Eine erfrischend differenzierte Meinung, der ich zu weiten Teilen zustimmen möchte. Ich glaube auch, dass Mannschaft und Trainer den Plan hatten, in der Rückrunde wieder dominanter und aktiver aufzutreten. Das hat man gerade in den ersten 15 Minuten und auch in den Testspielausschnitten gesehen.
Aber wie so oft in den letzten drei Jahren ist das in die Hose gegangen. Nach der defensiven Stabilisierung und einigen Erfolgen versucht man mit dem Mindset eines Ligafavoriten zu spielen, vergisst aber die defensiven Basics und wird auf teilweise zu billige Weise auseinander gespielt. Das wiederholt sich auf erschreckende Weise bei praktisch jedem Trainer.
Das 0:1 war übrigens kein Umschalt- oder Kontertor, sondern gegen unser Anlaufen von hinten raus gespielt. Im gleichen Zuge möchte ich die Leistung und den taktischen Plan von 1860 loben. Sie waren vor dem Tor nicht nur eiskalt, sondern haben auch sehr geschickt ihre Pressinghöhe- und intensität variiert. Genauso gut haben sie es verstanden dort Überzahl und Druck zu schaffen, wo wir spielen wollten.
Deswegen finde ich die Verweise auf die Erfolglosserie der Sechziger aus dem letzten Jahr und unter dem alten(!) Trainer auch unpassend. Eigentlich dienen sie auch nur dazu die Leistung unserer Mannschaft n weiter herabzustufen. Die Sechziger haben ganz sicher kein schlechtes Spiel gemacht.
Unser größte Problem war in meinen Augen die Berechenbarkeit unsere Angriffsrouten. Dadurch, dass der relativ spielstarke Castaneda im Ballbesitz immer wieder abgekippt ist, war im Zwischenlinienraum bzw. Übergangsspiel nur noch Stierlin präsent, der im Spielaufbau bekanntermaßen seine Limits hat. Und das sorgte dafür, dass unsere Angriffe eine gewisse Vorhersehbarkeit hatten (Flügel hoch oder lang auf die letzte Linie), die beide in ihrem Naturell schon potentiell weniger Raum für Kreatives und Überraschendes tragen als beispielsweise Halbraumangriffe und deswegen für die Gastgeber auch meist leicht zu verteidigen waren.
Spätestens nach dem 0:2 waren wir gezwungen das Spiel aus dem eigenen Ballbesitz zu gestalten und da waren die Strukturen und die Mechanismen zu großen Teilen die gleichen wie in den tendenziell erfolgreichen Spielen zum Ende der Vorrunde. Deswegen ist die Kritik an Schommers in Bezug auf diese Aspekte auch ziemlich lächerlich.
Kritik kann man aber definitiv an der Rollenbesetzung äußern. Denn mit Stierlin alleine war die Mitte halt tot. Für mich wären drei Optionen plausibel gewesen. Entweder lasse ich Stierlin abkippen und Santi in der Mitte. Oder ich verzichte auf das Abkippen (für mich war es gerade in den passiven Phasen der Sechziger auch ziemlich unpassend, da kann man problemlos mit zweien aufbauen oder auch den Torwart aktiver einbinden, wenn man Senger und Bitter breiter positionieren möchte). Oder man wechselt Michelbrink spätestens zur Halbzeit ein, wenn man weiß, dass man jetzt das Spiel machen muss und dafür auch die Mitte nutzen möchte.
Genauso wenig habe ich die erneute Berücksichtigung von Esswein verstanden. Der war wieder einmal ziemlich inhomogen eingebunden und alibimäßig unterwegs. Sengers Aufstellung konnte ich noch verstehen (Linksfuss), aber seine Verteidigerleistung war unterirdisch und mit Ball war er mir auch viel zu hibbelig. Alles andere war ja im Kern wie vor der Winterpause, Ginzcek mal ausgenommen. Den aber wohl jeder Fan auch von Beginn an gebracht hätte.
Enttäuschend waren dann aber wieder die Unsauberkeiten im Ballbesitz. Ich hatte gehofft, dass man sich in der Winterpause da eigentlich noch etwas verbessert oder zumindest so weiter macht wie davor, aber selbst der emsige und von mir sonst geschätzte Pledl produziert ganz schön viel Ausschuss.
Was bleibt? Zum einen natürlich eine große Enttäuschung. Zum anderen halte ich die Kritik und die Abgesänge aber auch für übertrieben und zu pauschal.
@Ghulasi hat die taktischen Wechselwirkungen mit dem Spiel der Löwen ganz gut beschrieben. Der MSV möchte jetzt halt sein Spiel durchdrücken (was erstmal gut ist). Aber der Gegner hat sich gut drauf eingestellt und die Schwächen eiskalt ausgenutzt. Umgekehrt war die Fehlerquote in unserem Spiel zu hoch, die defensiven Basics wurden vernachlässigt und die fehlende Flexibilität wurde uns dann auch zum Verhängnis. Das kann gegen Halle aber auch wieder ganz anders aussehen...