Zebrastreifenblog

Dieses Thema im Forum "Blogs rund um den MSV" wurde erstellt von Omega, 11 April 2009.

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  1. Noch immer bin ich nicht ganz in der Gegenwart dieser Saison angekommen, geschweige denn, dass ich eines der zwei Punktespiele bislang habe sehen können. Die Spielergebnisse des MSV bewegen mich zwar, aber die hoffentlich bald vorübergehende Normalität des hygienischen Stadionbesuchs fühlt sich weiter unwirklich an. Ich schaffe meinen eigenen freiberuflichen Alltag und mein nahes privates Leben unter den besonderen Corona-Bedingungen hinzubekommen. Dafür braucht es mehr Planung als in früheren Zeiten. Es gibt weiter mehr Ungewissheit und weniger Möglichkeiten zu Lesungen und Auftritten. Da bleibt weiter nicht viel Raum, mich an einen Fußball unter Corona-Bedingungen zu gewöhnen.

    Statt der Gegenwart bringt deshalb die Vergangenheit, mir den Fußball sehr viel häufiger nahe. Ich beschäftige mich für zwei Projekte mit dem Fußball als Kulturphänomen, und dann gibt es noch die Zufallsbegegnungen wie neulich bei der Ausstellung „100 Jahre Ruhrgebiet – Die andere Metropole“ im Ruhrmuseum auf Zeche Zollverein. In der überschaubaren Ausstellung wird das Ruhrgebiet in sieben Segmenten vorgestellt, eines davon nennt sich „Sport- und Veranstaltungsmetropole“. Lassen wir mal die Metropole als wieder einmal viel zu großes Wort für die Gegebenheiten des Ruhrgebiets beiseite.

    Beiseite lassen, das möchte ich gerade, aber dieser kleine Ausstellungs-Nebenraum mit ein paar Plakaten, gröhlt mir gerade noch einmal lachend ins Ohr. „Metropole“, höre ich und dieses irre Lachen. Egal, in dem Metropolen-Tempel der Konzerte und des Sports, der Gruga-Halle, fand jedenfalls im Januar 1964 ein wahrhaftiges Metropolen-Ereignis statt, an dem der Meidericher SV teilnahm. Das Teilnehmerfeld mit den anderen hochkarätigen Vereinen der Metropole muss die Fußballfans in aller Welt begeistert haben. Mir ist das Ergebnis dieses Turniers nicht bekannt. Sehr viel älter als ich, muss man nicht sein, um sich daran zu erinnern. Vielleicht liest ja jemand mit, der dort war, und was erzählen kann.

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    Die traditionsbewussten Anhängern von Rot-Weiss Essen drehen wahrscheinlich am Rad beim Blick auf das Plakat. Selbst in der Heimatstadt des Vereins hielt es die Gruga-Verwaltung 1964 schon mehr mit der Rechtschreibung als mit der Vereinstradition. Wer einem RWE-Fan das Doppel-S im Farbwort nimmt, greift dessen Identität an. Mancheiner nimmt das gar als Beleidigung. Vielleicht liegt da der tiefe Grund für den Niedergang von RWE, diese Ignoranz der eigenen Stadt gegenüber den Werten bei RWE.

    [​IMG]Deshalb schnell das Beruhigungsmittel für alle mitlesenden RWE-Fans: weiss weiss weiss weiss weiss. Zu Risiken und Nebenwirkungen der täglichen Doppel-S-Zufuhr fragen sie ihre Blogger und Vereinshistoriker. Offensichtlich hat es ein RWE-Fan in Essen schwer. Zeche Zollverein, der Ausstellungsort, liegt ja bekanntlich in besagtem Essen. Als ich die eine einordnende Texttafel zum Stadionbau in der Rubrik Sportereignisse las, hatte ich verzweifelte RWE-Fans wohl gerade verpasst. Es war Hand angelegt worden an die Kürzest-Geschichtsschreibung der Ausstellung. Die RWE-Geschichte der 60er fehlte RWE-Fans jedenfalls dort.

    Ich kann die Enttäuschung dieser Fans verstehen. Wenn Bochum dort steht, obwohl der VfL erst 1971 in die Bundesliga aufstieg, kann RWE zurecht auf Gleichberechtigung pochen. Zwar war das in den 1960ern vorhandene Georg-Melches-Stadion erst wenige Jahre zuvor gebaut worden, doch profitierte RWE damals von einem der modernsten Stadien seiner Zeit.

    Geschichtsschreibung ist schwierig. Der Anfang des Textes passt wegen der sehr viel späteren Bundesligazugehörigkeit des VfL argumentativ nicht zum Ende. Da hätte dann RWE auch nicht mehr gestört.

    Insgesamt hat mich die Ausstellung übrigens etwas enttäuscht, weil die Ausstellungsinhalte sich zu gut der Hälfte nicht von der Dauerausstellung unterschieden. Dieser Sportbereich findet sich in der Dauerausstellung ebenso in ähnlicher Form wie der andere Kulturbereich. Ich hätte eine engere thematische Bindung an den Regionalverband Ruhr und die Gemeinschaftsbemühungen besser gefunden. Schließlich ist das RVR-Jubiläum Anlass der Ausstellung. Andererseits erhalten an eigene Lebensgeschichte Futter. Was natürlich auch einen Wert hat.

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  2. Unzufrieden

    Nach jedem Spiel sprechen die Trainer.
    Der eine deutet die Enttäuschung an,
    der and’re wirkt gefasst und sieht gerecht
    der Leistung beider Teams das Unentschieden
    als Ergebnis. Schauen wir, ob das auch stimmt,
    so kennen wir doch nicht des and’ren Stimmung,
    wir wissen nichts von dem Verpassen eines Siegs,
    von dem, was wir beim Stürmer sahen,
    den Ärger über den Verlust von Punkten.
    Zeigt uns die Trainersprache Lebenskunst
    mit der Zufriedenheit trotz der Erwartung?

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  3. [​IMG]

    Wenn ich unter unterschiedlichen Namen meine Texte schreibe, steckt überall zwar auch Ralf Koss mit bestimmten Anteilen in diesen Pseudonymen, und doch haben die Namen ein eigenes Dasein mit Eigenheiten entwickelt. Im letzten Jahr dachte sich etwa der Martin Wedau in mir, warum darf Kees Jaratz im Zebrastreifenblog eigentlich regelmäßig zu Worte kommen und ich habe schon lange nichts mehr zu tun gehabt.

    Er ging mir etwas auf die Nerven, weil ich gerade mit dem Manuskript von 111 Orte in Dortmund, die man gesehen haben muss fertig geworden war. Zudem hatte ich mit dem Bühnenprogramm Nach dem Anpfiff alles möglich anderes im Blick. Aber dieser Martin Wedau gab keine Ruhe. Er hatte die Anfrage vom Klartext Verlag mitbekommen, ob ich mir vorstelle könne, ein Buch über Duisburg zu schreiben.

    Der Martin in mir sagte: Duisburg, das ist doch dein Thema.
    Ralf: Sofort noch ein Sachbuch über eine Stadt?
    Martin: Klar, ich mach das doch für dich.
    Ralf: Aber da bin ich trotzdem dabei.
    Martin: Wirklich? Auch wenn ich das übernehme?
    Ralf: Wir sind immer noch ich.
    Martin: Und wenn du Tina fragst?
    Ralf: Du gibst wohl erst Ruhe, wenn ich ja sage.

    Martin grinste. Er wusste, ich hatte schon längst ja gesagt. Kurzum, Tina Halberschmidt machte mit, und Martin Wedau durfte endlich wieder was schreiben. Die gemeinsame Arbeit mit Tina Halberschmidt an Duisburg für Klugscheißer hat großen Spaß gemacht – nicht zuletzt, weil ich für alle Autorenpersönlichkeiten in mir interessante Themen entdeckte, selbst wenn nur Martin Wedau geschrieben hat.

    Wir suchten das besondere Wissen über Duisburg. Wir suchten es für die bekannten identitätsstiftenden Orten und in den unbekannteren Ecken. Wir suchten solches Wissen in der Geschichte der Stadt und im Sport. Dem MSV galt also auch unser Blick. Nun ist Duisburg für Klugscheißer erschienen und im Buchhandel erhältlich.

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    Tina Halberschmidt/Martin Wedau: Duisburg für Klugscheißer. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten.
    104 S., Klartext Verlag, Essen 2020.
    € 14,95
    ISBN 978-3-8375-2237-2

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  4. Nach dem Spiel heute gegen Saarbrücken möchte ich auf der PK von Torsten Lieberknecht auf keinen Fall folgende Worte hören: „Saarbrücken war der erwartet schwere Gegner. Sie haben uns die Räume sehr eng gemacht und ihre Konter gut ausgespielt. Aber wir haben uns nicht aus der Ruhe bringen lassen und sind gut zurückgekommen. Deshalb bin ich alles in allem zufrieden.“ Vom Ergebnis spreche ich gar nicht.

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  5. Der MSV hat an diesem Spieltag nicht gespielt und sich in der Tabelle um einen Platz verbessert. Der Abstieg ist kein Thema mehr. Sicher bin ich mir nicht, ob diese Form des Erfolgs mir dauerhaft gefallen würde. Andererseits wären viele Probleme für den MSV einfacher zu lösen, wenn die Mannschaft ohne zu spielen langfristig den Aufstieg schaffen könnte. Bis dahin wäre ich schon auch geduldig, wenn ich danach dann wieder zu Spielen eines wirtschaftlich gefestigten Vereins ins Stadion könnte.

    Wie in der letzten Saison bin ich schon wieder weniger mit dem Sport als mit der wirtschaftlichen Not des MSV Duisburg beschäftigt. Der Fußball selbst hat sich für mich zu einem Mittel für den wirtschaftlichen Zweck verwandelt. Natürlich ist das auch sonst immer der Fall, aber momentan kriege ich die immer notwendige Verdrängung der Widersprüchlichkeiten dieses Fußballsystems nicht mehr hin. Spaß macht das nicht.

    Die Voraussetzungen für Erfolg sind nun mal die finanziellen Möglichkeiten des Vereins. Diese Bedingungen am laufenden Spieltag immer wieder auszublenden gehört zu den Widersprüchen eines Zuschauerlebens. Wie gesagt, dieses Ausblenden gelingt mir gerade nicht gut. Zumal ich mal wieder gelesen habe, wieviele hoch spezialisierte unterschiedliche Funktionsstellen beim FC Bayern München in den letzten zehn Jahren geschaffen wurden, um sportlichen Erfolg zu festigen. So ein Trainerteam ist ja nur das eine. Dahinter steht ein fest angestellter Stab von mehreren Video- und Datenanalysten. Dieser riesige Verwaltungsapparat. Dann arbeiten natürlich unzählige Physiotherapeuten zu bis hin zur Ärzteschaft.

    Ein Arzt aber half mir schließlich bei der Ablenkung. Ewald Lienen und Michael Born machen schon seit längerem zusammen den Podcast Der Sechszehnerhier bei Facebook. Meist sprechen sie zunächst zu zweit über das aktuelle Geschehen. Dann kommt nach etwa einer halben Stunde ein Gast dazu. In der letzten Folge war das der Sportmediziner Prof. Dr. Hauke Mommsen. Momentan ist er Mannschaftsarzt der U21. Zuvor war er im Handball beim THW Kiel und in Flensburg Mannschaftsartz. Mit Ewald Lienen hat er beim FC St. Pauli zusammengearbeitet.

    Das Gespräch mit ihm beginnt ab Minute 33’29. In dem Gespräch erfährt man, welche komplexen Ursachen Sportverletzungen haben. Wieso Fußballer heute sehr viel individueller trainieren müssten, um Sportverletzungen vorzubeugen und wie das mit Interessen eines Trainers kollidieren kann. Oder wie die Verletzung eines Spielers die Verletzung eines anderen derselben Mannschaft wahrscheinlicher macht. Ein sehr interessantes Gespräch.


    Der Sechzehner.de · „Verletzungspech gibt es nicht!“ Professor Mommsen im Sechzehner No.59

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  6. Wer heute als junger Leser in einer Buchhandlung vor den Kriminalromanen als Hardcover im Stapeltitel steht, wird aus dem Staunen nicht mehr herauskommen, wenn er von den alten Zeiten dieser Genreliteratur hört. Lange Jahre war das Schreiben eines Kriminalromans schon die erste wichtige literarische Aussage eines Autors.

    Schon indem sich ein Romanautor der Genreliteratur zuwendete und sie als Belletristik, also „Schöne Literatur“, ernst nahm, wendete er sich gegen den Common Sense des etablierten Literaturbetriebs und damit auch gegen das Bürgertum. Das war dann ästhetische und gesellschaftskritische Aussage zugleich. Alleine durch die Stigmatisierung als minderwertige Konfektionsware der Unterhaltungsliteratur besaß der Kriminalroman subversive Kraft, die Schriftsteller für sich nutzen wollten. Wer heute auf die subversive Kraft des Kriminalromans blickt, wird also schnell zum Literaturhistoriker.

    In Spanien nutzte der 1939 geborene und 2003 gestorbene Manuel Vázquez Montalbán das erste Mal während der letzten Jahre der Franco-Diktatur diese subversive Kraft. Er war einer der erfolgreichsten und vielseitigsten Schriftsteller Spaniens. Mit seinen von 1972 an erscheinenden Kriminalromanen um Pepe Carvalho tastete er sich bald schon an die Grenzen des Genres heran, um sie in seinen letzten Romanen zu überschreiten. In dem 2001 ins Deutsche übersetzt erschienen Roman „Quintett in Buenos Aires“ etwa erinnern nur noch einzelne Handlungssequenzen und natürlich Pepe Carvalho mit seiner literarischen Biografie als Privatdetektiv an die Wirklichkeit eines Kriminalromans.

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    Das war in dem 1988 erschienenen Roman El delantero centro fue asesinado al atardecer noch anders. In dem zwei Jahre später in Deutschland unter dem Titel Schuss aus dem Hinterhalt erschienenen Roman handelt der Privatdetektiv Pepe Carvalho als klassischer Ermittler. Allerdings beschränkt sich das Geschehen nicht auf die Aufdeckung eines Verbrechens im Milieu des Fußballs. Montalban geht es um den Blick auf die spanische Gesellschaft seiner Zeit, auf die Folgen für seine Heimatstadt Barcelona durch das Streben nach Reichtum und die Versuche von Funktionären mit dem Fußball Interessen außerhalb des Sports zu verfolgen.

    Carvalho wird vom größten Fußballverein Barcelonas engagiert, weil dessen englischer Stürmer John Mortimer Erpresserbriefe erhält. Auch das ist ein klassisches Motiv im Kriminalroman: Carvalho merkt bald, großes Interesse an seinen Ermittlungen besteht gar nicht. Er wurde als symbolhafte Beruhigung engagiert.

    Verwoben ist dieser Handlungsfaden mit einer Fußballgeschichte voller vermeintlicher Romantik. Ein alternder, ehemals guter Stürmer wird von seinem jetzt viertklassigen Heimatverein als letzter Hoffnungsbote zum Ende seiner Karriere hin noch einmal verpflichtet, um den endgültigen sportlichen und wirtschaftlichen Niedergang des Vereins abzuwenden. Doch auch beim niederklassigen Centellas FC ist natürlich nicht alles so, wie es zunächst scheint.

    Montalban entfaltet zum einen eine Geschichte rund um die Bodenspekulationen, die sich in Barcelona vor den Olympischen Spielen in Barcelona 1992 ereignet hatten. Zum anderen wirft er einen Blick auf die Heldenverehrung von Fußballern und die Bedeutung des Sports als Sinnersatz in der säkularisierten Gegenwart. Das ist zeitlose Romankunst – sowohl durch die sprachliche Kraft des Erzählten als auch durch die in Teilen immer gültigen Wertungen und Gedanken über den Fußball.

    [​IMG]Manuel Vázquez Montalbán: Schuss aus dem Hinterhalt. Aus dem Spanischen von Bernhard Straub. Rowohlt Verlag, Reinbeck 1990, 236 Seiten.
    Wieder veröffentlicht: Piper Verlag, München 2007.
    Mit neuem Titel wieder veröffentlicht: Carvalho und der tote Mittelstürmer. Aus dem Spanischen übersetzt und neu bearbeitet von Bernhard Straub. Wagenbach, Berlin 2014.

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  7. Neulich habe ich schon einmal auf interessante Podcasts hingewiesen, die sich der Fußballhistorie widmen. Nick Kaßner mit seinem Podcast Hörfehler gehörte dazu. Nun sprach er in der letzten Folge seines Podcasts, der Nummer 90, mit seinen drei Gästen aus Duisburg, Köln und München allerdings nur kurz über die Fußballhistorie. Vor allem ging es um die Situation des Amateurfußballs in den drei unterschiedlichen Städten.

    Den Duisburger Christian Lenke kenne ich durch sympathische Begegnungen im Stadion. Als gebürtiger Thüringer, der nun auch schon lange in Duisburg lebt, geht er regelmäßig zu den Zebras. Auch wenn er in frühen Jahren sein Herz an den jüngst stark gebeutelten Rot-Weiß Erfurt hängte. Er ist Jugendtrainer beim SV Duissern 1923 und arbeitet zudem auf Verwaltungsebene seines Vereins mit. Er beschreibt den Duisburger Amateurfußball.

    Der Autor und Journalist Holger Hoeck gibt die Einblicke in die Kölner Amateurfußballszene. Tim Frohwein lebt in München und arbeitet am Projekt Mikrokosmos Amateurfußball mit, das die gesellschaftliche Perspektive des Amateurfußballs beleuchtet. Unschwer war auch im Gespräch seine soziologische Perspektive beim Blick auf den Amateurfuball Münchens erkennbar.

