Spechti
3. Liga
„Auf dem Rasen herrscht ein Glücksspiel“
Alles Zufall? 15. Juni 2006
Was viele schon immer vermutet haben ist jetzt wissenschaftlich bewiesen: zum Tore schießen braucht man vor allem Glück. Den Beweis führt der Sportwissenschaftler Martin Lames, der 638 Tore aus sechs europäischen Ligen untersucht hat.
Herr Professor Lames, Sie haben herausgefunden, daß knapp 40 Prozent aller Tore im Fußball Zufallsprodukte sind. Werden wir bei der WM Zeugen eines großen Glücksspiels?
So kann man das nicht sagen. Der Zufall ist aber im Fußball ein nicht zu unterschätzender Faktor. Mein studentischer Mitarbeiter Alex Rössling und ich haben 638 Tore aus sechs europäischen Ligen untersucht und sind zu dem Ergebnis gekommen, daß bei 38,9 Prozent mindestens eine Zufallsvariable im Spiel ist.
Welche Zufallskriterien haben Sie Ihrer Untersuchung zugrunde gelegt?
Es handelt sich dabei um Merkmale, die ein nicht geplantes, nicht kontrollierbares Zustandekommen eines Tores beschreiben. Das ist etwa der Fall, wenn ein Abpraller verwandelt oder der Schuß abgefälscht wird, wenn der Ball vom Pfosten ins Tor und nicht ins Feld zurückspringt oder der Torwart noch eine deutliche Ballberührung hat. Auch Tore, die aus großer Entfernung erzielt wurden oder bei denen die Abwehr unmittelbar vor dem Tor noch am Ball war, fallen darunter.
Warum denn auch Fernschüsse?
Bei Fernschüssen ist davon auszugehen, daß der Torwart unter normalen Umständen den Ball hält, ihn aber aufgrund von verdeckter Sicht oder weil er abgefälscht ist, passieren läßt.
Und auf welches Zufallsmerkmal sind Sie dabei am häufigsten gestoßen?
Die Beteiligung der gegnerischen Abwehr mit 14,1 Prozent, gefolgt von Fernschüssen mit 12,4 Prozent. Die Mitwirkung der gegnerischen Verteidiger ist allerdings um sechs Prozent zurückgegangen. Wir haben die gleiche Untersuchung nämlich schon einmal 1994, 1999 und 2004 vorgenommen. Möglicherweise haben sich die Abwehrsysteme verbessert. Das wollen wir demnächst genauer unter die Lupe nehmen.
Und Klinsmanns Abwehrreihen?
Die deutsche Verteidigung paßt tatsächlich nicht so richtig ins Raster. Normalerweise ist beim ersten Tor wesentlich häufiger als bei den nachfolgenden Treffern eine der Zufallsvariablen im Spiel. Zu Beginn der Partie stehen die Abwehrreihen noch sicher und sind durch geplante Spielzüge schwerer zu überwinden. Tore fallen in dieser Phase häufig nach Abprallern. Später ergeben sich eher mal Chancen für Konter, bei denen die Angreifer Platz für Kombinationen haben. Daß die deutsche Abwehr schon zu Beginn ihrer Partien mehrfach ausgekontert wurde, ist sehr ungewöhnlich im Profifußball.
Was ist Ihre Erklärung dafür?
Klinsmanns Verbot von Quer- und Rückpässen trägt sicherlich ihren Teil dazu bei.
Ihre Untersuchungen legen aber auch nahe, daß man den Ball möglichst schnell nach vorne spielen sollte, um den Gegner unter Druck zu setzen.
Schon. Aber natürlich darf die Abwehr nicht zu arg geöffnet werden. Im Angriff muß man Unordnung in der gegnerischen Verteidigung stiften. Aber hinten muß man die eigene Unordnung eindämmen.
Spricht Ihre Analyse nicht für die Kick-and-Rush-Spielweise altbritischer Prägung?
Den größten Erfolg verspricht eine Mischung: den Ball kontrolliert in die gegnerische Hälfte bringen, dann dem Zufall nachhelfen, indem man Unordnung herstellt, etwas riskiert, sich auf Unvorhergesehenes einstellt.
Sie sprechen vom Torriecher?
Ja. Der Stürmer muß zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Jeder Spieler kann sich das auch ein wenig erarbeiten. Vielleicht sollten die Trainer öfter Übungseinheiten mit offenen Torsituationen einbauen, also Spielsituationen simulieren, in denen der Angreifer vor dem Tor schnell reagieren muß.
Wenn bei fast 40 Prozent aller Tore der Faktor Zufall die zentrale Rolle spielt, läßt das auf ein gutes Abschneiden der Klinsmann-Truppe hoffen.
Das sehe ich auch so. Technisch zählt unser Team sicherlich nicht zu den besten. Aber angesichts der Bedeutung des Faktors Zufall kann sich das Blatt schnell mal zugunsten der Deutschen wenden. Ob es für den Weltmeistertitel reichen wird, wage ich zu bezweifeln.
http://www.faz.net/s/Rub47986C2FBFB...9AB051B29157A690B1~ATpl~Ecommon~Scontent.html
is ja ganz interessant aber den Bezug zu Klinsi und Co hätte er sich sparen können

