressekonferenz, auf welchem guten Stand die Mannschaft sich befindet. Er meint damit nicht nur Zusammenhalt und Mentalität. Auch die von vielen Anhängern bezweifelte Ausdauerleistung etwa sieht er als sehr gut an. Teile der Arbeit sind anders geworden, andere Teile blieben gleich.

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  29. So fühlte sich das gestern an: Der DJ hatte die Menge auf der Tanzfläche zum kochen gebracht. Alles wogte, alles bewegte sich, leicht, euphorisch. Doch beim nächsten Set dimmt er einfach runter, kein treibender Rhythmus mehr, sondern Musik, bei der nicht klar ist, wohin sie führt. Viel langsamer als zuvor. Wir stehen da, zum Schwitzen bereit und warten auf das Treibende. Wir versuchen hinein zu kommen in diesen anderen Sound. Legt er jetzt nicht gerade auf, was uns begeistert? Doch. Das klingt, das vibriert. Jetzt geht`s wieder ab, und in diesen Soundwellen, auf denen wir vorsichtig wieder zu wogen beginnen, erfolgt der Absturz. Wir hören Magic Detlef aus Castrop-Rauxel am heimischen Keyboard mit seinem selbst gedrechselten Schlager, „Kerr, watt bisse schön“, 128 Klicks bei Youtube, einmal „gefällt mir“. Das war Kalle, sein Kumpel.

    Der MSV Duisburg verliert gegen den FC St. Pauli mit 1:0 durch ein Tor nach einer Ecke in der 84. Minute. Natürlich wieder nach einer Ecke. Gibt es eine Mannschaft, die mehr Tore nach Ecken bekommt als der MSV? Wer es weiß, bitte in die Kommentare.

    Wir sahen einen Klassenunterschied in der ersten Halbzeit. Der FC St. Pauli hat hervorragend gespielt. Die Zebras liefen ständig den angreifenden Paulianer hinterher. Auf der einen Seite schnelle, harte, präzise Pässe Richtung Duisburger Tor, auf der anderen Seite langsame, weiche, ungenaue Pässe, die nur manchmal in Richtung Hamburger Tor gespielt wurden. Ich werfe damit nur ein Schlaglicht auf einen entscheidenden Unterschied. Dennoch ergaben sich für die Hamburger aus dieser spielerischen Überlegenheit kaum wirkliche Chancen. Das war erstaunlich. Ich war nicht nur bereit, mich mit einem Unentschieden zufrieden zu geben. Ich machte mir sogar berechtigte Hoffnungen.

    Doch nach der Halbzeitpause gab es einen Bruch im Hamburger Spiel. Die Geschwindigkeit war verschwunden. Oder der MSV hatte sie den Hamburgern genommen? Endlich hatte der MSV Zugriff auf das Spiel gewonnen. Endlich schien die Mannschaft nicht mehr komplett unterlegen zu sein. Sie entwickelte Zug Richtung Hamburger Tor. Ab Mitte der zweiten Halbzeit war ich mit einem Unentschieden nicht mehr zufrieden. Ich wollte, dass der MSV gewinnt. Ich wollte eine kontinuierliche Steigerung der Leistung in dieser zweiten Halbzeit, und auch das war eine berechtigte Hoffnung.

    Irgendwann hing für einen Moment ein Tor in der Luft. Der Ball war frei im Fünfmeterraum. Ahmet Engin versuchte zu köpfen. Ein Paulianer wollte klären und traf ihn am Kopf. Der Aktion folgte der wahrscheinlichen Schmerz von Ahmet Engins und kein Schiedsrichterpfiff. Nicht, dass für mich diese Aktion ein klares Foulspiel gewesen ist. Aber sie erinnerte mich an die erste Zweitligasaison nach dem Zwangsabstieg, als in Fürth Kingsley Onuegbu im Strafraum auf Höhe des Elfmeterpunkts ähnlich klärte, und der Schiedsrichter Elfmeter gegen den MSV pfiff. Solche Gedanken zeigen nur, wie gefährdet meine Hoffnung auf den Sieg war, wie sehr ich nach dem Glücksmoment suchte, den der MSV trotz der verbesserten Leistung in der zweiten Halbzeit brauchte.