    Alle drei arbeiten an dem von Hardy Grüne ins Leben gerufene Fußballmagazin Zeitspiel mit, der journalistische Ort für einen Fußball abseits der Unterhaltungsindustrie.

    In der Folge entwickelte sich schnell ein interessantes Gespräch, das zu einer Bestandsaufnahme des Breitensports Fußball in der Großstadt wurde. Grundlegende Erfahrungen auf dem Bolzplatz wurden beleuchtet. Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Fußballs in den so unterschiedlichen Städten wurden deutlich. Schwierigkeiten und Entwicklungen des Amateurfußballs kamen zu Sprache. Der Stadt-Land-Gegensatz war immer wieder Thema. Die Folge macht Lust, sich intensiver mit dem Thema Großstadt-Fußball zu beschäftigen.

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  8. Der Versandbuchhändler Zweitausendeins wurde in den 1970ern erfolgreich als Medienhändler einer jungen, sich alternativ verstehenden Käuferschaft. In einigen Großstädten gab es sogar Ladengeschäfte für die Bücher und Schallplatten – jenes Medium, das heute für junge Käufer Vinyl genannt wird. Die Nachkommenschaft dieses Unternehmens findet sich noch unter demselben Namen. Ich glaube sogar mit Ladengeschäft, ich weiß allerdings gerade nicht mehr wo.

    Das Unternehmen hatte seine Wurzeln im alternativen Milieu Frankfurts. Entsprechend gehörte gesellschaftskritische Literatur zum Standardangebot von Zweitausendeins – inklusive Handlungsanleitungen, um der Macht des Kapitals subversiv zu begegnen. Ein Longseller des Angebots war ein im Schreibmaschinen-Typoskript gedrucktes schmales Heft, das dem MSV Duisburg heute gute Dienste leisten könnte.

    Den Titel weiß ich leider nicht mehr. Heute hieße die Broschüre vielleicht: Die dreißig besten Krankheiten, die zum gelben Schein verhelfen. Gesellschaftskritik bedeutete eben auch, als Arbeitnehmer Sand im Getriebe des ausbeuterischen Arbeitgebers zu sein und den Mehrwert Freizeit gewinnbringend für sich selbst abzuschöpfen.

    Das Buch stellte Symptome von Krankheiten dar und beschrieb, was man beim Arzt sagen sollte, damit er die entsprechende Krankheit diagnostizieren konnte. Natürlich waren Rückenbeschwerden und Magen-Darm obligatorisch, aber es gab auch deutlich anspruchsvollere Krankheiten, die ebenso wenig wirklich therapiert werden. Schließlich wollte man ja nach Hause und nicht ins Krankenhaus.

    Der DFB scheint zu glauben, der MSV habe genügend Spieler, um gegen Halle am Sonntag anzutreten. Das macht ja nichts, dass die nach der Quarantäne dann gerade mal zwei Tage zusammen trainiert haben. Vollkommen egal, wer da nun den Kader von 13 Spielern auffüllen muss. Meine Lösung wäre, Angriff ist die beste Verteidigung. Bis Sonntag können noch viele Viren von Spielern aufgenommen werden. Es muss ja nicht gerade das Coronavirus SARS-CoV-2 sein. Zweitausendeins wusste Rat. In Antiquariaten ist die bessere Broschüre sicher noch erhältlich. Den Titel wird doch einer von euch wissen?

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    Ranger 58 und Neudorf gefällt das.
  9. [​IMG]Wie bislang in meinem Leben beschäftigt mich der MSV in diesen Tagen, doch ohne Stadionbesuch entzieht sich mir die Gegenwart des Wettbewerbs. Wie in der Rückrunde der letzten Saison ärgere ich mich zwar über Niederlagen und hoffe auf Siege. Nur richtet sich das Hoffen auf Erfolg für den MSV vollkommen auf die Zukunft. Dieses Hoffen ist nichts anderes als der Wunsch, der Verein möge irgendwie diese Zeit überleben. Der sportliche Erfolg wäre dazu die einfachste Möglichkeit. So kurios es sich anhört, der eigentliche Wettbewerb ist mir im Grunde egal. Er ist eine Farce angesichts der Corona-Umstände. Spieler werden positiv getestet. Quarantäne hier, nächste Testung dort. Mehr als sonst ist der Erfolg auch eine Frage des Schicksals.

    Um diesem Widersprüchlichen noch eins drauf zu geben, stand ich in dieser Woche zusammen mit Tina Halberschmidt vor dem Stadion, um den Zebratwist zu singen. Eigentlich möchte ich den normalerweise drinnen singen. Doch ich kam in dem Fall meinem Verein mit einem guten Gefühl so nahe wie schon lange nicht mehr. Andererseits sangen wir für einen Lokalzeit-Beitrag zu unserem Buch „Duisburg für Klugscheißer“ . Zumindest ich sang mehr für den MSV in meinem Herzen und der unterschied sich doch ein wenig von dem im derzeitigen Wettbewerb. Komische Zeiten, in denen mir erst im Nachgang die Melancholie über den nicht vorhandenen wirklichen Stadionbesuch deutlich wurde.

    Wer den Beitrag sehen möchte, mit einem Klick, ab Minute 9.45 beginnt er[​IMG]. Ich meine, für 14 Tage steht er online. Sogar ein Studiogespräch folgte dem Beitrag. Tina hat das gestern gemacht. Die Geschichte des Zebratwists kannte ich natürlich schon lange, auch wenn im Beitrag mein Wissen an das Buch gebunden wurde. Bislang hatte ich allerdings keine Gelegenheit sie länger zu erzählen und sie in einen Zusammenhang mit der Uwe-Seeler-Frage zu bringen. Der Kees in mir war da ein wenig neidisch auf den Martin Wedau. Martin darauf: Hättest du doch machen können. Kees genervt: Keine Zeit, du hast mir den Anfang aus den Entwürfen geklaut. Martin zuckte entschuldigend die Schultern.

    Wir, also Tina und das in mir vereinte Trio Koss, Jaratz, Wedau freuen uns natürlich sehr über die Resonanz auf das Buch. Bei den Ruhrbaronen erschien eine Besprechung, Funkes widmete ihm am Mittwoch in WAZ und NRZ über eine halbe Seite. To be continued.

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    Pawel, NiaP, 49 Jahre Fan und 2 anderen gefällt das.
  10. Was für eine unsinnige Droll-Frage war das wieder auf der Pressekonferenz vor dem Nachholspiel heute gegen Saarbrücken. Irgendwas mit Sieg und Anschluss ans Mittelfeld der Tabelle. Als ob wir in normalen Zeiten lebten und der Tabellenstand die Mannschaft sorgen müsste. Torsten Lieberknecht machte das einzig richtige. Er sprach der Tabelle nicht nur für den Moment sondern sofort für den weiteren Saisonverlauf die Bedeutung ab angesichts von erwartbaren coronabedingten Spielausfällen. Das ist wichtig, um Folgen von solchen Tabellenbilder zu begrenzen. Ohne Spiele sind zu wenig Punkte die selbstverständliche Folge. Da braucht es etwas anderes als den üblichen Blick von Sportjounalisten auf Tabellenstände.

    Lasst mich zu den schönen Dingen des Tages kommen, die wir mehr in der Hand haben als den erhofften Erfolg gegen Saarbrücken. Ich feiere gerade Hans Günter Bruns mit seinem Auftritt im Sechszehner-Podcast. Momentan ist der ehemalige Spieler von Borussia Mönchengladbach Hans-Günter Bruns Sportlicher Leiter bei Hamborn 07. Als Trainer oder Sportlicher Leiter arbeitete er im westlichen Ruhrgebiet seit 2003 vor allem im Amateurbereich. Bei Rot-Weiß Oberhausen war es für fünf Jahre von 2006 bis 2011 auch das Profi-Geschäft.

    Mir war nicht klar, wie gut er und all diese Vereine im Ruhrgebietswesten zusammen passen. Nach dem Podcast-Gespräch von Hans-Günter „Bruno“ Bruns mit seinem ehemaligen Mannschaftskameraden Ewald Lienen und dem Sportjournalisten Michael Born weiß ich es besser. Diese knappe Stunde vom Podcast Der Sechszehner ist ein Fest für Fußballromantiker und eine Feier der Ruhrpottmentalität dazu.

    Anekdote auf Anekdote erzählt „Bruno“. Ob das nun ein nächtlicher Ausflug mit Lothar Matthäus während einer Länderspielvorbereitung war oder sein Verhältnis zu Jupp Heynkes als Trainer. Er brauchte kurz, um etwas aufzutauen, aber dann redete er wie unter Freunden. Vor allem Ewald Lienen regte ihn durchs eigene Erinnern an gemeinsame Zeit zum Erzählen an. Auch wenn „Bruno“ den größten Teil seiner Karriere als Spieler in Mönchengladbach verbrachte, kann er den Pott in seinem Wesen nicht verleugnen. So klingt das Ruhrgebiet an der Basis heute immer noch, wenn über Fußball gesprochen wird.

    Den Sechszehner gibt es auf sämtlichen Podcast-Plattformen. Hier kommt ihr mit einem Klick zu Soundcloud, wo man ihn auch ohne Podcastplayer hören kann.

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  11. Ich werde über dieses Spiel des MSV gegen Saarbrücken gestern nichts schreiben. Denn schon mit diesen wenigen ersten Worten beginne ich mich wieder über den Schiedsrichter zu ärgern. Das ist dieses verdammte „Denken-Sie-jetzt-nicht-an-einen-weißen-Bären-Phänomen“ . Schon durch diese wenigen Worte hole ich mir an der Wand der Wirklichkeit eine Beule, weil ich diese Wand umrennen möchte. Ich will diese Last-Minute-Niederlage immer noch nicht wahrhaben. Zu diesem Fußball der Corona-Zeit bekomme ich kein erträgliches Verhältnis hin.

    [​IMG]Wie entspannend wirkt stattdessen ein WDR-Beitrag, wenn er im Dezember 1965 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde. Der ‚kleine‘ Fußball“ heißt diese knapp 30-minütige Reportage über Schwierigkeiten und Möglichkeiten von Duisburger Kindern und Jugendlichen, die in ihrer Freizeit Fußball spielen wollen. Im Laufe des Beitrags wird durch O-Töne von Vereinsvertretern aus ganz NRW deutlich, Duisburg steht als Beispiel für die Situation im ganzen Bundesland. Das kommt etwas überraschend, weil mit einem Mal Männer in breitestem rheinischen Singsang sprechen und man sich fragt, ob die jetzt alle im Pott wegen der Arbeit gelandet sind. Doch nach und nach wird klar, die sprechen für ihre jeweiligen Heimatstädte.

    Überhaupt werden die anderen Sehgewohnheiten jener Zeit deutlich. Welch anderer Ton wird im begleitenden Kommentar angeschlagen. Zum einen soll der Beitrag Schwierigkeiten auf allen möglichen Ebenen zeigen. Zum anderen trägt ihn aber auch ein deutlich spürbares erzieherisches Anliegen, indem er die TV-Zuschauer animiert sich im Ehrenamt bei Sportvereinen zu engagieren und ihre Kinder dort zum Fußball anzumelden.

    Schon in den heute als rosig scheinenden Zeiten des Vereinsengagements gab es zu wenige Betreuer für die Jugendmannschaften. Kurios muten die gestellten Szenen an, in denen der Jugendobmann des TuS Duisburg 48/99 sich mit einem Vater unterhält.

    Duisburg in den 1960er Jahren war immer noch eine Stadt im Wiederaufbau. Kriegsschäden sind in den Straßen weiterhin überall zu sehen. Leerflächen sind voll von Steinen und Glas. Der Verkehr nimmt zu. Straßenfußball ist gefährlich, lautet die Botschaft zu Beginn. Sport im Verein ist die Lösung. Vorbildhaft wird die Sportanlage von TuS Duisburg 48/99 und das Vereinsleben dort gezeigt. Alles wäre gut, wenn es nur noch mehr Betreuer und mehr Plätze gäbe. Dagegen steht Duisburg 08 vor Schwierigkeiten. Den Sportplatz des Vereins beanspruchte in jener Zeit das benachbarte Industriewerk. Der Verein musste umziehen und der Vorstand arbeitete daran, ein neues Gelände zu finden. Das alte Wedaustadion ist bei einem Meisterschaftsspiel der Senioren von 48/99 ebenfalls zu sehen. Der Meidericher SV spielte damals dort bei Auswärtsspielen. Im Beitrag steckt viel historische Lebenswirklichkeit der Stadt und des Sports. Der Zebrastreifenblog empfiehlt bei Niederlagenärger und Schiri-Wut den Klick zur Retro-Seite der Mediathek.

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  12. Ohne Stadionbesuch beschäftigt mich immer intensiver die Fußballkulturwelt. Weniger der aktuelle Sport bewegt mich als das Schreiben und Sprechen über die Bedeutung des Fußballs in der Gesellschaft. Ich lese darüber, wie Mannschaftstaktiken und nationale Selbstbilder sich gegenseitig beeinflussen. Ich höre Podcasts, wenn über Fußball als soziales oder politisches Phänomen gesprochen wird. So haben sich drei Folgen vom Hörfehler angesammelt, auf die ich jeweils sofort nach dem Hören hatte hinweisen wollen. Daraus wurde nun ein Sammelhinweis, auf dass ihr euch das Hören verteilen könnt.

    Der Sozialwissenschaftler und Buchautor Robert Claus ist in Folge 91 zu Gast. Im Verlag Die Werkstatt ist sein Buch Ihr Kampf – Wie Europas extreme Rechte für den Umsturz trainiert erschienen. In ihm beschreibt er das Wirken von Rechtsextremisten im Kampfsport und deren Vernetzung in Europa, nicht ohne Querverbindungen zum Fuball nachzugehen. Da er mit Hooligans zudem ein Buch über die gegenwärtige Holligan-Kultur geschrieben hat, kennt er sich auch gut in den Fankurven deutscher Stadien aus. Dieser Podcast bietet sowohl einen tiefen Einblick in die Strukturen gewaltbereiter Rechtsextremisten als auch in den unterschiedlichen Umgang von Vereinen und Fans mit dem Versuch von Rechtsextremisten Einfluss auf Fankurven zu gewinnen. Ganz grundsätzliche Fragen zu sozialen Entwicklungen werden angesprochen und indirekt wird einmal mehr deutlich, das Benennen von Strategien und Methoden des Rechtsextremismus ist die Voraussetzung, um vorgeblich unpolitisches Handeln als demokratiefeindlich zu erkennen.

    In Folge 88 spricht Nick mit dem Historiker Julian Rieck über Real Madrid im Franquismus. Wer sich für europäische Geschichte interessiert, wird dieser Folge gebannt zuhören. Wieder führt das Gespräch über den Gesprächsanlass hinaus. Der genau Blick des Historikers Julian Rieck macht das komplexe und oft widersprüchliche Geschehen erkennbar, das wir sonst so gerne auf eine eindeutige Historienerzählung reduzieren. Wer so von der Historie erzählt, macht das allgemein Menschliche in dem Geschehen einer anderen Nation und Kultur deutlich.

    In der zuletzt erschienenen Folge widmet sich der Hörfehler dem Thema Fußball und Identität. Nick spricht mit Hardy Grüne, dem Herausgeber vom Fußballmagazin Zeitspiel, und Bernd Sautter, der ebenfalls für das Magazin schreibt. Beide hatten sich für die letzte Ausgabe des Magazins mit dem Thema intensiv auseinander gesetzt. Interessant ist dieses Gespräch durch die besondere Mischung von Erzählen über die eigene Fußballzuschauerbiografie, bei der immer auch größere lokalhistorische Kontext angerissen wird und der Betrachtung, wie sich durch die veränderte Gesellschaft die Verbindung zum Lieblingsverein in den letzten 60 Jahren gewandelt hat.

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  13. Die Castroper Straße 10 in Bochum gibt es nur noch als Teil der Doppelbebauung zweier Grundstücke. Ein Zweckbau ist hier errichtet worden, wo einst zwei Häuser standen. In einem von ihnen, auf besagtem Grundstück Nummer 10 befand sich das Vereinsheim von Schild Bochum, dem letzten Deutschen Meister vom jüdischen Sportverband Schild. Noch 1938 fand in diesem Haus ein Festakt statt, nachdem die Bochumer Mannschaft am 26. Juni das Endspiel gegen den Titelverteidiger Schild Stuttgart mit 4:1 gewann. Dieser Sieg hatte für die verbliebenen Mitglieder der Bochumer jüdischen Gemeinde einen hohen Stellenwert. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde war anwesend, der Rabbiner, sowie mehrere Schild-Sportfunktionäre.

    Schild Bochum war als Hakoah Bochum 1925 von Erich Gottschalk und Freunden gegründet worden. Die Familien der Gründungsmitglieder stammten aus dem Bürgertum. Erich Gottschalk besaß ein Handelsunternehmen. Ein Jahr nach der Gründung waren etwa 300 der 1000 Bochumer Juden Mitglied in dem Sportverein. Sie waren nicht nur Fußballer. Es wurde Leichtathlektik betrieben. Fechten war ein Sport im Verein, Boxen und Tischtennis.

