In meinen Augen hat Didi Hirsch schon das Spiel gegen Viktoria Köln mit seiner Wechselpolitik negativ beeinflusst. Was heute passiert ist, setzt dem aber die Krone auf. Was hat ihn da geritten?
Hier wird viel über den Schiedsrichter gesprochen. Und ja, auch ich finde, dass die 50/50-Entscheidungen alle zugunsten von Stuttgart ausgefallen sind. Ich habe da außerdem ein Handspiel des Torhüters außerhalb des Sechzehners gesehen, und bei der Kartenverteilung hat er für mich mit zweierlei Maß gemessen. Trotzdem: Sowohl die rote Karte als auch den Elfmeter kannst du geben. Das Ziehen von Bulic musst du sogar ahnden.
Im Endeffekt führst du mit 3:0. Was uns in den ersten Wochen so stark gemacht hat, war diese Aufstiegsmentalität, diese Aura eines Champions. Und heute? Erst die Niederlage gegen Ingolstadt, dann rasierst du Stuttgart innerhalb von zehn Minuten aus dem Stadion – um den Gegner anschließend mit deinen eigenen Fehlern wieder zurückzuholen. Du ziehst unnötig die Notbremse, platzierst vor der Mauer ausgerechnet den kleinsten Spieler und schenkst dem Gegner auch noch einen Elfmeter.
Ich war lange nicht mehr so bedient nach einem Spiel. Wir haben uns heute zu 1902 % selber geschlagen. Und Tygers Aussage „Stuttgart kann Fußball spielen“ kann ich zumindest für dieses Spiel überhaupt nicht beipflichten. Die hatten einen Köttel in der Buchse. Zur Halbzeit muss es 5:0 stehen.
Zu großen Teilen hat sich die Mannschaft das heute selbst eingebrockt. ABER: Ich bin mir verdammt sicher, dass wir dieses 3:2 irgendwie über die Zeit bringen, wenn Hirsch nicht so dermaßen beschissen umstellt und bei den Wechseln so fatal danebenliegt.
Mit dieser Angsthasenmentalität hat er ein dermaßen passives Spiel geschaffen, dass uns irgendwann jede Balance gefehlt hat. Kein Tempo, keine Entlastung und praktisch keine eigenen Offensivaktionen mehr.
Ohne Not kommt Christensen für Kother, obwohl sich an der Kette hinten ja nichts verändert, weil Rasko nach innen rückt. Ich verstehe den Gedanken dahinter: Christensen ist die defensivere Variante, bringt Power mit und hat das auch nicht verkehrt gemacht. Aber Kother hatte seine Seite bis dahin gut beackert und war nach vorne immer wieder gefährlich, wenn er nach innen gezogen ist. Den Wechsel kann man aufgrund der defensiveren Ausrichtung und der Flexibilität von Can und Frederic noch begründen. Was danach passiert, erschließt sich mir aber überhaupt nicht.
Du bringst einen völlig verunsicherten Ens für Noss. Jessen rückt augenscheinlich zunächst weiter nach vorne, Bitter geht auf rechts und Ens in die Innenverteidigung. Irgendwann taucht Ens dann aber im zentralen Mittelfeld auf, wirkt völlig orientierungslos und ist immer einen Schritt zu spät. Er ist der Erste, der praktisch ohne Gegenwehr überspielt wird. Mit Ens auf dieser Position haben wir gefühlt mit noch einem Mann weniger gespielt.
Jessen war zu diesem Zeitpunkt schon ordentlich ausgepumpt und konnte keine Akzente mehr setzen. Er wechselt sich vorne immer wieder mit Bitter ab, der zumindest noch für Powervorstöße sorgen kann. Spätestens mit der Einwechslung von Besuschkow wird das Spiel aber viel zu statisch. Da ist überhaupt kein Tempo mehr drin, offensiv passiert praktisch nichts. Remmert ist vorne die ärmste Sau auf dem Platz: völlig auf sich allein gestellt und ohne Anspielmöglichkeiten.
Nur zwei Minuten später kommt Krüger für Coskun, Christensen wird nach hinten gezogen. Krüger hat als LOM überhaupt keinen Impact. Durch dieses passive Stehen und das fehlende Tempo holen wir Stuttgart so dermaßen zurück ins Spiel, dass die sich in aller Ruhe die Pille hin- und herschieben können. Und wir warten währenddessen nur noch auf den Abpfiff – oder eben auf den Ausgleich.
Sorry. Ja, die Mannschaft stellt sich gerade absolut dämlich an. Aber auch das, was Hirsch gerade ausstrahlt, hat für mich nichts mit diesem Champions-Gen zu tun. Er verkörpert Passivität statt Mut und verzettelt sich bei seinen Wechseln.
Stuttgart war heute mausetot. DAS wäre das Spiel für Safi gewesen. Nicht das gegen Viktoria Köln, als er als Schienenspieler völlig überfordert wirkte und zum klaren Schwachpunkt wurde. Bringst du heute Safi und Sussek und lässt die beiden gemeinsam mit Remmert zocken, gehst du als Sieger vom Platz. Stuttgart stand irgendwann mit der letzten Kette so hoch, dass das wie gemacht gewesen wäre für Sussek, Safi und Remmert. Und mit Spielern wie Bitter, Bulic, Casar, Jessen, Ens und Christensen wärst du trotzdem ausreichend abgesichert gewesen – gerade gegen eine zweite Mannschaft des VfB, die heute so limitiert aufgetreten ist.
Hirsch beraubt sich gerade seiner eigenen Stärken. Sein gutes Händchen bei den Wechseln war einer der Gründe für seinen Erfolg. Genau das lässt er im Moment komplett liegen.
Er muss sich beim Coaching schnellstmöglich wieder fangen und gleichzeitig die Defensive in den Griff bekommen.