    Der FC St. Pauli kam ebenfalls zu keinen wirklichen Chancen. Aber es gibt ja Eckbälle, und solche Eckbälle reichen oft in einem Spiel gegen den MSV. Was für eine Enttäuschung brachte diese Niederlage. Und wer die Leistung als eine aus der Gruev-Zeit beschreibt, verweist nur auf die grundlegende Fähigkeiten der einzelnen Spieler, mit denen auch Thorsten Lieberknecht arbeiten muss.

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  30. In den Jahren 2016 und 2017 verbrachte der ehemalige Spiegel-Redakteur Gerhard Spörl einige Zeit im Ruhrgebiet. Er wollte diese Städteregion näher kennenlernen. Er wollte die spezielle Entwicklung der Industrieregion begreifen und die jüngste Geschichte des Ruhrgebiets nachvollziehen. Er sprach mit Politikern und Unternehmern, mit Wissenschaftlern, Künstlern und Journalisten. Er sprach mit den Menschen vor Ort, die das Ruhrgebiet beobachten, über dessen Eigenheiten nachdenken und die Wirklichkeit dort gestalten.

    Der fremde Blick macht frei für Erkenntnis. So schrieb er mit „Groß denken, groß handeln“ nach seiner Recherche ein Buch, in dem die Geschichte des Ruhrgebiets nach 1945 als ein interessegeleiteter Prozess deutlich wird. Von Schwierigkeiten und Hemmnissen des steten Strukturwandels im Ruhrgebiet war schon oft zu lesen. Seinen besonderen Zugang findet nun Gerhard Spörl, indem er sein Augenmerk auf Entscheider mit ihren Vorstellungen und Interessen innerhalb des geschichtlichen Verlaufs legt. Unternehmerisches und politisches Handeln nimmt er beim Strukturwandel etwa als wechselseitig sich bedingende Einflussgrößen detailliert in den Blick.

    Den Strukturwandel macht er dadurch zu einer spannenden Wirtschaftsgeschichte. Nachdem er das Entstehen des Ruhrgebiets grob skizziert hat, gleicht das Buch einer langen Reportage. Ob es um die Mentalität im Ruhrgebiet geht in Adolf Winkelsmanns Filmen oder Frank Goosens Literatur, ob Politikerangst vor Arbeiteraufständen beschrieben wird oder die von Paul Mikat angestoßene Entwicklung der Hochschullandschaft im Ruhrgebiet, immer ist der Ausgangspunkt seine Erzählens der Mensch des Ruhrgebiets im Miniporträt.

    So wird aus der Ruhrgebietsgeschichte mit dem Blick auf den Ausstieg aus der Kohleförderung fast schon eine Managerbiografie von Werner Müller, der unlängst wegen seiner schweren Erkrankung als Chef der RAG-Stiftung hat zurücktreten müssen. Gerhard Spörl zeigt, wie er als Einzelgänger in der Energiebranche sich mit seinen Ideen zu einem sozial verträglichen Strukturwandel hat durchsetzen können. Spannend enfaltet Spörl den vielstufigen Weg der Veränderung in den Energie-Unternehmen, von denen die wirtschaftliche Lage im Ruhrgebiet abhängig war. Je nach Situation wurden Netzwerke geknüpft als Koalitionen der Macht. Die Beteiligten taktierten, Müller verlor scheinbar, um schließlich unerwartet zum richtigen Zeitpunkt dennoch wieder Rückwind zu bekommen.

    Werner Spörl ist dem Ruhrgebiet sehr nahe gekommen. Mit seinem Blick von außen hält er trotz aller gegenwärtigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten ein wiedererstarktes Ruhrgebiet für möglich. Mit dem Abstand werden Stärken und neues Denken sichtbarer als in den Städten des Ruhrgebiets selbst.