    Das war jenes Jahr, als der jüdische Verein Hakoah Essen die Aufnahme in den Westdeutschen Spielverband (WSV) beantragte. Der Vorsitzende des WSV, Constans Jersch, damals Präsident des TuS Bochum und bis in die 1950er Jahre Funktionär beim VfL Bochum, lehnte diesen Antrag wegen „Überfüllung der Spielklassen“ ab. Im antisemitischen Klima jener Zeit wirkte die Entscheidung auf die jüdischen Sportler als Ausgrenzung und Aufforderung, sich selbst zu organisieren. In der Folge wurde der „Verband jüdisch neutraler Turn- und Sportvereine Westdeutschlands“, VINTUS, gegründet, der eine eigene Fußballliga organisierte, eingeteilt in den Ruhr- und Rheinkreis. Diese VINTUS-Liga muss man sich zunächst als gehobene Freizeitliga vorstellen, in der Hakoah Bochum dreimal Meister wurde.

    Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 schlossen viele DFB-Vereine ihre jüdischen Mitglieder im vorauseilenden Gehorsam aus. Wenn die ausgegrenzten Fußballer weiter ihren Sport betreiben wollten, blieben ihnen die jüdischen Sportvereine. Entsprechend stieg deren Mitgliederzahl. Nicht nur der Spielbetrieb wurde deshalb ausgeweitet, auch das sportliche Niveau der Mannschaften verbesserte sich durch die neuen Mitglieder.

    Die jüdischen Sportler hatten zunächst die Wahl zwischen dem zionistisch geprägten Makkabi-Verband und dem Schild-Verband, in dem sich schon zuvor Juden organisiert hatten, die sowohl ihren jüdischen Glauben als auch ihre innere Verbindung zu Deutschland zum Ausdruck bringen wollten. Erst später zwangen die Nationalsozialisten beide Verbände zu kooperieren. Hakoah Bochum schloss sich dem Schild-Verband an, nannte sich um und setzte als Schild Bochum seine Erfolgserie fort. Von 1933 bis 1938 erreichte der Verein vier von fünf Finalspielen und gewann dreimal den Titel in der VINTUS-Liga.

    Ab 1936, die Nürnberger Gesetze entrechteten im Jahr zuvor die jüdische Bevölkerung, wurde dem Verein in Bochum der Sportbetrieb nicht mehr ermöglicht. Die Mitbenutzung der Platzanlage von Preußen 07 war aufgekündigt worden, und Schild musste fortan nach Gelsenkirchen-Ückendorf ausweichen, wo der dortige jüdische Verein einen eigenen Sportplatz besaß.

    Der Schild-Verband verantwortete das Ausspielen der Deutschen Meisterschaft. Das letzte Endspiel dieser Meisterschaft fand 1938 statt. Schild Bochum stand zum erstenmal im Endspiel um die „Schild“-Meisterschaft und gewann gegen den Titelverteidiger und zweimaligen „Schild“-Meister aus Stuttgart. Die Zeitung der „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ berichtete vier Tage nach dem Finale von einem kampfbetonten und schnellen Spiel vor 400 Zuschauern. Die Mannschaft gewann trotz verletzungsbedingtem Ausfall des Außenstürmers in der 10. Minute.

    Vier Monate nach dem Titelgewinn endete mit den Pogromen des 9. November 1938 die Vereinsgeschichte. Die Spieler wurden verfolgt, in Konzentrationslager verschleppt und nur wenige konnten flüchten. Erich Gottschalk überlebte in Ausschwitz durch Zufall. Seine Ehefrau, die Tochter und die Eltern von Erich Gottschalk wurden in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten ermordet.

    Der Text greift das Kapitel „Das Vereinsheim von Schild Bochum“ auf aus meinem mit Frank Baade geschriebenen Buch „111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss“. Der Sporthistoriker Henry Wahlig hat die Geschichte des jüdischen Sports im Allgemeinen und die des Bochumer Vereins im Besonderen intensiv erforscht.

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  14. [​IMG] Heute komme ich mir vor wie der Onkel auf der Familienfeier, der sich immer daneben benimmt. Laut polternd kommt so einer zum Nachmittagskaffee, macht seine Witze zur Begrüßung und merkt nicht, dass alle ganz sorgenvoll aussehen. Endlich sagt einer, Oppa iss im Krankenhaus. Wir wissen noch nicht, was wird.

    Unser Oppa ist gerade der MSV. Die Intensivstation droht. Die behandelnden Ärzte hatten gemeint, nur eine schwere Operation könne helfen. Nun überlegen sie angesichts des drohenden Siechtums sogar dem Patienten Gino Lettieri zu geben, mehrmals täglich. Das Schiele-Medikament können sich anscheinend nur Privatpatienten leisten. All das macht Angst. Wir wissen zwar, die Lettieri-Behandlung hat vor ein paar Jahren für einige Zeit geholfen. Aber wir in der Familie hatten gedacht, dem Oppa würden mittelfristige Therapieformen viel besser helfen. Irgendwas, was nach und nach dauerhafter Kraft bringt. Nicht immer diese Brachialtherapien zur kurzfristigen Wiederbelebung. Wie soll man da den Ärzten trauen?

    Und nun sollen wir angesichts der kritischen Lage des Patienten uns um sein Lieblingslied, den Zebratrwist, kümmern? Im August war der Grand Prix de la Vereinslieder noch eine schöne Spielerei, um die Sommerpause zu überbrücken. Gestern nun haben die Initiatoren vom Millerton.de das Finale eingeläutet. Hier werden die Vereinslieder mit launigen Worten vorgestellt. Bis zum 22. November, 23.59 Uhr, könnt ihr abstimmen. In das Endergebnis wird ein Jury-Urteil einfließen, das vom Millerton.de zum Ende des Monats als Podcast-Sendung veröffentlicht wird. Das Ergebnis gibt es als Adventskalender auf der Seite. Ab dem 1. Dezember werden die Plätze 24 bis eins veröffentlicht. Aber so richtig in Stimmung bringt mich das nicht.

    Abstimmen werde ich natürlich trotzdem. Wenn auch ihr abstimmen wollt, kommt ihr mit dem Link direkt zum Voting. Ihr habt fünf Stimmen. Absteigend in der entsprechenden Reihenfolge vergebt Ihr zwölf, zehn, acht, sieben und sechs Punkte.

    Wer im August die Regionalentscheidung hier nicht mitbekommen hat kann noch einmal mit den Links unten nachvollziehen, was passiert ist. In einer Vorrunde hatte ich 18 Kandidaten vorgestellt.
    Die ersten drei Kandidaten hört ihr nach dem Klick
    Startnummer 1: Die treuen Bergvagabunden – Oh, mein MSV
    Startnummer 2: Rüpels Royal – Zebrastreifen
    Startnummer 3: MSVD1902only – Wir sind die Fans vom MSV

    Die Kandidaten 4 – 7 hört ihr nach dem Klick
    Startnummer 4: Los Placebos – Nur für dich, Meiderich
    Startnummer 5: Der Zebra-Twist
    Startnummer 6: Pilz Herb – Heimspiel
    Startnummer 7: TOBZ – Meidericher Spielverein

    Die Kandidaten 8 – 11 hört ihr nach dem Klick
    Startnummer 8: Die Melodicons – Im Stammlokal
    Startnummer 9: Duisburg-Lied
    Startnummer 10: Eat the Unicorn – Auf’er Köpi
    Startnummer 11: Dagmar Albert Horn – Wenn ich samstags ins Stadion gehe

    Die Kandidaten 12 – 18 hört ihr nach dem Klick
    Startnummer 12: Besser deutsch – MSV
    Startnummer 13: MSV-Hymne
    Startnummer 14: Chantal – Wir sind die Zebras
    Startnummer 15: 1. Liga – Duisburg ist dabei
    Startnummer 16: The Gummibärenzebras – Spielverein
    Startnummer 17: MSVD1902only – Niederrheinpokalsieger
    Startnummer 18: Tears for BeerZ – 1902

    Das Ergebnis des Regionalentscheids findet ihr hier.

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  15. Das war gestern ein Schlag ins Kontor. Auch heute morgen umgibt mich nach der offiziellen Bekanntgabe der Verpflichtung von Gino Lettieri als neuem Trainer des MSV Duisburg die dunkle Stimmung eines Niedergangs, Abstiegs und Verlustes. Es gibt zwei Möglichkeiten, die diese Stimmung vertreiben könnten. Die eine ist nicht zu erwarten, die andere zeigt sich erst im Verlauf der Saison und ist eine illusionäre Fantasie.

    Nicht zu erwarten ist eine schlüssige Erklärung für diese Verpflichtung aus dem Verein. Eine Erklärung, die mehr ist als eine Reihe von Klischees zur Persönlichkeit von Gino Lettieri. Eine Erklärung, die mir zeigt, dass in diesem Verein weiter konzeptionell gearbeitet wird. Niederlagen reichen mir nicht als Erklärung für den Wechsel von A nach B. Es muss schon einen Unterschied zwischen dem neuen und alten Trainer geben. „Ehrgeizig, fordernd, ein echter Arbeiter“ war Torsten Lieberknecht auch. Die andere Möglichkeit ist alleine der sportliche Erfolg des Aufstiegs. Das klingt nach einer Illusion. Mein dumpfes Gefühl kommt eben nicht von ungefähr. Ich weiß, mit diesem dumpfen Gefühl bin ich nicht alleine. Das letzte Mal war ich über das Handeln in meinem Verein so enttäuscht, als Walter Hellmich im Alleingang die Verpflichtung von Peter Neururer als Trainer verkündete.

    Die Verpflichtung von Gino Lettieri beschädigt meinen Eindruck, dass im MSV Duisburg seit dem Zwangsabstieg mit Sachverstand und klarem Konzept gearbeitet wird. Vielleicht hat Gino Lettieri in den letzten fünf Jahren dazu gelernt. Vielleicht ist sein Fußballwissen größer geworden. Vielleicht hat er menschlich dazu gelernt. Diese kleine Hoffnung muss all den Ballast tragen helfen, der sich 2014 bis 2015 für mich durch seine Arbeit angehäuft hat.

    Ein roter Faden durchzieht meine Texte, vor allem die aus dem Aufstiegsjahr 2015. Deshalb ist der damalige Erfolg des Aufstiegs auch kein Argument für die Verpflichtung von Gino Lettieri. Immer wieder kam ich darauf zu sprechen, dass Gino Lettieri jegliche Form von Selbstkritik fehlt. Das gipfelte in dem Interview nach dem Halbfinale im Niederrheinpokal gegen RWO, in dem ja bekannter Weise nicht die erste Elf spielte. Was ich wegen des folgenden Spiels gegen Kiel um den Aufstieg verstand. Ich verstand aber nicht, dass er seine B-Elf den Fans zum Fraß vorwarf. Er forderte nach dem Spiel den Zusammenhalt und hielt sich selbst nicht dran. Gedeckt wurde er durch Ivo Grlic. Zu meiner großen Freude haben die meisten Fans damals dieses Manöver nicht mitgemacht. Diese B-Elf konnte nicht so gut spielen wie ein ehrgeiziger Regionalligist.

    Kurz vor der sich abzeichnenden Entlassung von Gino Lettieri habe ich einen Text geschrieben, in dem ich sehr genau notierte, warum ich kein Vertrauen in seine Arbeit hatte. Das war kein Text über den wenig attraktiven Fußball jener Zeit, sondern zu meinem Eindruck, wie sich Gino Lettieri mit Misserfolgen auseinandersetzt und welche Schlüsse er aus ihnen zieht. Noch einmal: Vielleicht hat er sich geändert. Ich hoffe es sehr. Denn mein Eindruck wurde noch einmal bestätigt. Als er 2017 bis 2019 in Polen bei Korona Kielce arbeitete, erhielt ich im ersten Jahr die Mail eines besorgten Anhängers, der über seinen Verein im Netz quasi-journalistisch schrieb. Er wollte wissen, wie ich Gino Lettieri einschätze. Es war eine neutrale Frage. Erst in einer zweiten Mail auf meine Antwort erfuhr ich, es gab offensichtliche Unstimmigkeiten zwischen einem Teil der Mannschaft und Gino Lettieri. Da ging es um verdiente Spieler des Vereins. Diese Unstimmigkeiten wirkten sich auf die Leistung aus. Ich habe das nicht weiter verfolgt. Sicher, so etwas gibt es immer wieder im Fußball. Für mich war es aber eine erneute Bestätigung, dass zu Gino Lettieris Stärken nicht die Menschenführung zählt.

    Was uns wieder zurückführt zur konzeptionellen Arbeit des MSV Duisburg. Ausbildungsverein, so hieß es. Junge Spieler an die Mannschaft heranführen. Das passt nicht damit zusammen passt, was wir über Gino Lettieri wissen. Anscheinend führt sein Umgang mit Konflikten zu Schwierigkeiten in seinem Arbeitsfeld. Deshalb braucht Gino Lettieri den sportlichen Erfolg mehr als andere Trainer, um länger bei einem Verein zu arbeiten. Für mich zählt nach dem Trainerwechsel als Erfolg sogar nur der Aufstieg. Die Illusion zurzeit. Ich glaube, einen Abstieg hätte auch Torsten Lieberknecht verhindern können. Dann hätte man sich am Ende der Saison getrennt. Das wäre ein sauberes Arbeiten gewesen. Das Konzept wäre erkennbar geblieben. Das hätte ich mir von meinem Verein gewünscht.

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  16. Im Herbst 2019 erschien mit Nicht wie ihr ein Roman von Tonio Schachinger mit einem Fußballprofi als Hauptfigur. Tonio Schachinger ist Österreicher. Die erzählte Fußballwelt hat ihre Wurzeln also in Österreich, auch wenn der Profi, ein österreichischer Nationalspieler, in England spielt und der Gesamtblick europäisch ist. Noch habe ich das Buch nicht ausgelesen, doch schon nach gut der Hälfte kann ich den Roman nur empfehlen. Die Begründung in einer Besprechung kommt später.

    Den folgenden kurzen Ausschnitt vom Anfang des Romans möchte ich euch aber schon heute nicht vorenthalten, weil Tonio Schachinger uns nicht nur eine Erinnerung mit stimmiger Wertung an Stefan Maierhofer gibt, sondern auch weil er auf einer einzigen Seite die Fußballgegenwart Deutschlands auf für mich sehr amüsante Weise und natürlich in der Absolutheit ungerecht in den Boden stampft.

    Da seit der Saison von Stefan Maierhofer als Stürmer im Zebratrikot schon einige Zeit vergangen ist, ein paar Worte für die ganz jungen Leser hier. Stefan Maierhofer spielte in der Saison 2010/2011 beim MSV, jener Saison des letzten Höhenflugs der Zebras, zu dem der österreichische Leihspieler viel beitrug. Für einen Spieler, der so kurz da war, hatte er großen Eindruck bei den Fans hinterlassen. Tonio Schachingers Wertung habe ich zwei Jahre nach Maierhofers Weggang vorweggenommen, als der MSV beim 1. FC Köln spielte. Dort war er für eine Halbsaison gelandet. Er kam bei vielen Vereinen unter, und der Ertrag für seine spielerischen Möglichkeiten war jeweils groß. Nun aber lest selbst

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    Wer bereits durch diesen Ausschnitt angefixt ist. Hier die Angaben zum Buch, das seit dem August auch als Taschenbuch erhältlich ist.

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    Tonio Schachinger
    Nicht wie ihr ihr
    304 Seiten

    gebunden
    Kremayr & Scheriau Verlag
    € 22,90
    ISBN 978-3218011532

    Rowohlt Taschenbuch
    € 12,00
    ISBN 978-3499004506

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  17. Der Stig hat hier schon lange nichts mehr geschrieben. Der war mal hier der Mann für zornige Worte. Erst hatte er hospitiert, dann mal übereifrig die Tastatur übernommen. Irgendwann habe ich ich ihm sogar den Vortritt gelassen. Ruhig konnte der nicht. Am Wochenende hat er mir eine Mail aus Dänemark geschrieben, er will sofort den Platz für einen Gastbeitrag bei mir. Ich weiß, ihm liegt der MSV weiter so am Herzen. Aber den Gastbeitrag brauche ich gar nicht. Ich stimme ihm sofort bei, wenn ich nur einen Moment an die Gegenwart des MSV denke. Mein Ärger ist groß. Aber dieser Ärger gilt nicht der Mannschaft.

    Ich bin mir nicht sicher, ob es gut oder schlecht ist, dass ich nicht ins Stadion komme, um zu trauern, um zu wüten und meiner anhaltenden Fassungslosigkeit einen Ausdruck zu geben. Ich habe das Spiel gegen Verl nicht gesehen. Das kommt von dieser Mischung aus Corona-Zweifel am TV-Fußball und meiner Enttäuschung über das Handeln beim MSV. Ich brauche mit dem Fußball nur im TV Abstand, weil der MSV Teil meines Lebens ist und ich mit einem Trainer klar kommen muss, dessen Arbeit ich nicht gutheiße.

    Es ist nämlich verdammt noch mal nicht schön, wenn Menschen zunächst Schuld bei anderen suchen. Es ist einfach nicht schön, wenn ein neuer Trainer eine Mannschaft innerhalb weniger Tage noch schlechter macht als vor seinem Arbeitsbeginn. Und es ist einfach schrecklich, die aus der ersten Amtszeit vor fünf Jahren bekannte Haltung dieses Trainers in seinen Kommentaren nach dem Spiel wiederzuerkennen. Da ist Gino Lettieri laut Kicker enttäuscht und sagt, so könne man nicht gewinnen. Der Mannschaft habe der absolute Wille gefehlt.

