ANALYSE
Der Fall Sinkewitz
Ende der magentafarbenen Illusion
Die positive Doping-Probe von Patrik Sinkewitz stürzt die Mannschaft von T-Mobile in eine tiefe Krise. Teammanager Bob Stapleton versucht in Marseille das Image vom Anti-Doping-Vorkämpfer zu retten.
Die Kleidung des Teammanagers war passend gewählt. Bob Stapleton hatte für den Auftritt nach der zehnten Etappe im Ziel in Marseille das schwarze Polohemd mit dem T-Mobile-Schriftzug gewählt. Kein guter Tag für das T-Mobile-Team, sollte das wohl ausdrücken - ein schwarzer Tag gar. Patrik Sinkewitz wurde mit einer positiven A-Probe ertappt. Das Mittel seiner Wahl war offenbar Testosteron. Der Fall stürzt den Bonner Rennstall in eine tiefe Krise. Ausgerechnet das Magenta-Team, das sich zum Vorreiter eines sauberen Radsports aufgeschwungen hat und dabei auch mit Kritik an anderen Mannschaften nicht gespart hat, musste nun einen Dopingfall erklären.
Fragwürdige Erfolge
"Was mich wirklich erstaunt, ist die Tatsache, wie hartnäckig Doping ist", kommentierte Stapleton den Fall Sinkewitz und betete noch einmal die Maßnahmen herunter, die man bei T-Mobile ergriffen habe. Angefangen beim teaminternen Ehrenkodex bis hin zu Blutvolumentests, denen die Fahrer beim Bonner Rennstall unterworfen sind. "Wie kann man so dämlich sein und trotzdem betrügen", wunderte sich Stapleton. Eine Chance, Sinkewitz persönlich diese Frage zu stellen, hatte der Amerikaner bislang nach eigener Aussage noch nicht. Der 26-Jährige wurde am Mittwoch in Hamburg am Gesicht operiert, das bei einem Zusammenprall mit einem Zuschauer nach der achten Etappe in Tignes schwer in Mitleidenschaft gezogen worden ist.
Stapleton muss nun erkennen, dass sich die Dopingmentalität im Radsport offenbar nicht von heute auf morgen ändern lässt. Auch die Androhung massiver Sanktionen und interne Tests scheinen nichts daran ändern zu können, dass Radprofis zu unerlaubten Beschleunigungsmitteln greifen. Auf die Frage, wie man denn die Einstellung in den Köpfen der Profis ändern könne, verwies der Amerikaner darauf, dass die Erfolge des Teams in dieser Saison den jungen Fahrern ja zeigten, dass es auch sauber gehe. Doch der Fall Sinkewitz stellt eben genau das in Frage. Der Fuldaer steuerte beim Klassiker "Rund um den Henninger Turm" - abgesehen von Linus Gerdemanns Touretappensieg am vergangenen Samstag in Le Grand Bornand - den prestigeträchtigsten Erfolg für die T-Mobile-Mannschaft bei. Sinkewitz fuhr in Frankfurt wie aufgedreht und musste im Ziel gestoppt werden, weil er sonst noch eine weitere Schlussrunde gedreht hätte.
Warten auf Entscheidung der Sponsoren
T-Mobile hat Sinkewitz wie Gerdemann und den U23-Weltmeister Gerald Ciolek als einen Fahrer der neuen, der "sauberen" Generation verkauft und steht nun vor einem Scherbenhaufen. Das neue Image, dass der Sponsor T-Mobile nach dem Tourausschluss des in den Fuentes-Skandal verwickelten einstigen Vorzeigehelden Jan Ullrich seinem Radrennstall verordnete, ist erst einmal dahin. Dass das Mobilfunkunternehmen sein Engagement nun überdenkt, ist dem Geschäftsmann Stapleton klar. "Es ist ihr gutes Recht, zu hinterfragen, ob sie weitermachen wollen oder nicht", sagte er in Marseille.
Auch andere Sponsoren dürften ins Grübeln kommen angesichts des neuen Dopingfalls im deutschen Radsport. Das Unternehmen Gerolsteiner hatte seine Skepsis bezüglich der Investition in das Radteam erst kürzlich öffentlich gemacht und wollte für die Entscheidung, ob man über 2008 hinaus weitermacht, die Entwicklungen bei der Tour abwarten. Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer gab sich in Marseille zuversichtlich, dass sein Geldgeber an Bord bleibt und wollte den Fall Sinkewitz ansonsten nicht kommentieren.
Marc Biver: "Es tut mir leid für T-Mobile."
Die Reaktionen der anderen Rennställe waren insgesamt eher verhalten. "Das zeigt wie schwierig es ist, Doping ganz auszuschließen", sagte der Sportliche Leiter des CSC-Teams Kim Anderson. Der Rennstall des Dänen Bjarne Riis, der im Mai gestanden hatte, während seiner aktiven Zeit mit EPO gedopt zu haben, hat wie T-Mobile ebenfalls ein internes Anti-Doping-Programm aufgelegt. Selbst beim Astana-Team, das sich in den letzten Tagen als Opfer einer von T-Mobile gesteuerten Medienkampagne dargestellt hat, sparte man sich jede Form von Schadenfreude. "Es tut mir leid für T-Mobile", sagte Teammanager Marc Biver. "Aber das zeigt auch, dass es gefährlich ist, eine Kampagne zu starten, bei der man behauptet, man sei sauberer als die anderen Teams." Biver meint, es sei eine Utopie zu glauben, man könne den Sport komplett dopingfrei machen. Denn schließlich sei der Sport nur ein Abbild der Gesellschaft, in der es Schlaue, Dumme, Ehrliche und Betrüger gebe. T-Mobile-Chef Bob Stapleton mag von der Utopie eines sauberen Radsports auch jetzt noch nicht lassen. "Ich werde weiter für Veränderungen in diesem Sport kämpfen", sagte er.
Fast schon verzweifelt wirkte dagegen der Kampf von Marcus Burghardt. Der T-Mobile-Profi fuhr an diesem Tag, an dem der positive Test seines Kollegen den Sport neuerlich erschütterte, lange Zeit in einer Ausreißergruppe. "Ich wollte damit zeigen, dass wir uns auch von so einem Fall nicht unterkriegen lassen", sagte Burghardt. Auch der 24-Jährige aus Zschopau ist ein Vertreter der von T-Mobile propagierten "neuen" Generation. Ein älterer Vertreter des Metiers, Jens Voigt, der ebenfalls in der Spitzengruppe dabei war, ahnte derweil, dass man den Problemen nicht einfach davonradeln kann. "Das", kommentierte der 35-Jährige den Fall Sinkewitz, "ist das Schlimmste, was dem Radsport passieren konnte."
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