Schmerz lass nach. Das hat gestern gebrannt wie lange nicht mehr. Ich wusste nicht, wohin mit meinen Gefühlen. Ich glaube, keiner, der den Fußball und seinen MSV liebt so wie wir, kann dieses Gefühlschaos verstehen. Gegen 4 Uhr das letzte Mal auf die Uhr geschaut, gedreht, gewälzt, jegliche Was-wäre-wenn- und Zukunftsperspektiven ausgemalt. Jetzt gerade habe ich noch kein Gefühl von „Was war das für eine geile Saison“, „Vierter für einen Aufsteiger ist doch super“. Nein, jetzt gerade lasse ich Schmerz einfach Schmerz sein und nach dem Aufstehen ist es auch nur minimal besser.
Das gibt einem schon leichte 2019/2020-Vibes, wobei wir in dieser Saison lange das Nonplusultra waren und erst gegen Ende den sicher geglaubten Aufstieg verspielt haben. Dieses Mal hatten wir ein Herzschlagfinale, wo vom Direktaufstieg bis zum Klassenerhalt alles drin war. Ich war in meinem Block einer der wenigen mit Empfang. Nach der Roten Karte hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, dass Essen das Ding irgendwie zum Ende der Spielzeit ziehen wird. Im Stadion war ich dann wie in Trance. Nach dem Tor von Bitter hat das Stadion endlich gebrannt, wir sind angelaufen, wir wollten das Ding auf unsere Seite ziehen und wir waren auch kurz davor. Essen schießt das Tor, ein Bruchteil von Sekunden später trifft Bulic in einer traumhaften Kombination den Pfosten.
Danach scheint der Schiedsrichter das gutmachen zu wollen, was er mit dem Elfmeter verbockt hat und schenkt uns noch 2 Minuten, nur passiert in denen leider nichts. Danach die pure Leere und Schmerzen. Gerade die unsympathische Truppe aus Essen nimmt uns den Relegationsplatz in der letzten Sekunde weg. Ich muss aber gestehen: Essen hat uns das Ding nicht weggenommen, wir haben es selber getan. Gestern haben wir die Eier vermissen lassen, das Erwachsensein, und es deckt sich komplett mit dem, was ich schon gegen Aue geschrieben hatte: Das, was uns Cottbus voraus ist, ist nicht Cigerci oder Engelhardt, das ist die Erfahrung der Vorsaison. Die Erfahrung, mit genau solchen Momenten umzugehen, die Champion- und Aufsteigermentalität. Die haben wir gefühlt bis auf die ersten 7 Spiele, Spiele gegen Sechzig, Osnabrück und Cottbus, vermissen lassen. Einige Stolpersteine haben wir nicht aus dem Weg geräumt, sondern sie haben uns zurückgeworfen.
Ich habe gestern Spiele im Nachgang gehört wie Havelse, wie gegen Ulm, wie gegen Aue oder jetzt Viktoria, die doch hätten gewonnen werden müssen, dann hätten wir es doch gepackt. Ja, Fußball kann so einfach sein, ist er aber nicht. Wir haben die Spiele nicht gezogen. Die Mentalität und Erfahrung der Liga muss reifen. Sind wir doch mal ehrlich: Wir hatten eine überragende Mannschaft und ja, es gibt auch 2.-Liga-erfahrene Spieler und Jungs, aber gerade in Bezug auf diese Standfestigkeit im Kopf hat uns die Erfahrung noch etwas gefehlt.
Und damit meine ich nicht nur die Spieler, sondern auch unser Trainerteam.
Der Stachel des Schmerzes sitzt sehr tief. Ein Fußballjahr ist so lang, so nervenaufreibend, so facettenreich. Wenn du dermaßen viele Spiele auf einem Aufstiegsrang stehst, dann bildet sich der Wunsch und die Sehnsucht nach dieser Profiliga 2. Bundesliga. Gleichzeitig habe ich diese Realität dafür nie wirklich so zugelassen, dass ich mich schon auf einen Aufstieg einlassen wollte. Das kam tatsächlich erst nach dem atemberaubenden Cottbus-Sieg. Umso größer ist der Schmerz jetzt. Natürlich begleitet mich die Frage, ob wir in der kommenden Saison in der Spitzengruppe weiter performen können, uns dort wieder ansiedeln können. Wie viel Faktor Euphorie, Aufbruchstimmung und „Bock haben auf Neuland 3. Liga“ war. Es wird ein erster Bruch sein in diesem dauerhaften Happy-End-Märchen.
Jetzt sollte Cottbus unser Vorbild sein. Der Weg ist nicht ganz so weit weg. Cottbus als Aufsteiger selbst lange auf einem Aufstiegsrang, am letzten Tag mit einem 4:1 gegen Ingolstadt den Relegationsplatz verspielt, um dann dennoch im zweiten Anlauf das Ding zu ziehen.
Diese Mentalität müssen wir jetzt auch entwickeln. Unsere Fans müssen weiter ins Stadion pilgern, wir müssen diesen Hype, diesen Zuschauerschnitt irgendwie aufrechterhalten, denn bei allem Frust, Schmerz und aller Trauer überwiegt die Dankbarkeit über eine Entwicklung, die im Profifußball Deutschland so häufig eben nicht vorkommt. Fabian Klos hat es gesagt: „Den MSV habe ich vor zwei Jahren in Bielefeld im Abstieg erlebt. Der war tot, der Verein.“ Und auch zurück zum Umfeld, das den Schmerz nicht verstehen kann: Sie erkennen eines an. Der MSV ist so sexy wie lange, vielleicht auch nie zuvor.
Was wir hier gemeinsam in einer Saison erreicht haben, erlebt haben, wie viele Emotionen auswärts, im Wedau-Stadion. Das war einmalig. Lasst uns jetzt erst einmal Wunden lecken und uns dann am Samstag versöhnlich von der Mannschaft verabschieden. Mit einem NRP-Sieg, mit der Gewissheit, DFB-Pokal zu spielen nach 6 fucking Jahren! Nächstes Jahr wieder angreifen, demütig sein, mit einem langfristig perspektivischen Kader OHNE Umbruch und mit gezielten Verstärkungen, im Background ein Funktionsteam, das diesen Verein lebt und strategisch weiterentwickelt, mit Clemens als neuem Scoutingleiter, Schnorrenberg als U19-Coach. Es stimmt so viel wie Jahre zuvor nicht mehr. Preetz, Koke, Schmoldt, Schmickler, Partner und Sponsoren, bald 12.000 Mitglieder und und und....
Wir haben das Grundgerüst, um nächste Saison dermaßen anzugreifen, dass wir hier in einem Jahr stehen können und das bekommen, was wir uns dieses Jahr schon so gewünscht haben. Lasst uns alles dafür tun. Unterm Strich hat die Saison mehr Spaß gebracht, als Kraft gekostet. Und wann konnten wir das vor diesem Happy-End-Beginn mit Start in Gütersloh mal in einer MSV-Saison behaupten?
Danke an alle Beteiligten.