    Ich fasse es nicht. Wenn man eines den Spielern des MSV nicht vorwerfen konnte in der Zeit von Torsten Lieberknecht, dann war es der absolute Wille ein Spiel zu gewinnen. Und nun frage ich, wie kann das sein, dass der auf einmal nicht mehr spürbar ist? Gino Lettieri ist der alte geblieben. Er fragt sich nicht, ob das etwas mit seinen Vorgaben zu tun hat. Nach dem dritten Spiel mit ihm als Trainer distanziert er sich von den Spielern. Unfassbar. Ich lese kopfschüttelnd, die Wirkung des Trainerwechsels sei verpufft und muss bitter lachen. Die Wirkung hat es offensichtlich gegeben. Da ist nicht nichts verpufft. Die Wirkung war nur eine andere als das Fußballklischee vorgibt.

    Wer andere, bessere Gründe für die desaströse Spielweise des MSV gegen Verl lesen möchte, der klicke weiter zum MSVPortal, wo der User Schimanski sich seit langer Zeit immer wieder sehr detailliert mit dem Verhältnis von möglichen Taktiken im Zusammenhang mit den spielerischen Möglichkeiten einzelner Spieler auseinandersetzt. Liest man diesen ersten und diesen zweiten Kommentar, wird man eine Erklärung erhalten, warum die Spieler des MSV so unter Druck gerieten und warum es dann so wirkte, als sei ein absoluter Wille nicht vorhanden. Dieses absolute Wille braucht eine Struktur, um sich zu entfalten. Im Fußball nennt man so eine Struktur normalerweise Taktik. Dummerweise sind dafür nicht die Spieler verantwortlich. Gino Lettieri möchte auch fünf Jahre nach seinem ersten Engagement diesen Zusammenhang nach Niederlagen gerne vergessen machen.

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  18. Ein Leben, gepackt in einen Songtext. Das ist Kunst. Einen Fußballkünstler angemessen gewürdigt.

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  19. Am letzten Samstag erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Interview mit Marco Bode. Thomas Hürner und Ralf Wiegand hatten mit ihm gesprochen. Schon die einleitenden Worte stimmen auf das große Thema dieses Interviews ein: „Seit 2014 ist Bode, 51, Aufsichtsratsvorsitzender des Klubs – und auf der Suche nach Koalitionen, um den deutschen Fußball wieder gerechter zu machen.“ Dass er selbst Profifußballer bei Werder war, füge ich für die jüngeren Leser hier hinzu.

    Dieses Thema Gerechtigkeit steht für Marco Bode und andere Verantwortliche bei Werder Bremen offensichtlich in einem größeren Zusammenhang. Wenn es zunächst um die wirtschaftlichen Bedingungen für sportlichen Erfolg geht, rückt der Fußball als Teil der Unterhaltungsindustrie in den Vordergrund. Doch im Laufe des Gesprächs wird deutlich, Marco Bode geht es um sehr viel mehr als um die Spannung des Wettbewerbs, um den Fußball als attraktive Unterhaltungsmöglichkeit zu bewahren.

    Marco Bode geht es um den Fußball als Kultur. Seine Worte unten sind vorbildhaft.

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    Das gesamte Interview gibt es online nur mit Abo. Zusammenfassend mit einem Klick.

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  20. [​IMG] Vor einem Jahr war ich bei Hasan Sahin im Dortmunder Taranta Babu zu Gast mit der Premierenlesung meines Buchs 111 Orte in Dortmund, die man gesehen haben muss. Viele der im Buch erzählten Geschichten verweisen auf historische Ereignisse. Im Podcast zu der 111-Orte-Reihe hatte ich die Gelegenheit von einem dieser Ereignisse zu erzählen. Die Pfarrgemeinde von St. Suitbertus erhielt nämlich 1980 fünf ineinander gestellte Stahlreifen unterschiedlicher Größe geschenkt, die als Skulptur auf dem Parkplatz der Kirche platziert wurden. Diese Stahlreifen haben eine Vorgeschichte auf der Hannover-Messe, was uns viel über die Mentalität im Ruhrgebiet verrät. [​IMG]Vom Taranta Babu habe ich dann natürlich auch erzählt und vom Binarium, dem Museum für Digitales und Computerspiele, das sich in einem ehemaligen Gebäude der Zeche Hansa befindet. Bei all dem blieb das Verhältnis der Städte im Ruhrgebiet zueinander nicht außen vor. Dass ich diese drei Dortmunder Orte für das Gespräch mit Steffi Knebel und Matz Kastnig aussuchte, kam nicht von Ungefähr. Ich trat gegen die zwei an zum spaßigen Städtevergleich mit Köln in der Rubrik Fußballorte und Prag.

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    Der Podcastplayer lässt sich leider hier nicht einbinden. Mit einem Klick auf das Bild kommen Sie sofort zum Startbutton des Podcasts und einer langen Linkliste für die im Gespräch erwähnten Themen.



    Mit einem Klick zu der im Podcast genannten Extra-Tour, die ich für Dortmund erstellt habe.

    Mit einem Klick zu den 111 Orten bei Facebook oder Instagramm, wo der Emons Verlag zudem ein Gewinnspiel zu den Podcast-Folgen ausrichtet.

    Möchten Sie das Buch mit meiner Signatur erwerben, können Sie es auch bei mir versandkostenfrei bestellen.

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  21. Seit Anfang der Saison begibt sich der MSV Duisburg mit dem Hashtag #gemeinsam in die sozialen Medien. Getragen war dieser Hashtag vom Wissen im Verein, der MSV Duisburg braucht den Zusammenhalt, um die Saison angesichts der Corona-Bedingungen zu überstehen. Getragen war das vom Wissen, in schweren Zeiten müssen alle in und um diesen Verein zusammenstehen, sonst kann diese Zeit ohne große Einnahmen die Existenz des Vereins bedrohen. Getragen war dieser Wunsch nach Zusammenhalt auch vom Wissen, den so lange möglich scheinenden Aufstieg doch nicht geschafft zu haben. Enttäuschung lässt sich gemeinsam leichter verarbeiten. Das Gemeinschaftsgefühl musste auch benannt werden, weil es keine Gelegenheit gibt, es im Stadion zu erleben. Wir müssen es bereden, besprechen. Vor allem aber müssen wir als Fans im Verein durch die Handelnden vorgelebt erleben. Und jetzt haben wir Gino Lettieri als Trainer. Ein Mann, der ein glückliches Leben führen muss, weil Schuld immer die anderen sind – #gemeinsam.

    Ich hatte mich mit dieser widersinnigen Trainerverpflichtung abgefunden und gehofft, irgendwie die Saison zu durchstehen. Ich kann das nicht, wenn die einzige Reaktion von Gino Lettieri nach Niederlagen das Beschimpfen seiner Spieler ist. Hashtag gemeinsam, was für ein Hohn. Der MSV Duisburg zerlegt seine Integrität und alles an Vertrauen, was die Vereinsführung seit 2013 mühsam wiedergewonnen hat.

    Wenn im MSVPortal sämtliche User, deren Stimmen ich in den unterschiedlichen Themen von Sport bis zu Finanzen seit Jahren als seriöse Beobachter des Vereins kenne, das Handeln im Verein nicht mehr nachvollziehen können, ist die Lage des MSV tatächlich dramatischer als 2013. Wenn im MSVPortal über die Lage des MSV substanziell und klüger nachgedacht wird als es durch die öffentlichen Äußerungen der Vereinsvertreter wahrnehmbar ist, offenbart das eine dramatische Krise im Verein. Ohnmächtig sehe ich, es fehlt im Verein das Personal das die Grundvoraussetzung für die Bewältigung dieser Krise vorlebt.

    Gemeinsam? Nein, da sind versagende Spieler. Wo ist der Sportdirektor, der den von ihm verpflichteten Trainer erinnert, was die Leitlinie dieser Saison war? Er müsste es sogar als Selbstschutz für den Erhalt seines Arbeitsplatzes machen, weil dieser Trainer kontinuierlich Spieler schlecht redet, die er selbst verpflichtet hat. Aber, ach ja, Gino Lettieris Trainerpersönlichkeit war ja bekannt. #gemeinsambeierfolg

    Ohnmächtig sehe ich, wie das geschieht, was nicht nur ich nach der Nachricht von Gino Littieris Verpflichtung befürchtet hatte. Jetzt reagiert der Verein auf einen offenen Brief aus der Fanszene mit vielen Fragen. Aber in dieser Krise reicht der geplante Chat mit Ingo Wald, Peter Monhaupt und Ivo Grlic leider überhaupt nicht. Da werden dann Antworten gegeben, manche nachvollziehbar, manche werden auf Widerspruch stoßen. Vieles wird nicht zufrieden stellend beantwortet werden. Denn Wahrheiten müssten gesagt werden, die das gegenwärtige Arbeiten auf sportlicher Ebene gefährden. Ich denke an realistisches Einschätzen von sportlicher Leistungsfähigkeit des Kaders.

    Neben solchen Antworten, die die Stimmung rund um den MSV im Zaum halten, braucht das Unternehmen MSV Führung von außen. Eigentlich kann dieses Unternehmen nämlich unter Corona-Bedingungen ruhiger arbeiten als in einer normalen Saison. Der Druck durch die Zuschauer bleibt ja aus. Die Folge aber ist ein Vertrauensverlust in die sportliche Leitung, der nicht nur durch sportlichen Misserfolg erklärbar ist. Meine einzige Hoffnung für diese Saison ist die Offenheit von Ingo Wald für Kritik. Meine einzige Hoffnung ist seine Persönlichkeit und mein Wissen, dass er für Meinungen von seriösen Kritikern des MSV offen ist; dass er mit vielen dieser Kritiker im Austausch ist. Meine einzige Hoffnung für die Verhinderung des Niedergangs ergibt sich aus diesem Wissen.

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  22. [​IMG] Als ich zum Abstimmen für den Zebratwist beim Finale des Grand Prix de la Vereinslieder Song Contest aufrief, schien mir der Oppa MSV so erkrankt, dass ihm die Intensivstation drohte. Was ich befürchtete, trat ein. Nun liegt der Oppa schon seit ein paar Wochen dort. Allerdings sieht es momentan so aus, als arbeiteten im Krankenhaus nicht die besten Ärzte. Es geht dem siechen Körper täglich schlechter. Die Behandlung scheint neue medizinische Erkenntnisse wenig zu berücksichtigen. Wahrscheinlich sehen wir bald Blutegel am Patientenkörper, weil das Beatmungsgerät dauerhaft ausfällt.

    Ich verrenne mich in Worten, das macht meine schlechte Laune etwas besser. So kann ich zumindest meine Chronistenpflicht erfüllen. Der Adventskalender mit den Platzierungen im Grand Prix de la Vereinslieder Contest ist seit gestern online. Später wäre ja auch schlecht gewesen. Ich weiß, mir seht ihr die Verzögerung des Hinweises wegen allgemein mieser Stimmung nach. Wenn ihr jeden Tag vorbei schauen wollt, nutzt den Link oben. Ich werde aber für die Platzierung des Zebratwists noch einen gesonderten Hinweis geben.

    Der Song aus Hannover erreichte den 24. Platz, der aus Düsseldorf Platz 23.

    Wer im August die Regionalentscheidung hier nicht mitbekommen hat kann noch einmal mit den Links unten nachvollziehen, was passiert ist. In einer Vorrunde hatte ich 18 Kandidaten vorgestellt.
    Die ersten drei Kandidaten hört ihr nach dem Klick
    Startnummer 1: Die treuen Bergvagabunden – Oh, mein MSV
    Startnummer 2: Rüpels Royal – Zebrastreifen
    Startnummer 3: MSVD1902only – Wir sind die Fans vom MSV

    Die Kandidaten 4 – 7 hört ihr nach dem Klick
    Startnummer 4: Los Placebos – Nur für dich, Meiderich
    Startnummer 5: Der Zebra-Twist
    Startnummer 6: Pilz Herb – Heimspiel
    Startnummer 7: TOBZ – Meidericher Spielverein

    Die Kandidaten 8 – 11 hört ihr nach dem Klick
    Startnummer 8: Die Melodicons – Im Stammlokal
    Startnummer 9: Duisburg-Lied
    Startnummer 10: Eat the Unicorn – Auf’er Köpi
    Startnummer 11: Dagmar Albert Horn – Wenn ich samstags ins Stadion gehe

    Die Kandidaten 12 – 18 hört ihr nach dem Klick
    Startnummer 12: Besser deutsch – MSV
    Startnummer 13: MSV-Hymne
    Startnummer 14: Chantal – Wir sind die Zebras
    Startnummer 15: 1. Liga – Duisburg ist dabei
    Startnummer 16: The Gummibärenzebras – Spielverein
    Startnummer 17: MSVD1902only – Niederrheinpokalsieger
    Startnummer 18: Tears for BeerZ – 1902

    Das Ergebnis des Regionalentscheids findet ihr hier.

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  23. In diesen Räumen war Butterwegge schon mehrmals zu Gast. Mit Deine Wellen hat er einen wunderbaren, rauen Song über Duisburg geschaffen. In Auf Asche zeigte sich Butterwegge als Fußballromantiker. Beide Songs werden von persönlichen Gefühlen getragen. Um sie zu beschreiben scheut Butterwegge in seinen Texten die großen Worte nicht. Dabei entgeht er souverän der Gefahr von inhaltsleerem Pathos, weil er diese Gefühle an sehr alltägliches Erleben bindet. So macht er in solchen persönlichen Liedern zugleich ganz nebenbei die gegenwärtige Gesellschaft erkennbar. In der Kürze eines Songs lässt er tief in sein Herz blicken und erfasst, was Begegnungen zwischen Menschen oder auch mit Orten bedeuten – sowohl für den einzelnen Menschen als auch für das Zusammenleben.

    „Zuhause“ erweist sich schon im Titel als eine moderne Form des Heimatlieds. Dieses Zuhause ist nicht an Orte gebunden, auch wenn neben vielen anderen Städten Deutschlands in einer Strophe die Ruhrstadt-Stadtteile als Region eines heimatlichen Lebensgefühl aufscheint. „Zuhause ist: wo du lebst, da wo dein Herz für jemand schlägt und die Kumpels, mit denen du durchs Leben gehst.“ Der balladenhaften Melodie ist wahrscheinlich die grammatikalische Freiheit des Refrains geschuldet. Und auch dieser Text mündet in eine Zeile, die auf die soziale und politische Gegenwart verweist: „Zuhause hat mit Stolz kein bisschen was zu tun.“


    Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

    Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Alle Folgen

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  24. Über den MSV singen lassen statt zu schreiben. Stimmungskommentar von Ganz schön feist – deutlich vergnüglicher.


    Als Sound für den Tag auch live gut geeignet.

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  25. [​IMG]Wenn ihr zu Weihnachten an bessere Zeiten mit dem MSV denken wollt, habe ich einen Vorschlag: der Blick auf die MSV-Geschichte zwischen 2013 und 2015. Ich packe ich euch deshalb mein Sonderangebot zusammen: Für 19 Euro inkl. Versand bekommt ihr Mehr als Fußball – Die Geschichte des MSV vom Zwangsabstieg 2013 bis zum Wiederaufstieg 2015 – und 111 Fußballorte im Ruhrgebiet. Statt 30 Euro. Einzeln könnt ihr die Bücher auch kaufen. Mehr als Fußball kostet dann 12 Euro, das „111er“ Euro 7,00 incl. Versand. Wenn ihr sie zusammen kauft und in Duisburg oder Umgebung wohnt, bringe ich sie euch wahrscheinlich vorbei. Meine Tagesstrecken ließen sich sicher anpassen – natürlich nur mit Maske und Abstand.

    Infos zum Inhalt von Mehr als Fußball findet ihr hier.

    Leserstimmen zu den Fußballorten bei Amazon hier.

    Falls ihr außerdem Interesse an Ruhrgebietsgeschichte habt: 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen könnt ihr auch hier bestellen. Was euch das Buch bietet, erfahrt ihr hier.

    Bestelllen könnt ihr über das folgende Kontaktformalur oder per E-mail an zebrastreifenblog[at]web.de:

    [contact-form]
    Rechtliche Hinweise und Datenschutz.

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  26. [​IMG] Der Oppa MSV liegt weiter auf der Intensivstation. Noch immer wissen wir nicht, ob die behandelnden Ärzte gut genug sind, um den Patienten vor dem Abstieg zu retten. In solcher Unsicherheit erinnere auch ich mich ans magische Denken, weniger weil ich der Wirkung vertraue als um den Tag gelassener zu verbringen.

    Magisches Denken lindert Gefühle der Ohnmacht, und in Sachen MSV ist so ein Denken auch völlig harmlos. Jeder sollte heutzutage so einen MSV in seinem Leben hegen und pflegen als eine Art Blitzableiter in Sachen Corona-Ohnmacht. Denn auch im täglichen Umgang mit der Pandemie gibt es ja nicht wenige Menschen, die hoffen, durch magisches Denken der Ansteckung zu entgehen. Sie bannen die Gefahr, indem sie sie bei den Fremden suchen. So ein Denken wirkt selbstermächtigend. Man bekommt das Gefühl, Lösungen für die nur schwer zu begreifenden Probleme des Lebens zu finden. In abstrakten Wahrscheinlichkeiten zu denken fällt schwer.