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    Gerhard Spörl
    Groß denken, groß handeln
    Piper Verlag
    Hardcover, 320 Seiten
    € 22,00

    EAN 978-3-492-05849-0

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  31. [​IMG]Die meisten Holländer fahren am Ende der A516 noch einige hundert Meter weiter Richtung Centro, wenn sie nach Oberhausen kommen. Die sechs Musiker von Spinvis aber bogen vorher Richtung Eisenheim ab. In der Alten Schreinerei des Kreativquartiers Eisenheim gab die Band um Erik de Jong ihr erstes Konzert in Deutschland überhaupt. Bei intimer Clubatmosphäre begeisterten Spinvis mit Spielfreude, poetischer Kraft und origineller Instrumentierung der in ihrer Grundstruktur minimalistisch wirkenden Musik.

    Erik de Jong steht in Holland seit Jahren mit wechselnden Musikern auf den Bühnen der großen Säle. Oft wird er als Singer-Songwriter vorgestellt, während die Musik der Band auch Alternative Pop genannt werden könnte. Die frühen Tocotronic mit einem Teil Erdmöbel ergeben eine ungefähre Vorstellung von der Musik. Cello, Singende Säge, Trompete oder Tuba versetzten den Klangfolgen die überraschenden Akzente.

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    Mit seinen Texten sucht Erik de Jong im alltäglichen Geschehen und Miteinander den poetischen Moment. Er ist sowohl Erzähler als auch Dichter, wenn er singt. Manchmal hören wir ganze Geschichten, sie gleichen Reportagen mit schönen Worten. Manchmal begleiten wir ihn bei Sinnsuchen und dem Ausprobieren von erfüllenden Lebensweisen.

    [​IMG]Erik de Jong sang in Eisenheim einige seiner Lieder zum ersten Mal auch auf Deutsch. Irgendwann bemerkte er nach einem Zwischentext, er müsse üben, üben, üben. Das gilt vielleicht für seine Deutschkenntnisse, für das Schreiben seiner Lieder gilt das sicher nicht. Selbst ohne vollständiges Verstehen der niederländisch gesungenen Texte war die Kraft der poetischen Verwandlung im Raum zu spüren, wenn Erik de Jong von seinen Musikern begleitet sang. Manchmal geschehen musikalische Sensationen abseits einer großen Öffentlichkeit. In Oberhausen war das beim Konzert von Spinvis im Kreativquartier Eisenheim der Fall.

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  32. Feuchte Fußballbloggerträume

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    Fotos nackter Spielerfrauen,
    die lasziv auf Betten liegen
    oder sich den Hintern hauen
    lassen, wenn die Männer siegen.​

    Schwuler Profi, der sich outet,
    Ehebruch und Megastar.
    dessen Torschussquote flautet.
    Auch die Welt, wie sie mal war.​

    Google gibt mir page impressions.
    Facebook algorhitmet Blasen.
    Die Geschmacksverstärker nutzen.
    Findet mich mit Schlagwortphrasen.​

    Schwul, fail, Foul und komisch.
    Freundin von und Wut-PK.
    Was die Welt in Massen sucht,
    ist in meinem Blog schon da.​

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    Visitgeneratorglück​

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  33. Ein Haiku ist ein verdammt kurzes japanisches Gedicht. So kurz, dass mein Wutschrei gestern beim Spiel vom MSV beim FC Ingolstadt wahrscheinlich nicht mal hinein passt. Laut Wikipedia gilt das oder der Haiku sogar als kürzeste Gedichtform der Welt. Der MSV dagegen gilt gerade als der gegentorgefährdetste Fußballverein der Welt bei größtmöglicher Erfolgshoffnung seiner Anhänger.

