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Kees Jaratz
Museen raus zum Publikum! Unter diesem Motto steht die Dienstag eröffnete Wanderausstellung „Zwischen Erfolg und Verfolgung“, für die das Zentrum deutsche Sportgeschichte mit dem Zentrum für Erinnerungskultur, Menschenrechte und Demokatrie der Stadt Duisburg kooperiert.
Wenn ein geschichtlich orientiertes Museum das Projekt verantwortet, nennt es das Ganze Ausstellung, ein Künstler hätte die nach Fotografien entworfenen Figuren der Sportler vielleicht Installation genannt. Sie stehen auf dem Bahnhofsvorplatz und sollen Begegnungen mit unterschiedlichen jüdischen Biografien von Sportlern schaffen. Bis zum 27. Juni sind sie zu sehen.
Der Vorsitzende des MSV Museums e. V., Volker Baumann, hatte bei einem Treffen mit Henry Wahlig, einem der maßgeblichen Initiatoren der Ausstellung vom DFB-Museum und Co-Kurator der Ausstellung, von dem Projekt erfahren und hatte vorgeschlagen, die Ausstellung auch nach Duisburg zu bringen. Das Hauptaugenmerk richtet die Ausstellung auf jene Sportler, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Ihre großen sportlichen Erfolge änderten daran nichts. Dass jüdisches Leben zur deutschen Gegenwartswirklichkeit gehört, soll die deutsche Schwimmerin Sarah Poewe zeigen, die bei den Olympischen Spielen 2004 Bronze mit der 4 x 100 m Lagen-Staffel gewann.
Wer es nicht zum Bahnhofsvorplatz schafft, findet online sämtliche Sportler der Ausstellung vorgestellt. Zudem wird die Bedeutung der Sportler auch in einem längeren Aufsatz kultur- und sporthistorisch eingeordnet. Walter Bensemanns Einfluss auf die Entwicklung der deutschen Fußballkultur etwa kann nicht oft genug betont werden. Jahrzehntelang war sein Name vergessen. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg spielte deutsche jüdische Geschichte im öffentlichen Erzählen keine Rolle. Schließlich hätte mit ihr zugleich über Mord und Verfolgung in den davor liegenden Jahren des Nationalsozialismus gesprochen werden müssen. So löschten die Nationalsozialisten für Jahrzehnte auch ganze Bereiche des kulturellen Gedächtnisses Deutschlands aus.
In Duisburg erhält die Wanderausstellung mit der Neuaufnahme der Figur von Walter Burg einen lokalen Bezug. Das Foto des gebürtigen Hamborners steht stellvertretend für die Geschichte dreier Brüder, die erfolgreiche Leichtathleten waren. Zwei der Brüder konnten mit den Eltern den Nationalsozialisten durch die Flucht nach Argentinien entkommen. Einer der Brüder war im Mai 1938 in Deutschland nach einer Erkrankung gestorben.
Angesichts des gegenwärtig erstarkten Antisemitismus erhält eine solche populär ausgerichtete Ausstellung besondere Bedeutung. Für den Oberbürgermeister der Stadt Sören Link war es deshalb mehr als ein Pflichttermin, zur Eröffnung der Ausstellung ein Grußwort zu sprechen. Vor allem aber zollte er damit Isaac Arturo Burg, dem Sohn von Erich Burg, Respekt. Er war aus Argentinien zur Eröffnung angereist. Ihn bei der Eröffnung zu erleben, stärkte die Hoffnung auf versöhnliche Begegnungen von Menschen an anderen Orten in anderen Momenten. Wieviel Freundlichkeit und Vergebung wohnt dem Geschenk inne, das Isaac Arturo Burg der Stadt, repräsentiert durch Sören Link, mitbrachte.
Auf ihrer Flucht hatten die Brüder ein Sammelalbum mitgenommen, das zu den Olympischen Spielen 1936 erschienen war. In Duisburg noch war es gefüllt worden. In Argentinien gehörte es zum Familienerbe. Nun schenkte Isaac Arturo Burg der Stadt jenes Album, das hier seinen Ursprung hatte, ein Album, das mit seinem Weg durch die Welt vom Schicksal einer Duisburger jüdischen Familie erzählt. Es erzählt von der Bedeutung, die der Sport für die Brüder hatte, von ihrer Verbindung zu Deutschland, zu der Heimat, die ihnen von den Nationalsozialisten genommen wurde.
Menschen brauchen Bilder und Geschichten, um zu begreifen, was es bedeutet, aus einer Stadt, einem Land vertrieben zu werden, weil die eigene Regierung anhand einer Eigenschaft die gleichberechtigte Zugehörigkeit zur Bevölkerung des Landes entzieht. Isaac Arturo Burg sprach Deutsch mit leichtem spanischen Akzent. Einmal fiel ihm ein Wort nicht sofort ein, manchmal wirkte die spanische Grammatik sanft ins Deutsche hinein. Auch diese Sprechweise gehört zu den Folgen des Nationalsozialismus, obgleich er Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs geboren wurde. Lebenswege wurden andere nicht aus eigenem Entschluss, sondern weil die Menschenwürde von einer demokratisch an die Macht gekommenen Regierung nicht geachtet wurde.
So nah rückt der Nationalsozialismus heute noch. In Duisburg fand das Erinnern an diesen Teil der Geschichte Deutschlands eine Form, die im Alltag der Gegenwart Wirkung entfaltet. Wir brauchen Anlässe, damit Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Ritualhaftes Erinnern reicht dazu nicht aus. Wir brauchen neue Anlässe. Eine solche Ausstellung wie auf dem Bahnhofsvorplatz kann so etwas sein.
von links: Volker Baumann – MSV Museum e.V., Henry Wahlig – Co-Kuratur der Ausstellung und Deutsches Fußballmuseum, Isaac Arturo Burg, Oberbürgermeister Sören Link
Einzig bedauernswert an diesem Mittag ist die Abwesenheit der Duisburger Lokalpresse in allen Medienformen, von Print über Radio bis zum TV. Die Geschichte des Besuchs von Isaac Arturo Burg gehört in die Öffentlichkeit dieser Stadt. Sie macht die Folgen des Nationalsozialismus auf berührende Weise begreifbar.
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