    Wenn der gegnerischen Mannschaft im Spiel nur ein Schuss auf das Tor gelingt, muss viel zusammenkommen, damit dieser Schuss auch am Torwart vorbei geht. Je öfter auf das Tor geschossen wird, desto wahrscheinlicher wird ein Torerfolg. Die Niederlage als Ergebnis geht aber nicht nur den Torwart an. Auch der Stürmer ist betroffen. Also, strengen sich zuvor alle gemeinsam an, um die Wahrscheinichkeit geringer zu machen. Oft rennen Spieler dann vergeblich und erleben keinen persönlichen Erfolg. So kommt es einem bei der Kontaktreduzierung ja auch oft vor. Man nimmt etwas auf sich, ohne genau zu wissen, welchen möglichen Infekt man dadurch verhindert hat. Zumal manche Kontakte sich durch widersprüchliche Regeln dann doch ergeben. Eine Logik ist nicht erkennbar, und dennoch hat jeder vermiedene Kontakt einen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit.

    Zurück zum MSV, für den der Zebratwist sich vorbildhaft beim Grand Prix de la Vereinslieder Contest schlägt. Dass er im Finale mit dabei ist und insofern zur Ersten Liga der deutschen Vereinslieder gehört, werdet ihr schon mitbekommen haben. Inzwischen aber hat er mit dem Abstieg nichts mehr zu tun. 11 Türchen des Adventskalenders sind geöffnet. Heute sind wir schon bei Platz 14 im gesicherten Mittelfeld und der MSV war immer noch nicht dabei. Die Tabelle sieht bislang so aus.

    • Platz 14: HSV
    • Platz 15: Holstein Kiel
    • Platz 16: SV Sandhausen
    • Platz 17: SV Werder Bremen
    • Platz 18: Hansa Rostock
    • Platz 19: SC Freiburg
    • Platz 20: Borussia Mönchengladbach
    • Platz 21: FC :kacke: 04
    • Platz 22: Arminia Bielefeld
    • Platz 23: Fortuna Düsseldorf
    • Platz 24: Hannover 96

    Thees Uhlmann kommentiert übrigens jeden Song. Wenn wir nun uns vorstellen, wieviel Energie in die Abstimmung für den Zebratwist geflossen sein muss, so werden die Spieler vom MSV davon doch irgendetwas aufnehmen können in sämtlichen noch kommenden Spielen, ganz davon zu schweigen, dass schon das Ansehen von guten Platzierungen in der Tabelle eine selbst erfüllende Wirkung haben kann. Am besten sofort vor dem Spiel gegen Wiesbaden wirken lassen.

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  27. [​IMG] Dem Oppa MSV geht es seit Samstag leicht besser. Auf der Intensivstation liegt er immer noch, aber er ist ansprechbar und hat uns auch schon wieder mal zugelächelt. Wir werden heute sehen, ob sein Zustand stabil ist. Natürlich hoffen wir, er kommt zu weiteren Kräften.

    Bis zum Anpfiff in München muss ich mit meiner leisen Enttäuschung klar kommen. Hinterrücks war ich in Sachen Zebratwist beim Grand Prix de la Vereinslieder Song Contest doch ehrgeizig geworden. Ich hatte tatsächlich auf einen der ersten drei Plätze gehofft. Nun ist es Platz 9 geworden. Was mich nachdenklich macht, auch die Redaktion vom Millernton.de hatte den Song als einen der Favoriten gesehen.

    Mein magisches Denken mit dem Zebratwist hatte beim Sieg des MSV gegen Wiesbaden zwar Wirkung in Sachen Sport gezeigt, bei der Abstimmung im November für den Zebratwist war ich von solchem Ausschöpfen letzter Mittel zur Leistungssteigerung aber sehr weit entfernt. Mir kommt es heute so vor, als sei die Platzierung des Liedes ein Sinnbild für die momentane Situation beim MSV im Speziellen und für Erfolg im Allgemeinen.

    Denn auch bei diesem Grand Prix de la Vereinslieder, bei diesem Spaßwettbewerb ging es um Zusammenhalt und die Konzentration auf das Ziel. Diese Konzentration war mir selbst im Zuge der Entlassung von Torsten Lieberknecht abhanden gekommen. Im Halbfinale noch habe ich während der letzten Abstimmungstage täglich in den sozialen Medien an das Abgeben der Stimme erinnert. Das konnte ich jetzt im Finale nicht mehr. Es war mühsam, an den MSV zu denken, und das strahlte auf mein Engagement für den Zebratwist ab. Der Zusammenhalt und die Konzentration musste erst wieder entstehen. Dass das gelang, zeigte mein „magisches Denken“ mit dem Zebratwist. Für den Erfolg des Vereinslieds kam das zu spät.

    Doch entscheidend ist ja auf dem Platz. Der Sport ist das Wesentliche, und das geht hoffentlich weiter in die richtige Richtung auch ohne die letztlich hilflosen Versuche von uns Fans, Spielglück zu erzwingen.

    Wer die Punktevergabe für den Zebratwist beim Grand Prix de la Vereinslieder Contest anschauen will, einmal klicken. Thees Uhlmann kommentiert mit Hochachtung die Mühe und den Aufwand bei der Produktion des Liedes. Außerdem komme ich auf Platz 9 für den Zebratwist, ein Verein pro Tag seit dem 1. Dezember.

    • Platz 9: MSV Duisburg
    • Platz 10: Saarbrücken
    • Platz 11: SV Darmstadt 98
    • Platz 12: 1.FC Köln
    • Platz 13: Eintracht Frankfurt
    • Platz 14: HSV
    • Platz 15: Holstein Kiel
    • Platz 16: SV Sandhausen
    • Platz 17: SV Werder Bremen
    • Platz 18: Hansa Rostock
    • Platz 19: SC Freiburg
    • Platz 20: Borussia Mönchengladbach
    • Platz 21: FC :kacke: 04
    • Platz 22: Arminia Bielefeld
    • Platz 23: Fortuna Düsseldorf
    • Platz 24: Hannover 96

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  28. Die meisten Buchhandlungen bieten in dieser Zeit des Lockdowns einen Abholservive an. Deshalb ist es vor Weihnachten nicht zu spät. Mein Rat: anrufen, „Einer wie ihr“ von Tonio Schachinger mindestens zweimal bestellen, am nächsten Tag abholen. Das Buch einmal verschenken, und das andere Buch sofort selbst lesen.

    Es gibt vielfältige Möglichkeiten, Sprache in Kunst zu verwandeln. Tonio Schachinger hat sich dafür entschieden, die Innenwelt eines international erfolgreichen Fußballprofis zu erschaffen. Ivo Trifunović ist österreichischer Nationalspieler. Seine Eltern waren aus Bosnien vor dem Balkankrieg geflüchtet. Zurzeit spielt er beim FC Everton. In seiner Karriere war er schon in Basel, Brügge und Barcelona.

    Weder ist Ivo in diesem Roman oft als aktiver Fußballer zu erleben, noch geschieht viel. Umso mehr erfahren wir über Gefühle, Selbstwert und Identität eines Österreichers, dessen Eltern Migranten sind. Dieser Roman begeistert sicher diejenigen noch mehr, die zumindest die Strukturen des internationalen Fußballgeschäfts etwas kennen, denen Namen wie Boateng, Maierhofer oder Timo Werner nicht fremd sind. Doch letztlich ist diese Fußballwelt nur ein Mittel, um die Zerrissenheit eines erfolgreichen Österreichers zu zeigen, der sich in der etablierten Gesellschaft trotz seines Reichtums und seines Erfolgs manchmal nicht angenommen fühlt. Er ist zudem ein Mittel, um eine Dreiecks-Liebesgeschichte zu erzählen. Denn der scheinbar glücklich verheiratete Ivo begegnet einer Freundin aus Jugendzeiten. Der Fußball ist aber auch ein Mittel, um Ivos intuitives Verhältnis zum menschlichen Miteinander zu zeigen, dem nur mühsam Selbsterkenntnis abzugewinnen ist.

    Tonio Schachinger hat seiner Hauptfigur Witz, einen Grundfuror und scharfe Beobachtungsgabe verliehen. Die Folge ist immer wieder große Komik, wenn Ivo in seinem inneren Monolog über den Fußball und das Leben spricht. Einen Ausschnitt über sein Urteil zum begrenzten Talent des österreichischen Stürmers Stefan Maierhofer und dessen dafür großen Erfolg habe ich unlängst hier schon veröffentlicht. Es mag ein Beispiel sein. Die meisten von uns in Duisburg werden ein stimmiges Urteil erkennen.

    Es ist unerheblich, ob diese Innenwelt einen realistischen Blick auf ein Fußballerleben gibt. Jede Frage nach einem solchen Realismus verschwindet, weil Tonio Schachinger eine eigene, in sich schlüssige Welt durch Sprache erschaffen hat, die uns grundsätzliche Einsichten zur Gegenwart gibt. „Einer wie ihr“ ist ein wunderbarer Roman, ein Kunstwerk der Sprache.


    [​IMG] Tonio Schachinger
    Nicht wie ihr ihr
    304 Seiten

    gebunden, Kremayr & Scheriau Verlag
    € 22,90
    ISBN 978-3218011532

    Rowohlt Taschenbuch
    € 12,00
    ISBN 978-3499004506

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  29. Schöne Feiertage möchte ich euch noch zurufen. Schließlich beschäftigten mich Fußball und MSV in diesem Jahr vor allem als Teil unserer Kultur und als historisches Geschehen. Da passt die Traditon von Weihnachtgrüßen besonders gut.

    Ich wiederhole mich, ohne Stadionbesuch ist der Fußball als gegenwärtige sportliche Betätigung mir ferngerückt. Ich hoffe allein auf gute Ergebnisse der Zebras, damit ich überhaupt wieder mir einen ambitionierten MSV von meinem Stehplatz aus ansehen kann. Wie anders war das noch vor drei Jahren. Wir konnten mit gewisser Zuversicht auf den Klassenerhalt hoffen. Der MSV hatte gerade Dynamo Dresden 2:0 besiegt. Kurz zuvor war ich in Hamburg gewesen, beim Auswärtsspiel gegen St. Pauli.

    Manches aber bleibt gleich. So stelle ich heute ein Weihnachtslied aus der Ruhrstadt vor, das schon vor drei Jahren hier in der Fassung von Ruhrschnellweg zu hören war, live gespielt in einer Art Pott-Musikantenstadl des WDR. Texter und Komponist des Liedes ist der Oberhausener Theo Behle, der eine Sammlung seiner Schlager hier online gestellt hat. Als Opa Theo singt er in der heutigen Fassung selbst und gibt den Ruhri sehr viel deutlicher als die Combomitglieder vom Ruhrschnellweg.

    Allerdings muss ich bei der deutlicheren Pott-Version des Weihnachtsliedes auch sehr viel mehr an Kamelle und Bützjer denken als an Kerzenschein und Tannenbaum. Ich weiß nicht, wieviele Karnevalslieder solcher Art ich schon mit den heiligen kölschen Textelementen bützen, Kölsch und Dom gehört habe. Aber hier geht es um Weihnachten, und da soll nicht geküsst werden, sondern es soll friedlich sein. Und schneien soll es zudem. Auch die Ruhrstadt braucht den Schnee für das vollkommene Weihnachtsgefühl. Da es hier aber so gut wie nie weiße Weihnachten gibt, ist die Lösung für Theo Behle der Wunsch. Denn „Weiße Weihnacht hier bei uns im Pott, datt wär wie ein Geschenk direkt vom lieben Gott“. Um die anderen Geschenke für euch haben sich hoffentlich eure Lieben gekümmert. In dem Sinne: Frohe Weihnachten!


    Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

    Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Alle Folgen

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  30. Weil wir im vergangenen Jahr mit diesem so grundsätzlich veränderten Leben haben zurecht kommen müssen, beschäftige ich mich heute umso lieber mit einem wiederkehrenden Ritual. Der Rückblick auf die meistgelesenen Texte des letzten Jahres ist eine mir liebe Tradition geworden.

    Diesen Rückblick verbinde ich ja jeweils mit Wünschen. Hoffentlich wirken sie dieses Mal besser als bei der letzten Gelegenheit vor einem Jahr. Bei euch sowieso. Aber gerade die für Fußballer und Verantwortlichen beim MSV waren komplett was für die Tonne. Mehr Mut fürs Aufstiegsfavoriten-Dasein hatte ich gewünscht. Soll ich angesichts der Wirkungslosigkeit jetzt erneut einen Sack Wünsche zur Westender Straße rüberschicken? Schließlich brauchen Spieler und Verantwortliche ein besseres Gelingen bei ihrem beruflichen Fortkommen noch mehr als letztes Jahr. Sie brauchen das, damit der MSV Duisburg in dieser Saison nicht so abstürzt, dass keiner das Ende eines solchen Niedergangs absehen kann. Ich wage die wichtigsten Wünsche deshalb zu Beginn, sie gelten den Spielern der Zebras: Erfolg, Erfolg und davon dann im Rest der Saison noch viel mehr!

    Und nun zu den meistgelesenen Texten des letzten Jahres im Zebrastreifenblog. Inzwischen gibt es einige Beiträge außer Konkurrenz. Drei Jahre unter den Best-of war mein Anekdoten-Text dazu, wie die Bielefelder zu ihrem Namen kam. Dieses Mal gibt es nur die namentliche Erwähnung. Seit dem Bundesligaaufstieg der Arminia schickt Google an jedem Heimspieltag die Fans der Auswärtsmannschaften zu mir. Sie lesen eine amüsante Anekdote mit einem Verweis auf die andere anekdotische Wahrheit, die der Verein erzählt. Mit Verlaub, meine ist deutlich gehaltvoller. Seit der Veröffentlichung gilt auch: Die schönsten Fußballtorten der Welt Folge VI – Borussia Dortmund ist oben mit dabei. Deshalb wieder nur die namentliche Erwähnung. Und nun zu den Platzierungen, für die sich dieses Mal thematische Blöcke anbieten.

    Mit den Texten auf Platz 5 und Platz 3 werden gemischte Gefühle wach. Die Macher vom Millerton.de hatten während der Sommerpause den Grand Prix de la Vereinslieder Song Contest ins Leben gerufen. Ich hatte großen Spaß am Wettbewerb, der aus Regionalentscheid, Vorentscheidung, Halbfinale und Finale bestand. Im Verlaufe des Wettbewerbs wurde die Situation für den MSV in der Liga immer unangenehmer. Der Spaßwettbwerb passte auf einmal nicht mehr zum Ligaalltag. Entsprechend war die Platzierung des Zebratwists im Deutschland-Finale. So ist Leben. Ich organisierte den Regionalentscheid hier im Blog über eine Vorrunde. Das Ergebnis der Abstimmung belegt Platz 5. Die Abstimmung samt zusammenfassender Vorstellung der MSV-Vereinssongs belegt Platz 3.

    Platz 2 zeigt, wie sehr uns die Geschichte des MSV und die gemeinsame Erinnerung daran interessiert. Fragliche Erinnerungen an das Halbfinale gegen den BVB im April 1975 nannte ich vor dem Pokalspiel gegen Dortmund meinen Text, in dem ich mich über dieselbe Begegnung im Jahr 1975 geschrieben habe. Als Jugendlicher erlebte ich sie.

    Die Texte auf Platz 3 und Platz 1 sind Zeugnisse für den Fußball zu Corona-Zeiten. Die Auseinandersetzung um die Fortführung der letzten Drittliga-Saison führte zu öffentlichen Worten auf Seiten des DFB, die an der Wirklichkeit des MSV vorbei gingen. Es schien so, als ginge es dem DFB in der Debatte nicht um den Austausch von Argumenten, sondern darum die Seriösität jener Vereinsvertreter zu untergaben, die Meinungen konträr zur DFB-Linie vertraten. Skandal ist ein Skandal für Liga 3 – Jeder darf mal diffarmieren beim DFB belegt Platz 3. Wenn Liga-3-Vereine nicht parieren erschien eine Woche zuvor. Der Text nahm Bezug auf einen DFB-O-Ton in einen Sportreportage-Beitrag zum Fußball im Ruhrgebiet und belegt Platz 1.

    Auf zum Blick nach vorn: Hoffen wir auf den Klassenerhalt. Hoffen wir auf ein Wiedersehen im Stadion, für das der Klassenerhalt die sportlichen Voraussetzungen schafft. Während ich an zwei neuen Büchern arbeite, werde ich mit meiner multiplen Persönlichkeit auch weiter Zeit mit dem Zebrastreifenblog verbringen. Schauen wir, wieviel aktueller Sport mir dazu einen Anlass gibt. Oder ob der MSV allmählich mir nur noch Stoff für Historientext und Kulturbetrachtung gibt. Habt ein gutes Jahr. Bleibt gesund!

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  31. [​IMG]Momentan kommt man als MSV-Fan mit Galgenhumor besser durchs Leben. Heute morgen musste ich doch schmunzeln, als ich die zwei Kommentare nebenan las zu dem Foto einer leicht derangierten großen MSV-Fahne, die im Münsterland gesichtet wurde.

    Was für eine Zeit, in der ein Chef-Trainer vom MSV Duisburg in der Lokalzeitung richtig stellen muss, dass der Kapitän seiner Mannschaft nicht ihn beim letzten Spiel mit einem vielleicht verärgert klingenden Hinweis auf einen ständig frei stehenden Spieler beim Gegner gemeint hat sondern den Co-Trainer. Die Online-Überschrift dazu ist schön konfrontativ formuliert, damit die Sensation den Klick generiert: „MSV-Trainer Lettieri: Stoppelkamp und Compper zofften sich“.