    Drei Minuten Nachspielzeit gab es. Der MSV führte 1:0. Mindestens zweimal hatte die Mannschaft den Ball ohne größeren Umstand wieder hergegeben. Natürlich wächst der Druck in diesen Momenten unermesslich. Aber dieses Ausgleichstor wirkte wieder so unnötig. Wie behält man die Ordnung, wenn der Gegner ein wildes Spiel eröffnet hat? Wie schafft eine Mannschaft es, das wilde Anrennen des Gegners in vergebliche Kopflosigkeit zu verwandeln? Natürlich muss die eigene Ordnung gehalten werden, aber muss nicht spätestens im Strafraum jeder Spieler des Gegners, der den Ball führt, attackiert werden?

    Als Dustin Bomheuer im Strafraum dem gegnerischen Spieler mit einem Schritt zurück Raum ließ, anstatt ihm Raum zu nehmen, sah ich schon das Ausgleichstor. Ich hoffte noch auf Glück. Die unbehinderte Flanke ermöglichte den Kopfball. Über den ausgebliebenen Foulpfiff im Mittelfeld, kurz bevor der Ausgleich fiel, rege ich mich übrigens nicht auf. Dazu war das eigene Verschulden in diesen drei Minuten Nachspielzeit zu groß.

    Doch nicht der Ausgleich wäre Inhalt meines Haikus zum Spiel. Für mich müsste das Haiku dem Führungstor gelten. Dieses Haiku würde mit einem Schlaglicht den überzeitlichen wichtigsten Moment des Spiels erhellen. Kein Spieler der Zebras hatte das Führungstor erzielt. Das Haiku würde den schönen Kopfball eines namenlos bleibenden gegnerischen Abwehrspielers feiern. Denn zeitlos müsste das Haiku sein. Zeitlos beginnt beim Fußball-Haiku in Sachen MSV schon mit dem Bedeutungsraum von einer Spielzeit. Zehn Tore stehen für den MSV in dieser Saison erst in der Bilanz. Davon hat die Mannschaft nicht einmal alle selbst erzielt. Diese Tatsache müsste ein Haiku mit der Reinheit eines einzigen Bildes erfassen.

    Das 1:1 des MSV in Ingolstadt fühlt sich nach einer Niederlage an, und doch bin ich froh, dass es nicht tatsächlich eine Niederlage geworden ist. So widersprüchlich lässt sich auf das Spiel schauen. Zwei Mannschaften hatten Schwierigkeiten, Torgefahr zu entwickeln. Sowohl die Zebras als auch die Ingolstädter machten weniger den Eindruck, gewinnen zu wollen als nur nicht verlieren zu wollen. Zu sehen war ein Kämpfen um jeden Ball. Zu sehen waren auch eine kontinuierliche Folge von Abspielfehlern, scheiternden Dribblings und unpräzisen Torschüssen auf beiden Seiten. Anerkennenswert ist dieser Wille gewesen.

    Wie die Zebras demnächst ihre Tore erzielen sollen, ist mir ein Rätsel. Aber wenn Ingolstadts Trainer Alexander Nouri es tatsächlich ernst meint, seine Mannschaft habe sich gute Chancen erspielt, dann brauchen wir uns um einen Abstiegsplatz keine weiteren Gedanken mehr machen. Der ist gebucht dank Trainerträumereien. Um den Rest aber müssen wir uns weiter selbst kümmern. Irgendwann muss es doch einfach mal gelingen.

    Dieses Spiel des MSV gegen den FC Ingolstadt hat mich aber auch zum Schmunzeln gebracht. Ein Empörungsaufschrei war ja bei einigen Anhängern zu lesen. Die spielen beim Tabellenletzten so ein Mist zusammen, hieß es: Oder: Mann, Ingolstadt! Die sind Letzter! Ja, das stimmt. Die Zebras sind einen Platz besser. Doch diesen Klassenunterschied hat man einfach nicht gesehen.

