K
Kees Jaratz
Je älter ich werde, desto weniger Menschliches ist mir fremd. Ständig befinde ich mich in Gefahr, jungen Menschen gelangweilt zu sagen, ja, kenne ich, weißt du, da bin ich 1993 und so weiter. Ich bremse mich aber fast immer sofort bei dem kleinsten solcher Gedanken, und gut, dass es Peter Remmert gibt. Dem ist eine Freude im Stadion zu verdanken, die ich in der Form in so früher Saison in meinem ganzen Fanleben seit den 1970er Jahren nicht erlebt habe. Dagegen ist eine rote Karte für den gegnerischen Spieler für mich im Grunde alltägliches Geschehen. Und wenn dann einer wie ich auch schon seit Jahren über Spiele des MSV schreibt, kann er einen Text aus der Vergangenheit wortgleich übernehmen. Ihr müsst nur SSV Jahn Regensburg durch FC Ingolstadt ersetzen.
Betitelt hatte ich meinen Text vom 2. April 2017 mit „Eine rote Karte für den Gegner wird zum Nachteil für die Zebras“.
Was anderes hätte ich zum Überzahlspiel nicht geschrieben, auch nicht nach so viel mehr Jahren, in denen ich den Zebrastreifenblog weiterbetrieben habe. Gut, ein wenig besser als damals gegen Regensburg waren die Zebras. Mehr Ideen hatte die Mannschaft, und der Ausgleich hätte fallen können mit etwas mehr Glück. Oder mit mehr Präzision beim Abschluss, wenn ich an den Pfostenschuss denke? Manchmal ist beides nicht leicht voneinander zu trennen. Aber für die Defensive bin ich mir schon nicht mehr ganz so sicher. In der Zeit seit 2017 hat Metin Tolan übrigens aus seinen Anmerkungen über Fußball ein Buch zusammengestellt.
Nach der roten Karte gegen den Ingolstädter war mir klar, das wird von da an ein schwieriges Spiel. Die Ingolstädter würden sich weiter zurückziehen. Für so ein dichtes Abwehrbollwerk ist die spielerische Entwicklung beim MSV nicht weit genug fortgeschritten. Der Sieg wurde für mich unwahrscheinlicher als bei einem Spiel elf gegen elf. Zudem wissen wir alle, ein Gegentor ist immer möglich. Das macht den Fußball so beliebt, dass auch in schwierigsten Lagen Erfolg möglich ist.
Für die Bewertung des Spiels bedeutsam ist für mich deshalb nicht das Überzahlspiel, das der MSV in seinen jetzigen Möglichkeiten bestritt. Wichtiger scheint mir die Zeit vor der roten Karte zu sein. Wieso vertraut diese Mannschaft ihrer Defensivqualität so sehr, dass sie den Ingolstädtern das gesamte Spielfeld überlässt? Ohne Offensivaktionen im Ballbesitz ist diese Defensive nicht sicher genug. Der Gegner muss das Gefühl behalten, selbst hinten absichern zu müssen. Wieso hatte sich für diese Spielphase der Rhythmus zwischen Initiative und abwartendem Spiel so verschoben? Das wird ja keine Absprache gewesen sein, wenn wir von Dietmar Hirsch bei der Pressekonferenz hören, wie unzufrieden er mit dieser Phase ist.
Das sind für mich die interessanteren Fragen, die daran anknüpfen, was mir schon im Spiel gegen Viktoria nicht einsichtig war. Immer mal wieder spielten die Zebras unter hohem Risiko sich von der eigenen Torauslinie in der Nähe der Eckfahne über 30 Meter nach vorne. Wenn der Pass dort angekommen war, erwartete ich, dass der dort vorhandene freiere Raum auch genutzt würde. Stattdessen drehte sich der Spieler dort – ich weiß gar nicht mehr, wer es jeweils war – nicht nach vorne auf, sondern passte in den noch freieren und sicheren Raum zurück. Das hohe Risiko an der eigenen Torauslinie brachte wenig Ertrag. Der lange Ball, der dann folgte, wäre auch auf einfachere Weise möglich gewesen.
Für mich steht außer Frage, die Möglichkeiten der Mannschaft im Ballbesitz sind größer geworden. Es gibt eine Entwicklung. Vermutlich beruht das Selbstvertrauen der Mannschaft dennoch weiter vor allem auf der defensiveren Spielanlage. In diesem Selbstbild der Mannschaft braucht die Sicherheit durch Ballbesitz wohl noch weiteren Zuspruch. Risikoreicher herausgespielte Torchancen über einen großen Teil des Spielfelds sind dafür wahrscheinlich eine Voraussetzung.
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Betitelt hatte ich meinen Text vom 2. April 2017 mit „Eine rote Karte für den Gegner wird zum Nachteil für die Zebras“.