    Wir müssen über diese Geschichte nichts wissen. Die Wahrheit des Geschehens müssen wir nicht kennen. Es reicht, dass es diese Geschichte gibt. Es reicht, dass Abstimmungsfragen innerhalb des Mannschaftssystems im Nachhinein als „Zoff“ dargestellt werden können. Es reicht, dass ein MSV-Trainer in der Öffentlichkeit wie ein Schuljunge, der sich ertappt fühlt, mit dem Finger schnell auf einen anderen zeigt. Nein, ich war das nicht, das war der da. Es reicht, um zu wissen, dass Missstimmung in diesem Verein unter dem Deckel gehalten werden muss. Es reicht, um zu wissen, dass viel Energie nicht auf den sportlichen Erfolg gerichtet sein kann, weil sie dafür verwendet werden muss, Haltung zu bewahren und aufkommende negative Gefühle beiseite zu schieben. Schließlich gibt es diese Gemeinschaft, in der man täglich zusammen kommt. Es gibt eine formale Hierarchie, die offensichtlich inhaltlich vom Trainerteam nicht gefüllt wird.

    Wo soll die Hoffnung auf den Klassenerhalt herkommen? Ich muss an Wunder glauben. Vertrauen habe ich keines mehr. Ich hoffe dennoch. Das ist mein Wesen. Die Mannschaft wird gewinnen können. Die Fußballer dieser Mannschaft haben ja nicht alles verlernt. Aber diese Spieler brauchen Glück für den Erfolg. Das kann es geben. Hoffen dürfen wir immer. Ich hoffe auf den Klassenerhalt und auf einen Vorstand des MSV, der die Stimmung unter den Anhängern ernst nimmt.

    Normalerweise herrscht im MSVPortal bei Serien des Misserfolgs schnell eine gereizte Stimmung unter den Usern. Irgendwo muss schließlich die schlechte Laune hin. Je mehr Menschen, desto mehr Meinungen. Selbst wenn sich Meinungen nur in Nuancen unterscheiden, werden sie in solchen Fällen als gewaltige Unterschiede wahrgenommen. Man spricht sich gegenseitig den Durchblick ab. Die Moderatoren kümmern sich dabei mit sicherem Gespür um den dann rauer werdenden Umgangston. Unflätig wird es deshalb nie. Dazwischen gibt es natürlich auch viele sachliche Beiträge, in denen deutend versucht wird, Gründe für den Misserfolg und Möglichkeiten zur Verbesserung der Lage des MSV zu finden. Selten ist in Beiträgen zu einem Trainer derart einhellig eine Meinung zu lesen gewesen. Selbst in den wohlmeinenden Kommentaren zu Gino Lettieri geht es weniger um seine Arbeit als um die Notwendigkeit zu akzeptieren, dass er nun mal da ist und wir damit umgehen müssen. Ansonsten wird Gino Lettieri in allen Belangen die Kompetenz abgesprochen. Daran wird auch ein möglicher Klassenerhalt nichts ändern. Das aber führt zur Verbindung der Anhänger mit dem Verein.

    Der RWO-Präsident Hajo Sommers denkt beim möglichen Aufstieg von RWE nämlich zugleich an den MSV, weil mit RWE ein Zuschauergarant die Liga verlassen würde. Er hofft dann auf Ausgleich durch den MSV. Momentan bin ich mir nicht sicher, ob er nicht in beiden Fällen des Saisonausgangs vergeblich hofft.

    Darüber hinaus ist es ein interessantes Gespräch geworden mit einigen Infos zu den Kosten für eine Regionalligamannschaft.

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  32. Duisburg 1, Meppen 0

    Bei Konterschule ohne Abschluss
    bleibt nur noch die Drecksarbeit,
    weil man doch wie leben muss.
    Weder führt das hoch noch weit.​

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  33. Der MSV schlittert auf einem Steilhang in den Höhenlagen eines 2000ers den Berg runter. Er trägt Sandalen, kurze Hose und leichtes T-Shirt. Der Himmel ist zugezogen. Die Temperaturen sind unter zehn Grad. Manchmal versucht er sich aufzurichten, doch Böen wehen ihn dann um. Wie er verdammt noch mal in diese Lage geraten ist, weiß er nicht. Im Tal hatten doch nur ein paar Wolken die Sonne hin und wieder verdeckt. Das Handy hat schon lange keinen Empfang mehr. Verzweifelt versucht er den Weg zurückkommen auf den Pfad in sichere Gefilde. Halb gebückt rutscht er dennoch auf dem Geröll aus. Es geht ein Schritt vor und vier zurück. Der Abgrund ist so deutlich sichtbar. Mit jedem Ausrutschen kommt er näher.

    Ich hatte nichts mehr über ein Spiel schreiben wollen. Heute muss ich es mir mit Worten besser gehen lassen. Heute brauche ich Ablenkung von meinem Entsetzen über das Spiel des MSV gegen Magdeburg. Ich konnte mir das Spiel nicht wirklich ansehen. Immer wieder habe ich vereinzelt Blicke geworfen. Zu sehr hat mich das Spiel aufgeregt. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich jemals diesen so oft gehörten Fan-Gedanken gehabt habe, die sind so schlecht, da könnten wir noch aushelfen. Gestern war es so weit. Ich habe tatsächlich bei manchen Szenen gedacht, es würde keinen Unterschied machen, ob ich den Ball am Fuß habe oder einer der bezahlten Profis. Ich könnte genauso sinnlos zwanzig Meter nach vorne rennen in die dort stehenden Gegenspieler hinein. Ich könnt genauso hilflos stochernd versuchen den Ball zu behaupten, wenn gleich drei Magdeburger mich attackiern. Ich konnte mir das Spiel nach dem Ausgleich nicht weiter ansehen.

    Der Vierzeiler zum Spiel gegen Meppen über die Aussichten der Mannschaft angesichts der miserablen Konterfähigkeiten hat sich bewahrheitet. Wenn die grundlegende Taktik durch mangelnde Fähigkeiten zum Torabschluss beim Konter scheitert, bleibt nur das Glück, um ein Spiel zu gewinnen. Gerät die Mannschaft gar in Rückstand, wird die komplette Hilflosigkeit der Spieler deutlich. Dann steht keine Mannschaft auf dem Rasen, dann stehen Einzelspieler auf dem Rasen, die verzweifelt versuchen Mannschaftsteile herzustellen. Ich wage gar nicht von einer Mannschaft mit elf Mann zu sprechen.

    Was für ein Schrecken ist diese Saison. Der Abstieg wäre schon ein Desaster. Wie dieser Abstieg zustande käme, wäre eine Katastrophe. Gemeinsam hieß es zu Beginn der Saison. Im sportlichen Bereich ist davon nichts zu sehen. Nichts! Es gibt keinen gemeinsamen Geist. Gibt es Versuche, ihn zumindest herbei zu reden? Wenn ich im MSVPortal über Gino Lettieris Umgang mit der Mannschaft in den letzten Minuten lese, weiß ich, diese Gemeinsamkeit wird nur durch Erfolge entstehen. Er selbst trägt dazu nichts bei. Überraschend ist das für die meisten Anhänger dieses MSV nicht. Denn es war kein Geheimnis, Misserfolg verarbeitet die sportliche Leitung gerne durch Distanzierung. Wie sollen Spieler mit dieser zusätzlichen Last der Distanzierung ihre gesamte Kraft für das Spiel aufbringen können? Einen Teil werden sie für sich selber brauchen. Sicher, es gibt sie, die Spieler, die den Widerstand für Höchstleistung nutzen, Spieler, die es ihrem Trainer dann zeigen wollen, wenn sie gereizt sind. Beim MSV sehe ich solche Spieler nicht im Kader. Da sehe ich Spieler, die eher stur und resigniert werden oder solche, die in Vereinen mit erklärender Ausbildungskultur ihre Jugend verbrachten.

    Wie dieser MSV den Abstieg verhindern will? Aus eigener Kraft wird das nicht klappen. Die Mannschaft braucht Glück. Im Spiel gegen Meppen hatte sie das, gegen Magdeburg nicht. Die Mannschaft braucht also mehr Glück und davon am besten sicherheitshalber noch mehr.

    Sollte diese Mannschaft nicht absteigen, gebührt aller Dank dem Schicksal. Trainer und Sportdirektor haben damit eher wenig zu tun.

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  34. Eines ist für mich klar, in jedem anderen Unternehmen außerhalb der Fußballbranche hätte mit der Entlassung von Gino Lettieri auch Ivo Grlic den Arbeitsplatz verloren. Eine vergleichbare Fehlentscheidung wie dessen Verpflichtung vor drei Monaten würde nirgendwo ohne Folgen bleiben. Das kann die Versetzung innerhalb des Unternehmens sein oder gar die wohlbekannte einvernehmliche Trennung.

    Wer in der Krise eines Unternehmens jemanden zur Problemlösung anstellt, der nirgendwo vorher irgendeine Kompetenz bewiesen hat für den Umgang mit solch Krisen und der dann alles schlimmer macht, verliert das Vertrauen der Geschäftsleitung. So viel könnte niemand erklären, um das Vertrauen in seine Entscheidungen wiederherzustellen. Und ich denke gar nicht daran, dass mit der Lettieri-Verpflichtung die Unternehmensphilosophie Ausbildungsverein MSV nebenbei in die Tonne gehauen wurde. Ich denke daran, dass Gino Lettieri die absolut nötige berufliche Kompetenz zur Bewältigung einer Krise komplett fehlt.

    Gino Lettieri kann keinen Zusammenhalt herstellen, die grundsätzliche Voraussetzung, um Krisen zu bewältigen. Er selbst war während seines ersten Engagements nie verantwortlich für irgendein Handeln in den seinerzeit ebenfalls vorhandenen großen und kleinen Krisen. Wenn seine Mannschaft verlor, waren das immer die Spieler, die all seine guten Pläne zunichte gemacht hatten. Er hatte ihnen immer alles genau gesagt und trotzdem machten die Spieler die Fehler. So ein Mann wurde verpflichtet mit all den voraussehbaren Konsequenzen. Eine Mannschaft steht momentan nicht mehr auf dem Platz.

    Ivo Grlic hätte also bei Krohne, wo Vereinsvorstand Ingo Wald ja Geschäftsführer ist, sicher nicht mehr die Kompetenzen wie vor seiner Personalentscheidung. Angesichts der öffentlich zugänglichen Informationen aber, sehe ich keine Möglichkeit zur Entlassung von Ivo Grlic zum jetzigen Zeitpunkt. Es entstünde eine Leerstelle, die nicht von jetzt auf gleich gefüllt werden kann. Wer soll die Leerstelle im Verein füllen? Zudem fehlt für eine Neuanstellung wahrscheinlich das Geld. Ein Teufelskreis. Sofort sind wir bei den Finanzen, den Besonderheiten der Fußballbranche im Allgemeinen sowie denen eines Vereins wie dem MSV.

    RWO-Präsident Hajo Sommers hat neulich sehr drastisch deutlich gemacht, dass ein Abstieg aus der Zweiten Liga in die Dritte Liga eine finanzielle Katastrophe wegen der Fixkosten ist und Vereine, die aus der Regionalliga aufsteigen, es dagegen sehr viel leichter haben. Der MSV ist in dieser zugespitzten Absteiger-Situation, sie ist eine doppelte, weil der Aufstieg letzte Saison nicht gelang und die Kostenstruktur wahrscheinlich auf den Aufstieg ausgerichtet war.

    Wo sollte der MSV also die übergeordnete sportliche Kompetenz hernehmen? Wo sollte das Korrektiv für Ivo Grlic herkommen? Wer sollte das bezahlen? Es hat ja anscheinend einen Plan gegeben, eine übergeordnete Position zu besetzen. Jetzt aber brennt es lichterloh. Das Feuer muss erstmal gelöscht werden, ehe alle wieder mit Ruhe perspektivisch denken können. Denn längst sind die Zweifel viel zu groß, ob der Verein überhaupt die Gelegenheit haben wird, im Hinblick auf die sportliche Entwicklung perspektivisch denken zu können.

    Rational wäre es, Ivo bis zum Ende der Saison seine Arbeit machen zu lassen. Das ist schwierig angesichts der Stimmung unter den Fans. Wäre der Fußball eine normale Wirtschaftsbranche könnte so eine Lösung der Presse mitgeteilt werden und am Ende der Saison wären die Fakten da, um vernünftig zu entscheiden. Die Fußballbranche hat ihre Besonderheiten, von denen die Unzuverlässigkeit in Sachen sportlicher Erfolg eine der größeren Schwierigkeiten ist.

    Wenn nun in Krisenzeiten ehemalige Spieler allerlei kritisieren, so ist das für den MSV seit 2013 mit Vorsicht zu genießen. Tomas Hajto erzählt von seiner größeren Verbundenheit mit :kacke:, weil die ihm immer einen Blumenstrauß zum Geburtstag schicken. Da sind wir mehr beim Thema persönliche Eitelkeit. Jeder, der den MSV in den letzten Jahren verfolgte, wird sofort die Frage stellen, wer hätte sich um die persönliche Betreuung verdienter Spieler kümmern sollen? Alles eine Frage des vorhandenen Personals. Mir fallen sofort viele andere Spieler ein, die auch einen Blumenstrauß vom MSV verdient haben. Tomas Hajto ist im Grunde seines Herzens also ein selbstloser Wirtschaftsförder und denkt an den Jobmotor Geschäftsstelle MSV, wenn dort die zusätzlichen Mitarbeiter für die Blumensträuße eingestellt werden. Und das nötige Geld? Ein Teufelskreis.

    Ernster ist schon Dietmar Hirsch zu nehmen, wenn er bei Facebook beklagt, ehemalige Profis vom MSV fänden zu wenig Gehör. Ernster deshalb, weil er nach seiner Spielerkarriere auch als Trainer und Vereins- bzw. Unternehmensgründer erfolgreich war und ist. Andererseits: Was war Ivo Grlic nochmal beim MSV, bevor er die sportliche Leitung übernahm? War der nicht mal Fußballprofi und Legende? Dunkel erinnern wir uns. Ganz so einfach ist das also auch nicht mit der Einbindung ehemaliger Profis. Die einen Profis haben die eine Meinung und jene Kompetenzen, die anderen sehen wiederum den Erfolg mit ganz anderen Mitteln und haben andere besondere Fähigkeiten. Ex-Fußballprofi-Sein langt also mal nicht als berufliche Qualifikation für eine Anstellung beim MSV. Er müsste ins unternehmerische Konzept des MSV passen. Das muss aber erstmal wieder aus der Tonne geholt werden, sobald der Ausgang der Saison feststeht. Dieser Ex-Fußballprofi müsste zudem einige planerische und strategische Fähigkeiten mitbringen. Die wiederum scheint Dietmar Hirsch zu besitzen. Unternehmerisch denken kann er anscheinend auch. Aber alles ist eine Frage der Finanzen. Wie aus dem bekannten Teufelskreis ausbrechen?

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  35. Manchmal lässt mich eine der Grundbedingungen des Unterhaltungsbetriebs Fußball verzweifeln. Manchmal ist genau dann, wenn ich mich um die Zukunft des MSV sorge, und die Grundbedingung lautet Emotionalität. Damit lässt sich jedes kritische Geschehen erklären und dementsprechend nichts.

    Ich könnte zufrieden sein, weil genau das geschah, was ich gestern befürwortete und entgegen der Meldungen von der sicheren Entlassung Ivo Grlics auch vermutete. Ivo Grlic behält seinen Arbeitsplatz. Ingo Wald sieht momentan keinen Handlungsbedarf. Nun lässt sich trefflich wie die Fans im MSVPortal darüber spekulieren, was dieses „momentan“ bedeutet. Auch die Nachfrage zum Handeln im Sommer ließ Interpretationsspielraum. So ist das immer. Das stört mich alles nicht.

    Was mir Sorgen bereitet, sind die nachfolgenden Sätze, mit denen er sich gegen die am Vortag vor dem Stadion protestierenden Fans richtet. Seine Worte machten das Hupen als Protest zu einer erwartbaren Begleitmusik, mit denen Verantwortliche eines Fußballvereins nun mal umgehen müssen. Damit nimmt er eine Erzählweise zur Stimmung unter den Fans auf, die auch Dirk Retzlaff in seinem Kommentar zur Entlassung von Gino Lettieri erwähnt. Die Verantwortlichen hätten die Stimmung unter den Fans unterschätzt und somit habe Gino Lettieri von Beginn an nicht die zweite Chance gehabt, die ihm zugestanden hätte. Das ist leider völlig falsch und eine Dolchstoß-Legende.

    Gino Lettieri hatte die besten Bedingungen für seine Arbeit. Kein Publikum im Stadion störte ihn. Kein Publikum wurde unruhig, wenn die Mannschft schlecht spielte. Wo gab es den besagten Einfluss der Fans zu spüren? Hat er sich abends im Internet im MSVPortal die Worte der Fans durchgelesen, weil er sich endlich mal so richtig abgelehnt fühlen wollte? Wir leben in einer Zeit der Abschottung. Er hatte die besten Bedingungen für seine Arbeit, die ein Trainer jemals beim MSV gehabt hat. Deshalb war seine Arbeit in Reinheit zu erleben. Und deshalb macht mir diese Nebelwolke emotionale Fans Sorgen.

    Die Stimmung unter den Fans bei Bekanntgabe der Verpflichtung hatte Gründe. Es gab sehr gute Argumente, die gegen ein zweites Engagement von Gino Lettieri sprachen. Diese Argumente waren sehr gewichtig, weil es nicht alleine um ein pauschales „der war beim ersten Mal nicht erfolgreich“ ging. Sofort war sein geradezu zwanghaftes Distanzieren von Misserfolgen seiner Mannschaft ein Thema. Sofort war sein pädagogisches Geschick ein Thema. Sofort war die Abkehr vom im Jahr zuvor gefassten Vorhaben Ausbildungsverein zu sein ein Thema. Sofort waren seine Fähigkeiten taktisch variabel zu spielen ein Thema. Das waren keine Emotionen, das waren sachliche Gründe.