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  34. Ein Wunsch

    Nicht Pokal mit seinen „eigenen Gesetzen“,
    nicht besonders, sondern nur ein Spielzeitspiel.
    Ganz normal ein Sieg, egal auf welchen Plätzen.
    Das gefiele mir mit Blick aufs Ligaziel.​

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    1. Manchmal ist ein Ligaspiel nur die Generalprobe für die nächste Pokalbegegnung.
    2. In die große Freude und Erleichterung über den 2:0-Sieg des MSV Duisburg gegen den SC Paderborn mischt sich immer wieder kurz die Erinnerung an Fehlpässe in gefährlichen Spielfeldbereichen. Die genaue Zahl weiß ich nicht mehr. Es waren vielleicht fünf oder sechs. Kevin Wolze machte in den ersten Minuten zweimal kurz hintereinander den Auftakt. Dramatischer wirkten spätere Fehlpässe. Mindestens einer solcher Ballverluste führt normalerweise zu einem Gegentor durch einen Konter.
    3. Die Zuschauerzahl war klassisch Duisburg. Nach dem Pokalsieg in Bielefeld waren enttäuschend wenig Zuschauer im Stadion.
    4. Der MSV begann das Spiel sehr druckvoll. Solche Anfangsphasen haben wir in dieser Saison schon gesehen. Entsprechend groß war meine Sorge vor dem Gegentreffer, der allem ein Ende bereitet.
    5. Cauly Souza deutete früh seine weiter bestechende Form an. Zweimal schon war er vom linken Flügel aus davon gezogen. Zweimal war er beim Zug in die Mitte gestört worden. Das eine Mal sogar vom eigenen Mitspieler, von Richard Sukuta-Pasu, als sich beide für einen winzigen Moment nicht über den Laufweg einig waren und Souza sein Tempo nicht beibehalten konnte. Der dritte Pass, als Steilpass auf dem linken Flügel, schließlich führte zum Erfolg. Auf Höhe der Strafraumgrenze umdribbelte er noch einen Defensivspieler und schoss wuchtig ins Tor.
    6. Von diesem Moment an gewannen die Paderborner mehr Spielanteile. Den freien Abschluss einer Offensivaktion ließ die Defensive des MSV dennoch so gut wie nicht zu. Deshalb fehlte den Paderborner mit der Ausnahme eines Distanzschusses wirkliche Torgefahr. Dieser Schuss war ein tückischer Aufsetzer. Die Angriffe waren scheingefährlich. Schüsse, Kopfbälle gingen am Tor vorbei, kamen ohne Geschwindigkeit auf das Tor oder gingen meist dorthin, wo Daniel Mesenhöler gerade stand.
    7. Die Geschlossenheit und der Einsatz der Mannschaft war beeindruckend.
    8. Für die Älteren unter uns: Lukas Fröde bescherte mir einen Kees-Bregman-Gedächtnistag. In der zweiten Halbzeit löste er eine Drucksituation im Strafraum so hochrisikoreich auf, wie es besagter Kees Bregman, einer meiner Helden der 1970er, gerne mal machte. Der Angriff der Paderborner über den rechten Flügel war abgefangen. Die Zebras versuchten den Ball sofort kontrolliert in die eigene Offensive zu bringen. Die Paderborner pressten gut und stellten die linke Seite des MSV zu. So wanderte der Ball in den Strafraum, während die Paderborner