Am Samstagnachmittag hing im Stadion des MSV während des Spiels gegen den SSV Jahn Regensburg ein Satz in der Luft. Ein Euro nur für diesen Satz und ich hätte mir einen exklusiven Osterurlaub gönnen können. Wir sind doch ein Mann mehr, das dachten zumindest die meisten Anhänger des MSV. Einige sprachen das sogar aus, und wahrscheinlich hat sogar mancher Spieler unten auf dem Rasen diesen Satz ganz kurz mal im Kopf gehabt. Wir sind doch ein Mann mehr. Solch ein Satz hängt in der Luft, wenn Erwartungen unerfüllt bleiben. Die Zebras haben eine miserable zweite Halbzeit gespielt. Die Spieler kamen nicht mehr in die Zweikämpfe. Sie ließen den Gegenspielern zu viel Raum. Sie waren ideenlos in der Offensive, und sie waren ein Mann mehr seit der 40. Minute.
Nun schreibe ich den Zebrastreifenblog schon so lange, dass mir ein mächtiger weißer Bart gewachsen ist und ein milder, weiser Altersblick auf dem verärgerten Stadion-Jaratz liegt. Du hast doch schon alles einmal geschrieben, beruhige ich mich heute. Nach der roten Karte gegen den Regensburger hatte ich sogar schon mit den Freunden über schlechte Spiele des MSV in Überzahl gesprochen. An gute in Unterzahl erinnerte ich mich. Vor allem erinnere ich mich heute aber mal wieder an den Dortmunder Physikprofessor Metin Tolan, der sich Gedanken über den durchschnittlichen Nachteil einer roten Karte gemacht hatte. Dieser Nachteil ist nicht sehr groß, denn die Spieler der Mannschaft in Unterzahl müssen alle nur geringfügig mehr laufen.
Was anderes hätte ich zum Überzahlspiel nicht geschrieben, auch nicht nach so viel mehr Jahren, in denen ich den Zebrastreifenblog weiterbetrieben habe. Gut, ein wenig besser als damals gegen Regensburg waren die Zebras. Mehr Ideen hatte die Mannschaft, und der Ausgleich hätte fallen können mit etwas mehr Glück. Oder mit mehr Präzision beim Abschluss, wenn ich an den Pfostenschuss denke? Manchmal ist beides nicht leicht voneinander zu trennen. Aber für die Defensive bin ich mir schon nicht mehr ganz so sicher. In der Zeit seit 2017 hat Metin Tolan übrigens aus seinen Anmerkungen über Fußball ein Buch zusammengestellt.
Nach der roten Karte gegen den Ingolstädter war mir klar, das wird von da an ein schwieriges Spiel. Die Ingolstädter würden sich weiter zurückziehen. Für so ein dichtes Abwehrbollwerk ist die spielerische Entwicklung beim MSV nicht weit genug fortgeschritten. Der Sieg wurde für mich unwahrscheinlicher als bei einem Spiel elf gegen elf. Zudem wissen wir alle, ein Gegentor ist immer möglich. Das macht den Fußball so beliebt, dass auch in schwierigsten Lagen Erfolg möglich ist.
Für die Bewertung des Spiels bedeutsam ist für mich deshalb nicht das Überzahlspiel, das der MSV in seinen jetzigen Möglichkeiten bestritt. Wichtiger scheint mir die Zeit vor der roten Karte zu sein. Wieso vertraut diese Mannschaft ihrer Defensivqualität so sehr, dass sie den Ingolstädtern das gesamte Spielfeld überlässt? Ohne Offensivaktionen im Ballbesitz ist diese Defensive nicht sicher genug. Der Gegner muss das Gefühl behalten, selbst hinten absichern zu müssen. Wieso hatte sich für diese Spielphase der Rhythmus zwischen Initiative und abwartendem Spiel so verschoben? Das wird ja keine Absprache gewesen sein, wenn wir von Dietmar Hirsch bei der Pressekonferenz hören, wie unzufrieden er mit dieser Phase ist.
Das sind für mich die interessanteren Fragen, die daran anknüpfen, was mir schon im Spiel gegen Viktoria nicht einsichtig war. Immer mal wieder spielten die Zebras unter hohem Risiko sich von der eigenen Torauslinie in der Nähe der Eckfahne über 30 Meter nach vorne. Wenn der Pass dort angekommen war, erwartete ich, dass der dort vorhandene freiere Raum auch genutzt würde. Stattdessen drehte sich der Spieler dort – ich weiß gar nicht mehr, wer es jeweils war – nicht nach vorne auf, sondern passte in den noch freieren und sicheren Raum zurück. Das hohe Risiko an der eigenen Torauslinie brachte wenig Ertrag. Der lange Ball, der dann folgte, wäre auch auf einfachere Weise möglich gewesen.
Für mich steht außer Frage, die Möglichkeiten der Mannschaft im Ballbesitz sind größer geworden. Es gibt eine Entwicklung. Vermutlich beruht das Selbstvertrauen der Mannschaft dennoch weiter vor allem auf der defensiveren Spielanlage. In diesem Selbstbild der Mannschaft braucht die Sicherheit durch Ballbesitz wohl noch weiteren Zuspruch. Risikoreicher herausgespielte Torchancen über einen großen Teil des Spielfelds sind dafür wahrscheinlich eine Voraussetzung.
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