    Nun möchte Ingo Wald Ivo Grlic aus der Schusslinie nehmen, wenn er immer wieder betont, dass die Gremien entscheiden und entschieden haben. Wer aber hat in diesen Gremien so viel Kenntniss vom Fußball, dass er eigenständig die bis dato gesehene Arbeit von Gino Lettieri bewerten kann? Wie können wir uns das vorstellen? Gibt es Fachgespräche zu den Auswirkungen der Verpflichtung auf das Konzept? Gibt es Fachgespräche über das Fußball-Wissen von Gino Lettieri? Ich kann diese Gremiengespräche nicht beurteilen. Ich habe aber Mühe mir vorzustellen, dass dort auf Augenhöhe diskutiert wird. Als Fachmann des Fußballs sehe ich bei diesen Gesprächen nur Ivo Grlic in fortwährender Erklärung und Überzeugungsarbeit. Es wäre schön, wenn es anders wäre.

    Ich kann mir den Druck nur annähernd vorstellen, unter dem Ingo Wald steht, um dem MSV Duisburg eine tragfähige Zukunft zu geben. Ich schätze seine Arbeit bislang sehr, seine sachliche, ausgleichende Art und sein immer offenes Ohr für Stimmen aus dem Fanumfeld. Gerade deshalb sorgen mich seine Worte zu den hupenden Fans. Sie sorgen mich, weil mit ihnen die Argumente der Fans hinter dem Nebel Emotionalität verschwinden. Sie sorgen mich, weil ich nicht erkennen kann, dass in besagten Gremien des Vereins der grundlegende Fehler, Gino Lettieri verpflichtet zu haben, in aller Wahrhaftigkeit bewertet wird. Wenn diese Sorgen zu groß werden, kann ich dann nur noch hoffen, sie entstehen vor allem deshalb, weil die Verantwortlichen beim MSV die Fallstricke von öffentlichem Sprechen nicht kennen; Fallstricke, die immer ausliegen, wenn nur die Emotion als Kritik wahrgenommen wird.

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  36. Seit Sonntag können wir die berechtigte Hoffnung auf bessere Zeiten haben. Seit Sonntag brauchen wir nicht mehr nur auf das Glück zu hoffen. Seit Sonntag wächst mein Vertrauen, dass es dem Verein MSV Duisburg und seiner momentanen Mannschaft in den nächsten Wochen gelingt, wieder in ruhige Fahrwasser zu kommen.

    Zunächst zeigte Ingo Wald mit seinem offenen Brief an die „MSV-Familie“ , wie man Zusammenhalt vorlebt. Ihm war klar geworden, dass er sich bei der Pressekonferenz zuvor in den Worten vergriffen hatte und entschuldigte sich. Angesichts des eigentlich zentralen Inhalts der Pressekonferenz hatte ich sogar verstehen können, wie es zu den für ihn ungewöhnlichen Worten der Distanzierung gegenüber MSV-Anhängern kommen konnte. Schließlich beschäftigte sich Ingo Wald in den letzten Wochen damit, die Existenz des MSV abzusichern. Die Übernahme der KG-Anteile durch Capelli garantiert das Überleben des MSV auch für den schlimmsten Fall, den Abstieg. Darüber hinaus drückte dieses Geld Vertrauen in die Arbeit beim MSV aus. Die Bedeutung dieses frischen Geldes wurde angesichts der Abstiegsgefahr und des Unfriedens um Gino Lettierie kaum mehr wahrgenommen. Damit wurde auch die zuvor geleistete Arbeit des Vorstands kaum gewürdigt. Wie lange haben wir im letzten Jahr schon über nötige Investoren gesprochen? In anderen Zeiten hätte diese Pressekonferenz als eine Erfolgsgeschichte erzählt werden können. Diese Möglichkeit gab es nicht mehr.

    Zudem birgt schnelles öffentliches Antworten immer die Gefahr pauschaler Sätze. Ein wenig ging mir das im Gespräch mit Studio 47 ebenso, als ich am Freitag unter anderem zu den Aussichten für den MSV in einer möglichen Regionalligasaison befragt wurde. Das Gespräch beginnt bei Minute 1.00.


    Ich greife dieses Gespräch deshalb auf, weil ich meinen Blick auf den Verein MSV Duisburg klarer fassen möchte. Oben habe ich zwischen Verein und Mannschaft aus guten Gründen unterschieden. Beim Blick auf die Mannschaft geht es um die mittelfristige Perspektive Klassenerhalt. Hoffnung gibt hier die Verpflichtung der neuen Spieler und des neuen Trainers. Für den Verein aber geht es um langfristige Strukturen. Die Hoffnung hier braucht allerdings noch ein paar Signale aus dem Verein, selbst wenn der offene Brief von Ingol Wald deutlich macht, wie er den MSV in der Stadtgesellschaft verortet sieht. Nicht nur ich denke bei den Signalen an die Arbeit von Ivo Grlic.

    Den von Ingo Wald angesprochenen Zusammenhalt braucht der MSV mehr als die Unterhaltungsbetriebe in Bundesliga und Liga 2. Dieses Wort Zusammenhalt aber kommt aus den kulturellen Wurzeln des Vereinslebens. Bei solcher Bedeutung eines ideellen Werts für den Erfolg des Vereins wird es unweigerlich zu Widersprüchen in einem Sport kommen, der sich als Wirtschaftssegment Fußballunterhaltung etabliert hat. Wegen solcher Bedeutung ideeller Werte habe ich den MSV im Gespräch mit Studio 47 in einem Atemzug mit den Spitzenvereinen in der Regionalliga genannt.

    Dieser Teil der Identität des MSV kann einerseits in Widerspruch zur angestrebten Professionalität geraten. Andererseits bedingt er die Möglichkeiten der Professionalität. Warum? Weil die immense Bedeutung zugleich ein Symptom des Geldmangels ist. Für das erhoffte Professionalitäts-Niveau auf sportlicher Ebene fehlt Geld, denn Strukturen brauchen Mitarbeiter, die bezahlt werden müssen. Mir geht seit Tagen ein Beispiel aus der Glitzer-Erfolgswelt des Fußballs nicht aus dem Kopf. Neulich habe ich gelesen, beim FC Bayern München gibt es eine Abteilung, die für Datenauswertung und Statistik verantwortlich ist. Diese Abteilung hat 20 festangestellte Mitarbeiter. 20! Diese Mitarbeiter analysieren Spiele und Spieler. Sie stellen Ranglisten auf. Sie arbeiten an Bewertungsgrundlagen und Entscheidungshilfen.

    Zwar werden auch Ivo Grlic und das Trainerteam mit Statistiken arbeiten. Die Wahrscheinlichkeit, die falschen Spieler zu verpflichten, ist dennoch größer als beim FC Bayern München, und selbst beim FC Bayern schlagen nicht alle Spieler ein. Mir geht es dabei um den realistischen Blick auf die Mängel von Ivo Grlics Arbeit. Für mich offenbarte die Verpflichtung von Gino Lettieri vor allem den fehlenden konzeptionellem Blick. Die einzelnen Spielerverpflichtungen für sich genommen sehe ich angesichts der Bewertungsmöglichkeiten des MSV gar nicht so kritisch.

    Deshalb halte ich es für besser, Ivo Grlic einen Mann für das Konzeptionelle beiseite zu stellen und ihn für die organisatorische Arbeit der Einzelverpflichtung zu behalten als mit einem völlig neun Mitarbeiter komplett neu anzufangen. Sportlich erfolgreich möchte jeder Verein sein. Schwierig wird es, wenn der sportliche Erfolg der Zukunft zugleich den Kredit für die Kostenstruktur der Gegenwart bedeutet. Diesen Zwang zum Erfolg hatte es für den MSV gegeben. Die Zufälligkeit des Fußballs macht Erfolg für Vereine wie den MSV weniger planbar als für Vereine aus der Bundesliga, selbst wenn das Personal keine Fehler macht. Ein Nachfolger von Ivo Grlic wird vor demselben Erfolgsdruck stehen. All die kleinen nun erfolgreichen Vereine sind kein Gegenbeispiel, weil sie in ihren Regionen meist die einzigen Profivereine sind. Ohne die große Konkurrenz in der Nachbarschaft ist es einfacher, erfolgreich zu sein. Mit einem neuen Mann würde es anders werden, ob es besser würde, weiß man vorher nicht. Wir wissen aber, dass Ivo Grlic bei der Verpflichtung einzelner Spieler schon oft richtig lag. Mein Schluss, auch angesichts der Vertragslage: Gebt Ivo Grlic einen Mann für das konzeptionelle Denken an seine Seite. Lasst ihn nicht alleine für die Planungen der nächsten Saison verantwortlich sein. Dann sehen wir weiter.

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  37. Seitdem mir eine Baumgart-Schlagzeile nach der anderen in meine Timelines gespült wird, denke ich mal wieder, angemessenes Sprechen ist sehr förderlich für gelingendes Zusammenleben. Damit meine ich nicht, wie Steffen Baumgart die Schiedsrichterentscheidung kommentiert. Ich meine die Schlagzeilenproduzenten. Mir ist schon klar, dass ich an den Regeln des Marktes beim Buhlen um Aufmerksamkeit und den Allgorithmen, die das Emotionale nach oben spülen, nichts ändere. Dennoch will ich als Schmetterlingsflügelschlag im Erzählstrom über die Wirklichkeit festhalten:

    Steffen Baumgart tobt nicht.​

    Steffen Baumgart flippt nicht aus​

    Steffen Baumgart rastet nicht aus.​

    Einen Baumgart-Ausraster gibt es nicht.​

    Steffen Baumgart ist wütend. Steffen Baumgart ist zornig. Aber er redet kontrolliert. Er kritisiert und urteilt hart über die Schiedsrichter-Entscheidung sowie das Schiedsrichter-Verhalten. Ich sehe keine Affekt-Reaktion, wie sie die Schlagzeilen suggerieren.

    Die entsprechenden Schlagzeilen mit einer fantasierten Wirklichkeit von Sport 1, RTL, Westfälische Allgemeine, BILD, Eurosport und anderen Lokalmedien Deutschlands, die anscheinend eine Agenturmeldung übernommen haben, finden sich mit der Google-Suche.

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  38. Heute morgen formulieren sich drei verschiedene Texte in meinem Kopf. Mir ist noch nicht klar, ob sich diese drei Texte vereinen lassen. Versuchen wir es, vielleicht gibt es morgen eine Fortsetzung mit eigenem Auftritt für eines der drei Themen. Drei Identitäten in mir haben sich nämlich bemerkbar gemacht, während ich mir die Pressekonferenz zur Vorstellung von Pavel Dotchev und ein paar Reaktionen darauf angesehen habe.

    Als MSV-Fan gab mir der Auftritt von Pavel Dotchev leise Hoffnung auf den Klassenerhalt. Weil ich von ihm und Ingo Wald zusammen mit allen, denen der MSV etwas bedeutete, in die Pflicht genommen wurde, nun nach vorne zu sehen, begann ich zu überlegen, ob dennoch eine Anmerkung zu Ivo Grlics einleitenden Worten der Entschuldigung angemessen ist. Denn dieser Versuch der Entschuldigung wirft trotz der auch von mir für nötig gehalten Beruhigung im Umfeld Fragen auf.

    In dem Moment machte sich zudem ein unabhängiger Betrachter des Gegenwartsfußballs mit seinen Gedanken in mir bemerkbar, welche Positition der MSV in diesem Sport-Segment der Unterhaltungsindustrie einnimmt.

    Und schließlich meldete sich auch noch der Soziologe in mir, der die Pressekonferenz als ein hervorragendes Beispiel für Entschuldigungsrituale dieser Gesellschaft ansah. These: Durch die sozialen Medien erhält die Glaubwürdigkeit der Entschuldigungs-Darstellung eine größere Bedeutung als Aufklärung und Verstehen. Gegenthese: Das war immer schon so.

    Schauen wir also zuerst nach vorne. Pavel Dotchev lässt für mich keinen Zweifel daran, dass er die Situation einer Mannschaft im Abstiegskampf kennt. Anders als Gino Lettieri besitzt er damit die Grundqualifikation für seine Arbeit. Er weiß, was angesichts der weniger werdenden Spiele an Einfluss durch ihn möglich ist. Zudem bin ich sicher, die Spieler werden zu ihm mehr Vertrauen entwickeln als zu Gino Lettieri und damit auch auf dem Spielfeld freier im Kopf sein. Mehrmals zeigte sich seine besondere soziale Kompetenz auf der Pressekonferenz. Nicht nur band er in vielen Antworten Beteiligte des Vereins mit ein. Zudem musste er sich als erstes anhören, wie Ivo Grlic gefragt wurde, ob mit Uwe Schubert bis zum Saisonende nicht mehr Zeit für einen Neuaufbau geblieben wäre. Mehr Zeit, das ließ sich so verstehen, es könnte bessere Lösungen als Pavel Dotchev geben. Natürlich hätte jeder neue Trainer zu dieser Frage gute Miene gemacht. Mir geht es darum, wie entspannt Pavel Dotchev im Verlauf der PK die Frage noch einmal erwähnt. Damit lässt er sowohl sein Standing erkennen als auch sein Verständnis für den Journalisten. Gute Voraussetzungen, um die Einheit der Mannschaft zu erreichen. Was den Fußball selbst angeht, müssen wir abwarten. Mit meinem grundsätzlichen Optimismus kitzelt da eine – zugegeben – leicht übertriebene Fantasie. Mir gefiele eine Uwe-Neuhaus-Geschichte für Pavel Dotchev mit dem MSV. Späte Aufstiegserfolge für jemanden, den man bislang fast nur in einer Liga gesehen hat. Und nun: Für alle die nur nach vorne blicken wollen, wir lesen uns später wieder.

    Denn Spoiler-Alarm: Ein vorläufig letzter Blick zurück.

    Zugespitzt ließe sich über den Auftakt der Pressekonferenz sagen, das Volk der Fans hat die Demutsgeste laut gefordert. Das Volk der Fans hat sie erhalten. Ivo Grlic sagte, er habe einen Fehler gemacht und entschuldigte sich bei den Fans. Lassen wir mal die sprachlichen Feinheiten und die Frage nach der Authentizität beiseite. Wer hier länger liest, wird wissen, dass mir der Gedanke, Ivo Grlic müsse sich entschuldigen, sehr fremd ist. Er hat einen grundlegenden Fehler bei seiner Arbeit gemacht. Die Verpflichtung von Gino Lettieri ist aber nur der sichtbare Teil des Fehlers. Wenn Ivo Grlic sagt, die Verpflichtung sei ein Fehler gewesen, ist das banal. Die Entlassung machte den Fehler deutlich genug. Entscheidend bei der Selbsteinschätzung von Ivo Grlic sind also alleine die Überlegungen, die zur Verpflichtung geführt haben. Ohne Erklärung für Gründe der Verpflichtung können wir nicht einschätzen, ob solche Fehler nicht wieder passieren.

    Wahrscheinlich aber kann derart offen in der Öffentlichkeit nicht gesprochen werden. Es wird also schwierig bleiben mit dem Vertrauen in Ivo Grlics Arbeit. Deshalb muss ein Teil des Vertrauens durch Ingo Walds Ausführungen über den geplanten Sportvorstand entstehen. Diese Ausführungen führen tief in eine Strukturdebatte, bei der sich der Verein, also seine Mitglieder, darüber klar werden muss, wo er sich im Unterhaltungsbetrieb Profifußball verortet.

    Für Ingo Wald ist die Frage nicht beantwortet, ob ein Vorstand Sport im Verein MSV oder in der KGaA angesiedelt sein soll. Die Entscheidung hat Konsequenzen für die Position des MSV im Unterhaltungsbetrieb. Neulich schon habe ich auf die zwangsläufig sich ergebenden Widersprüche zwischen Vereinskultur und Unternehmenspraxis der Spielbetriebsgesellschaften hingewiesen. Immer wieder kommt es bei den größeren Vereinen zu Konflikten zwischen beiden Ebenen. Das beiden Einheiten gemeinsame Ziel Erfolg verdeckt nur die grundsätzlichen Unterschiede bei den jeweiligen Handlungsgrundlagen. Dabei gilt für mich die Faustregel, je kleiner der Verein und je niederklassiger, desto mehr rücken die Einheiten zusammen und entscheiden gemeinsam.

    Momentan lässt sich beim VfB Stuttgart der in der Struktur angelegte Interessenkonflikt zwischen beiden Einheiten in Idealform erkennen. Auf der einen Seite gibt es das Unternehmen Fußball mit seinen Bedürfnissen nach Entscheidungshoheit und schnellen Prozessabläufen, auf der anderen Seite gibt es den Verein des Fußballs mit seinen Bedürfnissen nach Mitbestimmung und Einfluss auf die Fußball-Kultur im weitesten Sinn.

    Die Frage nach der Zukunft von Ivo Grlic ist deshalb zugleich die Frage nach der Zukunft des MSV in diesem Profifußball, und zwar nicht, weil sportlicher Erfolg damit verbunden ist. Sehr viel grundsätzlicher geht es um die Zukunft. Es geht um die Bewertung, wieviel unternehmerische Unabhängigkeit ist für die Spielbetriebsgesellschaft realistisch. Dass solche Bewertung wiederum Auswirkungen auf die Vereinskultur und die Arbeit der Ehrenamtler im Vorstand hat, versteht sich von selbst.