kontinuierlich nachrückten. Es war deutlich, kein Spieler der Zebras hatte viel Zeit. Der Ball kam zu Fröde. Er hatte etwas Platz, und kurz hoffte ich auf den befreienden weiten Ball ins Mittelfeld mit dem Risiko des sofortigen Ballverlusts. Doch Fröde wählte eine andere Option. Er leitete den Ball zwischen den eigenen Beinen, den linken Fuß als Bande nutzend, in den Raum hinter seinem Rücken weiter. Das war ein technisch anspruchsvoller Ball, ein wunderbarer Trickpass, der mir den Atem raubte, weil ich für einen Moment das Ungewissse dieses Passes sah. Fröde musste blind darauf vertrauen, dass in seinem Rücken tatsächlich ein Mitspieler stand und kein Paderborner sich dorthin geschlichen hatte. Gelingt so ein Pass, wirkt das großartig, wenn nicht, fällt das Gegentor. Es wirkte großartig.
    9. Auch wenn es sich wie ein Widerspruch anhört, zu Beginn der zweiten Halbzeit war ich noch nicht sehr beunruhigt wegen eines möglichen Gegentors und sehnte dennoch das zweite Tor herbei. Ich wollte mich auf dem Weg zum ersten Heimsieg sicherer fühlen.
    10. Wenn ein Spieler mit der ersten Ballberührung nach seiner Einwechslung ein Tor erzielt, wird das oft zu einer besonderen Geschichte stilisiert. Kommt es mir nur so vor, als werde die Geschichte für den Volleyschuss zum 2:0 Tor von Boris Tashchy nicht hervorgeholt? Das gefiele mir sehr, so ein Tor durch den ersten Ballkontakt als selbstverständliches Geschehen zu berichten. Das bewiese mir die Qualität des Kaders. Die Spieler werden eingewechselt und brauchen keine Anlaufzeit, um ihre beste Leistung zu zeigen.
    11. Die 2:0-Führung machte ich allerdings nicht sicherer. Ich wurde schnell nervöser. Denn die Paderborner ließen keineswegs nach in ihrem Bemühen ein Tor zu erzielen. So irrational sind wir Menschen manchmal. Nun hatte ich das Gefühl, fiele erst der Gegentreffer, brächen alle Dämme und eine Niederlage drohe sogar. Doch der MSV blieb defensiv stabil. Torgefährlicher als zuvor wurden die Paderborner nicht.
    12. Je länger eine Niederlagenserie dauert, desto wahrscheinlicher wird ein Sieg. So ein Satz gehört in die statistische Betrachtung des Fußballs. Die meisten von uns tuen sich schwer mit der Statistik, weil die Datenmegen nicht sinnlich erfassbar sind. Wir haben kein sinnliches Verhältnis zur Wahrscheinlichkeit. Unser Denken beruht auf direkter Wahrnehmung. So macht dieser erste Sieg nach der Heimspielniederlagenserie den Kopf frei. Er verwandelt den Wahrscheinlichkeitsbegriff der Statistik in einen der direkten Erfahrung. So erst wird die statistische Möglichkeit zum Nachweis der eigenen Leistung und damit zur Voraussetzung für weitere Siege.
    13. Der Sieg des MSV war verdient. Mit dieser Generalprobe können wir zufrieden sein. Wenn bis zum Februar dann noch die letzten Fehler der Aufführung getilgt worden sind, dürfen wir auf ein begeisterndes DFB-Pokalspiel gegen Paderborn hoffen.

