Hat gestern im Stadion wirklich Spaß gemacht und genau das waren auch meine Erwartungen.
Wieso eigentlich nicht immer so?
Gar nicht so leicht zu beantworten. Ich denke, zum einen war die Mannschaft in der Frühphase der Saison lange nicht so gefestigt in den Abläufen und im Zusammenspiel. Zum anderen fehlte natürlich der Ergebnisdruck und man konnte befreit aufspielen. Übrigens nicht nur die Mannschaft sondern auch der Trainer. Während Ziegner letzte Woche noch ein Mittelfeld spielerischer Armut aufbot, ging er jetzt "all in" in Sachen Spielwitz. Wenn ich mich nicht irre, haben wir zum ersten Mal ohne zerstörenden Sechser und zum ersten mal mit Frey, Bakir, Pusch und Jander zusammen gespielt.
Aber das lag nicht nur am so gut wie sicheren Klassenerhalt, sondern einfach auch am Gegner und deren Spielweise. Auch Aue hatte keinen Druck mehr. Pavel hat auch gerne den Ball. Also beste Vorrausetzungen für ein Spiel, wo beide Mannschaften viel strukturierten Flachpassfußball spielen wollen und nicht die typischen Drittligaattribute wie Zweikämpfe, Pressing, langer Ball - zweiter Ball fokussieren.
Mannschafttaktisch blieb Ziegner bei den Ansätzen der letzten Wochen, also im Pressing etwas tiefer mit größerem Fokus auf einer guten Ordnung/Kompaktheit und mehr Umschalt- und Kontermomenten.Trotzdem wurde das Dogma der spielerischen Lösung aus der Rautenzeit nicht aufgegeben. Während beim 4-2-3-1 der Hinrunde unter Druck die Bälle oft nach vorne geschaufelt wurden, wurde sich gestern aktiv freigelaufen und Bälle gefordert oder abgebrochen und hintenrum neu aufgebaut. Während man in der Hinrunde das Zentrum und die Halbräume mied, wurden die Sechser dieses Mal ganz bewusst in den Spielaufbau einbezogen (es wäre auch ein Frevel, wenn man das mit Jander und Frey nicht macht

).
Die bevorzugten Angriffsrouten waren dann aber doch die Flügel bzw. Halbräume. In den klaren Ballbesitzphasen staffelte man sich 2-4-1-3-ähnlich. Pusch hatte eine Freirolle, die AVs gaben Breite und die offensiven Außen gingen in die Halbräume der letzten Linie und auf Höhe von Girth. Sie banden damit die Kette von Aue und zogen durch das Hereinkippen in die Halbräume die Flügel für die nachstoßenden Spieler frei. Meistens liefen die Angriffe so, dass nach einem Anspiel auf einen Sechser (Aue zog sich im Zentrum zusammen) Pusch seitlich rauskippte und so kurzzeitig Überzahl und Zuordnungsprobleme bei Aue provozierte und wir so immer wieder spielerisch über Außen durchbrechen konnten. Auf der PK äußerte sich Pavel nach dem Spiel so, dass er die Probleme erkannte, das 4-3-3 aufgab und die AVs anders stellte.
Glücklicherweise (für uns) war es dann schon zu spät. Wir waren in Führung gegangen und konnte so etwas abwartender spielen. Die Tore 2 und 3 fielen dann eigentlich aus Ballbesitzphasen von Aue, wo wir sie in einem aufgerückten und eher ungeordneten Zustand bespielen konnten. Das Ganze mit viel Spielwitz, Tempo und Zielstrebigkeit.
Und hier muss ich leider auch den mahnenden Finger heben. Diese Art Tore zu schießen ist an viele Bedingungen geknüpft:
- man muss defensiv gut stehen, hinten am besten die Null halten
- man muss idealerweise in Führung gehen und somit den Gegner zwingen mehr zu machen und formativ weiter rauszurücken
- man muss hoffen, dass der Gegner flache Bälle spielt, aus denen man Balleroberungen zum Umschalten erzielt
- man muss hoffen, dass der Gegner im Ballbesitzspiel fehlerhaft ist und im Gegenpressing keinen Zugriff bekommt
- man muss die sich bietenden Räume dann auch gut bespielen können (es braucht also Tempo und spielerische Klasse)
Falls das nicht der Fall ist, scheitert der Ansatz. Worauf ich hinaus will: Dieser Ansatz ist tendenziell anfälliger für Unkonstanz und stark davon abhängig, was der Gegner einem anbietet. So schön wie das gestern aussah, ich vermute über eine ganze Saison wird das nicht funktionieren. Ich fand Aue gestern gar nicht so schlecht, aber man hat schon gemerkt, dass uns deren Spielansatz lag und ihnen vielleicht auch die letzte Dreckigkeit im Zweikampf fehlte.
Wenn man nächste Saison ins obere Tabellendrittel will, wird man vermutlich mehr Dominanz brauchen, sowohl im Ballbesitz, vor allem aber im Pressing. Es gab gestern schon viele Phasen, wo man Aue die Spielverantwortung gab, sie "in Ruhe" ließ und etwas abwartender spielte. Zudem ist es halt fraglich, ob man es sich auch unter Ergebnisdruck erlauben kann ohne zerstörenden Sechser zu spielen. Ziegner neigt ja immer wieder gerne dazu die Arbeit gegen den Ball höher zu gewichten. Und auch gestern wechselte er zur Halbzeit etwas Stabilität ein (der Spielstand gab das natürlich auch her).
Trotzdem bin ich gestern mit einem sehr guten Gefühl nach Hause gegangen. Ohne die Achse Mai, Bakalorz und Stoppel so einen souveränen Sieg gegen eine Mannschaft, die in der Rückrundentabelle vor uns steht, rauszuholen, hätten vor ein paar Wochen wohl die wenigsten erwartet. Diese Entwicklung ist klasse. Und mittlerweile könnte ich sogar fast jede Vertragsverlängerung (außer Aziz und AJ) verstehen. Die Jungs sind als Mannschaft gewachsen und das wiederum hat auch jeden Spieler individuell aufgewertet. Erstaunlich, oder?
Wieso eigentlich nicht immer so?
