Zebrastreifenblog – Nach diesem Sieg für immer auch Prinz Toni

K

Kees Jaratz

Als in der Halbzeitpause des Spiels vom MSV Duisburg gegen den SC Verl der Prinz Karneval Duisburgs, Prinz Toni I., auftrat, erinnerten wir uns in der Kurve nicht mehr an den Namen jenes Prinzen, der in den Zehner-Jahren den Duisburger Prinzenfluch gebrochen hatte. Jahrelang verlor der MSV seine Heimspiele, sobald ein Karnevalsprinz den Rasen betrat. Dann war der Fluch vorbei. Seitdem macht uns kein Prinz im Stadion mehr Angst. Vielleicht muss allerdings von nun an Prinz Toni im Ornat samt Gefolge bei jedem wichtigen Spiel dabei sein. Wir Anhänger eines Fußballvereins lieben das magische Denken. Deshalb haltet bloß alle fest, was mit dazu beigetragen hat, dass der MSV gegen den SC Verl gegen alle Wahrscheinlichkeit 4:2 gewinnen konnte.

Verdient, unverdient – das waren nach dem Schlusspiff keine Kategorien mehr, die ich auf das Spiel anwenden konnte. Ich war neugierig, was die beiden Trainer sagen würden. So ein Satz fällt mir ein: Mit einem Drei-Tore-Rückstand spielte der SC Verl den MSV Duisburg an die Wand. Nicht weil die Mannschaft angesichts der drohenenden Niederlage den Druck erhöht hatte, sondern weil die Mannschaft unverdrossen mit dem weitermachte, was sie kann. Sie befreite sich aus Pressingdruck spielerisch. Alle statistischen Werte in diesem Spiel werden für den SC Verl sprechen. Ballbesitz, Torschüsse, Passgenauigkeit, was weiß ich. Aber der entscheidende statistische Wert ist das Torverhältnis in diesem einen Spiel, und dieser Wert sprach für den MSV.

Welche Effizienz haben wir gestern wieder gesehen. Was für ein technisches Können bei den Torschüssen von Lobinger und Borkowski. Aber über den Führungstreffer zum 2:1 konnte ich mich gar nicht freuen. Im Kopf war ich immer noch mit der erwarteten Enttäuschung beschäftigt, die Verler gleich mit einem Doppelschlag 3:1 im Führung gehen zu sehen. Das wirkte nach. Erst das dritte Tor erlebte ich wieder in kompletter Gegenwart, ganz zu schweigen vom vierten Tor.

Ich hatte in der ersten Halbzeit allerdings kalkuliert, nur eine 5:1 Führung ab der 60. Minute gäbe mir die nötige Ruhe. Ein Unentschieden wäre dann annähernd sicher, ein Sieg greifbar. Torchance würden sich die Verler weiter erspielen, nur abschlusstark waren sie nicht. Sie würden viele Chancen brauchen, auszuhalten war dann, wie ballsicher diese Mannschaft aufbaute, wie ungebrochen sie an sich glaubte. Zugleich stand die Defensive des MSV sicherer als in den ersten 20 Minuten. Max Braunes – sagen wir mal – Handmalässe kam zur notwendigen Zeit, um taktisch umzustellen. Dass die Tore des MSV das Spiel kaum beeinflussten, führt zu diesem Staunen überall nach dem Schlusspfiff. Was wir gesehen hatten, passte irgendwie nicht zu diesem Ergebnis. Wir mussten andere als die gängigen Erzählungen von Fußballspielen für uns finden. Daran arbeiten wir noch immer.

Für mich gehört eine Ehrenrettung des Karnevalliedguts zu diesem Versuch, das Spiel zu begreifen. Prinz Toni gab in der Halbzeitpause ja eine Hymne auf die Stadt Duisburg zum Besten, deren Melodie jeder Exilkölner kennt. Die Kölner Karnevalsbands greifen gerne für ihre gefühlvolleren Songs auf die irische Volksmusik zurück. So war dieses Duisburg-Lied nicht KI-generiert, wie bei uns in der Ecke irgendjemand meinte. Die Bläck Föös haben 2003 ein sVolkslied mit einem kölschen Text versehen. Wer es einmal als Publikums-Chorgesang bei einem Konzert der Föös in Köln oder im Kneipenkarneval als ruhigeres Intermezzo erlebt hat, weiß, wie „jeföhlig“ und verbindend dieses Lied in einer professionielleren Fassung sein kann. Hier der Text von Du bes die Stadt auf der Seite der Föös. Film ab für eine Live-Fassung aus dem Jahr 2008:


Prinz Toni hat sympathischer Weise auch viel Gefühl für Duisburg, zugleich wünscht man ihm eine bessere musikalische Unterstützung in dieser Stadt. Die Qualität der Föös muss es ja nicht gleich sein, aber gute Musiker mit Herz und Sinn fürs Ehrenamt gibt es doch in dieser Stadt, die ihm eine andere Fassung hätten ermöglichen können als diese künstlich wirkende Melodie, zu der er sang. Doch egal, selbst diese Melodie muss dann zumindest im Stadion dabei sein, wenn demnächst ein Sieg wieder wichtig ist und alles drumherum so sein muss wie gestern.

Weiterlesen...
 
Zurück
Oben