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  35. Wenn ich Uwe Koschinat, den Trainer des SV Sandhausen, bei der Pressekonferenz seines Vereins höre, muss ich mich zügeln, nicht zu optimistisch für das Spiel der Zebras heute Abend zu werden. Er bewertet erfreulich offen seine bislang mögliche Arbeit und dabei hören wir implizit etwas, was seinen noch nicht lang zurück liegenden Arbeitsbeginn in Sandhausen deutlich von dem Thorsten Lieberknechts in Duisburg unterscheidet.

    Ab Minute 3.00 etwa ordnet Uwe Koschinat die längere Zusammenarbeit mit der Mannschaft außerhalb einer englischen Woche folgendermaßen ein: Sie sei gut gewesen, „wenn du noch immer in einer Phase bist, in der du, glaube ich, als Trainer nicht auf allzu viele Basics setzen kannst, weil du noch nicht lange genug da bist.“ Danach spricht er tatsächlich das individualtaktische Verteidigerverhalten gegen die großen Stürmer des MSV an. Wir sehen also einen Trainer, dem Grundlagen des Fußballs in seiner Mannschaft fehlen.

    Thorsten Lieberknecht brauchte nicht bei Null anfangen. Vielmehr betonte er nachdrücklich, welch intakte Mannschaft er übernommen hat. Das habe ich nicht nur auf den Teamgeist bezogen verstanden. Ich habe ihn so verstanden, dass er auch das taktische Verhalten der Spieler mitgemeint hat. Wir sehen also einen Vorteil des MSV gegenüber dem SV Sandhausen. Ich hoffe auf nicht gefestigtes individualtaktisches Defensivverhalten beim SV Sandhausen. Ich hoffe, der Vorteil wird sich im Ergebnis ausdrücken.

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  36. Das Martinsbrauchtum hat in Sandhausen nie Fuß fassen können. Bislang haben Historiker nicht klären können, warum die Verehrung des Heiligen St. Martin in Sandhausen auf solch großen Widerstand stieß. Niemals gab es Fackelzüge auf den Straßen, Weckmänner in den Bäckereien, Legionärskostüme und rote Mäntel, die geteilt wurden. Sandhausener Kinder sind seit Generationen neidisch auf ihre Freunde in den Nachbarortschaften. Vielleicht liegt es daran, dass Sandhausen seit dem frühen Mittelalter als Gemeinde des Geizes bekannt ist. Schon immer zogen die Bettler nach kurzem Aufenthalt nur weiter.

    Hätten wir Anhänger des MSV Duisburg all das früher gewusst, wären uns unangenehme 10 bis 15 Minuten am Freitag erspart geblieben. Wir hätten uns in den Schlussminuten des Spiels vom MSV in Sandhausen nicht vor einer Niederlage gesorgt. Zudem hätte Thorsten Lieberknecht die taktische Marschroute bei der Pressekonferenz vor dem Spiel sehr viel konkreter benennen können. Der Match-Plan ist hervorragend aufgegangen.

    Zunächst versuchten die Zebras die Spielkontrolle zu übernehmen. Sandhausen fühlte sich zumindest unter Druck gesetzt, denn die Mannschaft sicherte das eigene Tor mit nahezu allen Spielern, ohne selbst viel zu risikieren. Druck verwandelte sich für den MSV in Ballkontrolle mit bekannter Gefahr des Ballverlusts im Mittelfeld bei aufgerückter Defensive. Die Gefahr durch das Sandhausener Umschaltspiel verringerte sich durch schwache Abschlüsse in Tornähe. Tornähe bedeutete meist schon die Zone außerhalb des Strafraums. So standen sich zwei Mannschaften ohne wirkliche Torchancen gegenüber.

    Zu Beginn der zweiten Halbzeit ergab sich zunächst ein ähnliches Bild, doch da mit zunehmder Spieldauer die Möglichkeit eines Glückstores für Sandhausen gegeben war, gingen die Zebras auf Nummer sicher und probierten die Vorwärtsverteidigung. Thorsten Lieberknecht kommentierte nach dem Spiel die Taktik, seine Mannschaft hätte am Ende um ein Tor gebettelt. Nur wer die Lokalgeschichte Sandhausens nicht kennt, wird das als Kritik verstehen. Der SV Sandhausen als Verein aus einem Ort des Geizes wollte mit der Bettelei nichts zu tun haben. Stattdessen wurde höhnend ein Schuss an die Latte gesetzt, so wie die Sandhausener den Bettlern Kronkorken in ihre Sammelbecher schmeißen. Auch der SV Sandhausen gab aus alter Tradition am Ort nichts. Die Bettelei-Taktik war aufgegangen. Von Bielefeld sind keine Brauchtumsbesonderheiten bekannt. Dort sollte sich der MSV wieder darauf besinnen, den Erfolg mit anderen fußballerischen Mitteln zu suchen.

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    cebra und Streifenlily gefällt das.
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