    Wegen solcher langfristigen Auswirkungen bei der Anstellung eines Vorstands Sport, scheint es mir sinnvoll, die Frage nach der Besetzung momentan zurück zu stellen. Denn ohne den Klassenerhalt wird sie hinfällig. Ich glaube nicht, dass Ingo Wald die Frage aus den Augen verliert.

    Falls jemand die PK noch nicht gesehen hat.

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  39. Zum Zebrastreifenblog finden Leser immer wieder auch über Suchmaschinen. Manchmal betrachte ich dann die Statistik mit den Suchbegriffen, die mir leider nur selten angezeigt werden. Gerne würde ich sie öfter sehen. In ihnen steckt oft eine lyrische Kraft, die teils surreal-expressionistisch wirkt und die ich nicht ungenutzt lassen möchte.

    Karnevalsdrama

    Kölner Sprache schlimm.
    Sind die FC Köln Fans schlimm?
    Ist Karneval Köln schlimm?
    Minimalistische Karnevalsausrüstung.
    Grundregeln Kölner Karneval.
    Wie kann man sich an Fastnacht als Fußballer verkleiden?
    Trägt Bruno Hübner eine Perücke?

    Weiberfastnacht gehe ich immer fremd, muss das sein?
    Ebay Karten für Arminia Frau geknallt.
    Seltene Gefühle.
    Kann man zum Fasching Mädchen Fußballerin machen?
    Haltbarkeit Karnevalsbekanntschaft.
    Zerrottete Beziehung.
    Gedankenunterdrückung.
    Trägt Bruno Hübner eine Perücke?​

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  40. Schon bei seiner Vorstellung als neuer Trainer des MSV überzeugte mich Pavel Dotchev mit seinen souveränen, sachlichen Antworten und seinem Blick auf den sozialen Zusammenhang bei seiner Arbeit als Fußballtrainer. Nun habe ich mir die Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Unterhaching angesehen. Ich finde es beeindruckend, wie er in diesen doch sehr ritualisierten Fragerunden mit den oft gleichen Fragen der Journalisten offen und interessant spricht. Es entsteht ein tatsächlicher Austausch. Auch wenn er über den Gegner spricht, bleibt er nicht bei allgemeinen Floskeln zu dessen Spielstärke. Er ordnet ein und ist genau.

    Dieser Eindruck entsteht auch, weil seine Antworten sich immer wieder nicht nur auf den rein sportlichen Zusammenhang beziehen. Durch seine Antworten wird erfahrbar, fußballerischer Erfolg hat Rahmenbedingungen, die ein Trainer nicht immer kontrollieren kann. Natürlich gehört zum Fußball das Emotionale und Irrationale auch bei den Sportlern selbst, doch wie er Fragen in diese Richtung, eben nach der Folklore des Fußballs, in die eigentlich wichtige Richtung lenkt, nämlich die Strukturen des Spiels, lässt den sachlichen Analytiker erkennen.

    Pavel Dotchev weiß um die Bedeutung des Wohlbefindens seiner Spieler, aber er lässt sie nicht aus der Verantwortung für die eigene Motivation und Leistung. Er sucht die Fakten für Erfolg, und eine Voraussetzung kann zum Beispiel auch etwas Ritualhaftes vor dem Spiel sein. Dieses Ritualhafte ist für ihn aber offensichtlich eine Kleinigkeit gegenüber den eigentlich wichtigen Dingen.

    Am besten hört man ihm selbst zu. Wer dazu keine Zeit hat, hier der Dotche-Zitat-Service im Zebrastreifenblog.


    Für die Spieler muss man auch sagen, es ist auch keine leichte Situation. Das ist jetzt dieses Jahr schon der dritte Trainer, der mit seine Idee kommt und versucht, die Spieler mit zu viel Information zu bombadieren. Deshalb bin ich auch sehr, sehr vorsichtig, wieviel Information ich an die Spieler gebe, weil letztendlich es geht auch um eigene Verantwortung auf dem Platz.

    Ich kriege immer wieder auch so von meinen Spielern als Feedback, dass die Stimmung positiv geworden ist.

    Ich habe schon sehr viel Respekt vor den Mannschaften in der Liga und die Tabelle darf uns jetzt nicht sehr viel täuschen. Von anderer Seite muss ich sagen, das ist ein Spiel für uns, wo wir gewinnen müssen. Wir können jetzt nicht versuchen, den Druck rauszunehmen. Wir müssen den positiven Druck nehmen, weil das ist ein direkter Konkurrent.

    Motivation gehört natürlich auch dazu, du musst die Spieler motivieren. Aber für mich ist aber auch eigene Motivation das allerwichtigste. Als Trainer kannst du dich nicht als Kasper immer machen und 1000 Euro – oder 1000 D-Mark gab es damals – da an die Wand kleben und sagen, das könnt ihr nehmen oder wie auch immer. Es gibt so einige Sachen […] Aber für mich ist ja wichtig, dass die eigene Motivation bringen, dann wirst du Erfolg haben. Weil wenn ich da anfange jedes Spiel die Spieler zu motivieren und die nicht verstanden haben in jetziger Situation um was geht, dann habe ich auch keine Chance.

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  41. Seit Samstag weiß ich nicht genau, worüber ich mich mehr freue. Ist es der so wichtige 2:1-Sieg des MSV gegen die SpVgg Unterhaching? Oder sind es Pavel Dotchevs Worte auf der Pressekonferenz nach dem Spiel? Wenn das so weitergeht, werde ich demnächst wohl begeistert kreischend tagelang ein Haus in Meiderich belagern. Pavel Dotchev möchte ja in der Nähe des Trainingsgeländes wohnen. Vielleicht hat er die Wohnung schon. Wisst ihr genaueres? Irgendwas Verrücktes im Alter tun und peinlich werden. Warum soll das nur amerikanischen Touristen in merkwürdiger Sommerkleidung vorbehalten sein?

    Wie wertschätzend kann ein Trainer über die Spieler seiner Mannschaft sprechen, ohne die Leistungen schön zu reden. Beeindruckend, wie es Pavel Dotchev gelingt, einen Sieg mit Freude zu bewerten und dabei zugleich Mängel dieses Spiels sehr umfassend auf den Tisch legt. Beeindruckend, wie er in wenigen Sätzen, die unterschiedlichen Einflussgrößen auf Leistung in Beziehung zueinander bringt; wie er das Verhältnis von Trainerentscheidungen, Spielerverhalten und Spielglück ganz selbstverständlich in einem Zusammenhang erwähnt und damit allem gleichermaßen gerecht wird. Für mich ist das einen Dotchev der Woche wert. Ich hoffe auf den Anfang einer lang währenden Rubrik.

    Der Dotchev der Woche


    Ich habe natürlich viele Spiele gehabt, in denen ich Leute gebracht habe, die nicht getroffen haben. Heute war das Glück auf meiner Seite. Ich habe mir natürlich was dabei gedacht. Ich habe schon meine Gedanken gehabt, weil die die Woche über gut trainert haben. Und der Pepic und der Krempicki, die sind beide sehr ballsicher. Die haben gute Leistung gebracht die Woche. Und ich habe gedacht, letzte Minuten, letzte Phase vom Spiel möchte ich ein bisschen mehr Kontrolle haben. Und dass Krempicki noch das Tor macht, das war natürlich umso schöner, aber das war natürlich Glückssache

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  42. [​IMG]Manchmal haben meine Vorträge oder Texte besondere Anlässe. Für diesen Vortrag am 8. März war es das Motto der 42. Duisburger Akzente. Dem Programm gaben in diesem Jahr „Mauern“ die inhaltliche Orientierung. Da ließ sich in Verbindung mit dem Fußball etwas draus machen.

    Nun wurden die Akzente zwar abgesagt, der Vortrag aber nicht. Im Rahmen der Montagsvorträge der VHS Duisburg werde ich also am 8. März über das Mauern im Fußball erzählen. Uhrzeit entweder 19 oder 20 Uhr, das steht noch nicht fest.

    Die Freistoßmauer habe ich beim Vortrag außen vorgelassen. Sie bietet wenig Erzählenswertes über den Fußball hinaus. Das ist beim „mauern“ anders. Darin stecken Urteile, Hoffnungen und Ziele, die viel darüber verraten in welcher Welt das Fußballspiel gerade stattfindet, in dem gemauert wird.





    Und vorne hilft der liebe Gott

    Wenn beim Fußball von einer mauernden Mannschaft gesprochen wird, geht es weniger um die Einordnung von taktischen Mitteln als um das Urteil über eine Spielweise. Oft missfällt es Zuschauern, wenn eine Mannschaft sich zu sehr zurückzieht. Doch kein Team mauert von Anpfiff an. Beginnen damit denn nur die Schwachen gegen Starke? Was hat die Spielweise mit Selbstbewusstsein sowie mit lokalen und nationalen Identitäten zu tun? Der Autor Ralf Koss begibt sich für seinen Vortrag auf die Spurensuche in Literatur, Fußball- und Kulturgeschichte. Er berichtet von ermauerten Siegen und dem Anrennen gegen Bollwerke. Er findet Deutungen und Werturteile. Welche Geschichten über das Mauern aber wirken auf uns alle, selbst wenn wir uns nicht für Fußball interessieren?

    Unter dem folgend Link könnt ihr euch schon anmelden. Dann wird euch der Zugangslink zum Vortrag zugesendet. Für Kurzentschlossene werde ich vor dem 8. März den Link aber auch hier noch teilen.


    Und vorne hilft der liebe Gott – Online-Vortrag
    Montag, den 8. März 2021
    VHS Duisburg
    Gebühr: Kostenlos


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  43. Jüngst tauchten im Stadtbild Duisburgs viele neue Bekenntnisse zum MSV auf durch Plakate, Banner und Aufkleber. Letztere schätze ich übrigens nur bedingt. Das gehört zu meinem Vorrecht eines älter gewordenen Anhängers dieses Vereins. Erinnern mich Aufkleber im öffentlichen Raum doch immer auch daran, wie an mancher Stelle dieser Stadt der Konflikt zwischem dem ungestörten Anblick eines geschlossenen, womöglich gar kunstvoll gedachten Ensembles und dem Ausdruck von Vereinsliebe zum Nachteil des MSV gereicht. Die dann nur schwer zu beseitigende Spuren von MSV-Zuneigung ärgern mich dann doch mehr als dass sie mich freuen.

    Das aber nur am Rande. Denn schon bevor diese konzertierte Aktion sichtbar wurde, hatte sich die Künstlerin Stacey Blatt aufgemacht, um Spuren des MSV im Stadtbild zu finden. Stacey Blatt kommt gebürtig aus Los Angeles und lebt seit dem Jahr 2000 in Duisburg. Schon bald begeisterte sie sich für die besondere Atmosphäre im Stadion und den MSV Duisburg. Sie gründete den MSV-Hermann-Kurz-Gedächtnis Fanclub, der nicht nur die MSV-Fans unter den Duisburger Künstlern sammeln sollte, sondern auch besagten Hermann Kurz ehren. Auch der 2006 verstorbene Duisburger Künstler war MSV-Fan.

    Ihre Spurensuche war eine Art Therapie gegen die entstandene Melancholie, kein Spiel des MSV im Stadion sehen zu können. Aus ihren Funden schnitt sie einen kurze Clip zusammen mit ganz unterschiedlichen Bekenntnissen zum MSV. Die knapp 13 Minuten wirken geradezu meditativ auf mich. Allerdings bin ich ich mir im Nachhinein nun nicht sicher, ob all diese Bekenntnisse meine Melancholie nicht vergrößern. Vielleicht schafft Abhilfe nur die kreative Arbeit selbst, getreu bekannter Erklärungen der Psychologie zu Kreativität und Kunstproduktion.

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  44. [​IMG]Zum Zebrastreifenblog finden Leser immer wieder auch über Suchmaschinen. Manchmal betrachte ich dann die Statistik mit den Suchbegriffen, die mir leider nur selten angezeigt werden. Neulich habe ich sie schon zu einem Gedicht in der Tradition surreal-expressionistischer Dichtung genutzt, heute fühle mich mich mehr in der Agitprop-Lyrik der 70er zu Hause.



    Suchmaschinen-Lyrik
    Er sucht ihn

    Ist Fußballer ein Beruf?
    Kumpel nackt zeigen
    Gerüchte über mich
    Vorsicht beim Kopf waschen
    Schwule Fußballer Gerüchte
    Gute Seife Duschen
    Gerüchte Gott​

    Stefan Maierhofer schwul?
    Brust raus oder der Bauch?
    Karl Heinz Pflipsen schwul?
    Fußball Abschiedsrede
    Fußballprofi schwul
    Frage schwul
    Kreisklasse Fußball

    Beleidigung Kreisklasse
    Vertrauen schaffen wie denn?
    Männer kennenlernen wie?
    Ende in Fortsetzungsserie
    Herrlich, herrlich wird es sein, heißt es im einen Lied
    Schöne Lieder über Liebe
    Freie Männerliebe​

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  45. [​IMG]

    Der Dotchev der Woche


    Er ist immerhin auch schon 34 Jahre alt. Biologische Uhr tickt nicht gerade für ihn. So wie für uns alle übrigens.

    PK vor dem Spiel gegen KFC Uerdingen, 26. Februar 2021

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  46. Wenn ältere Menschen sich an die Vergangenheit erinnern, beschäftigt sie in der Neuzeit zugleich oft auch die Veränderung ihrer eigenen Welt. Inzwischen haben Gesellschaften sogar Schwierigkeiten mit dem Tempo der Verändungen. Es bleibt keine Zeit mehr, einen scheinbaren Zustand des Normalen zu bestimmen. Einen Zustand, auf den wir uns alle beziehen können und bei dem wir dann das Gefühl haben, wir streiten über dieselben Dinge.

    Vielleicht ist deshalb der Fußball auch so wichtig geworden in der Gegenwart. Er lenkt ab von den wahren Problemen auf dieser Welt, und er erlaubt uns das Gefühl, wir wissen, wovon wir sprechen. Im Fußball kann der Einfluss des Gelds auf Leben und Erfolg so klar benannt werden, und trotz aller Unterschiede haben wir als Anhänger eines Vereins zudem Anteil an einer gemeinsamen Geschichte. Auch deshalb hat diese ominöse Tradition so große Bedeutung erhalten.

    In der Bundesligasaison 71/72 war das alles anders. Bernd-M. Beyer hat mit 71/72 – Saison der Träumer ein wunderbares Buch über besagte Fußballsaison geschrieben. Zweifellos gilt das für Leser, die spätestens in den 1960ern geboren wurden. Ich frage mich allerdings auch, wie das Buch auf jüngere Leser wirkt. Das hängt mit dem Gestaltungsprinzip zusammen. Bernd-M. Beyer erzählt von Spieltag zu Spieltag zusammenfassend anekdotisch, Länderspieltage inklusive. Einordnende Erklärungen werden dabei elegant eingearbeitet.

    Zudem montiert er das Fußballgeschehen mit der Bandgeschichte von Ton, Steine, Scherben in jenem Jahr sowie dem terroristischen Geschehen, das von der RAF bestimmt war. So schafft Bernd-M. Beyer einen ungemein lebendigen Einblick in einen spezifischen bundesrepublikanischen Alltag jener Monate. Ich kann mir dennoch vorstellen, dass jüngeren Anhängern des Fußballs eine solche Ereignisgeschichte zu gleichförmig ist, weil diese Vergangenheit auf sie fern wirkt.

    So anders war der Fußball in dieser Zeit. Die Bundesliga war vom Bestechungsskandal bestimmt. Das Zuschauerinteresse war gesunken. Die Saison wird geprägt durch den Zweikampf von :kacke: und Bayern um die Meisterschaft. Es war die Gelsenkirchener Meineid-Mannschaft des Bestechungsbetrugs, in der die Spieler ihre Angst vor Strafverfolgung verdrängen mussten. Der politisierte und zugleich populärkulturell geprägte Zeitgeist war auch im konservativem Fußball angekommen – wenn auch selten in der Lebensführung der Fußballer. Vor allem die Frisuren waren ein Thema. Paul Breitner und Günter Netzer galten auf unterschiedliche Weise als Repräsentanten dieses Zeitgeistes. Beide vereinte zudem, dass sie in öffentlichen Stellungnahmen damals schon den Fußball als Teil des Wirtschaftssystem begriffen. Welch andere Bedeutung der Fußball in jener Zeit für die Gesellschaft besaß, zeigt sich vor allem nach Länderspieltagen. Die deutsche Nationalmannschaft damals war jene, die England im Wembley-Stadion auf grandiose Weise 3:1 besiegte und die die Europameisterschaft gewann. Von nationalem Freudentaumel keine Spur.

    Bernd-M. Beyer gibt dem Geschehen außerhalb des Fußballs Tiefe, indem er Beweggründe der handelnden Menschen erwähnt und er für einzelne Ereignisse einen längeren zeitlichen Rahmen der Darstellung wählt. Neulich habe ich schon auf das Buch hingewiesen, weil der MSV Duisburg zweimal in einer für mich erwähnenswerten Nebenrolle genannt wurde und ich euch mit den entsprechenden Stellen schon mal einen Vorgeschmack geben wollte. Stil und Erzählweise lassen sich dort erkennen. Dass Fußballanfang des Bestechungsskandals und terroristisches Zeitgeschehen am Ende zusammenfallen, ist eine für mich so überraschende Pointe, die ich nicht verraten möchte. Lest 71/72 – Die Saison der Träumer am besten ganz schnell selbst.



    [​IMG]




    Bernd-M. Beyer
    71/72. Die Saison der Träumer
    Hardcover. 352 Seiten
    ISBN: 9783730705407
    € 22,00

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