Ich stell mir die Frage, welche Optionen man mit dem Kader hat. Gesetzt ist für mich das Didi Hirsch Prinzip der defensiven Stabilität. Einfach aus dem Grund, dass er dafür authentisch steht und genau das seiner Mannschaft vorleben kann. Die Erfolge der letzten anderthalb Jahre wurden erzielt, weil man genau dieses Prinzip beachtet hat.
Wir können die defensive Stabilität aber nur gewährleisten, wenn wir vergleichsweise tief verteidigen/ tief stehen. Hahn und Fleckstein sind einfach nicht fix genug, die Außenverteidiger bekommen es auch nicht immer aufgefangen. Die Idee mit Coskun als asymmetrischem LIV habe ich gar nicht verstanden. Mit dem eher defensiv denkenden Göckan kann man das versuchen, aber mit Coskun? Dessen Qualitäten sehe ich im Biss und in der Zusammenarbeit mit Sussek/ seinem Flügelpartner beim Doppeln der Außenbahn. Ich hab das in Wiesbaden überhaupt gar nicht verstanden, was da versucht wurde. Klar, auch weils krachend gescheitert ist, aber mir will partout keine Begründung dafür einfallen, wie man zu der Entscheidung gekommen ist.
Ich würde versuchen, dem Team Mittel an die Hand zu geben, um den Gegner etwas rauszulocken und dann sein Pressing zu überspielen. Dafür braucht es aus meiner Sicht Ballsicherheit und Routine in den Abläufen und Pässen in der letzten Linie, und gute Laufarbeit davor, damit keine Lücke zwischen der letzten Linie und dem Sturm entsteht. Ist der Gegner dann gelockt, kann entweder der direkte Ball auf einen der Außen, der lange Ball auf Wandspieler Tyger oder - der Königsweg - der flache Ball auf einen ZM/OM, der dann aufdrehen und einen Vordermann schicken kann, gespielt werden. Der kaiserliche Königsweg wäre es vermutlich, das mit den Kombinationselementen aus den 5 guten Lieberknechtspielen zu verbinden (dass ich das mal sagen würde...). Da wurde der Gegner auch mit stabilem Ballbesitz im defensiven Spielfelddrittel gelockt, aber dann nur selten lang überspielt, sondern auch mal durchkombiniert. Das widerspricht aber wieder dem Grundsatz der defensiven Stabilität, da man in letzter Linie nicht fix genug ist, um einen Ballverlust im eigenen Spielfelddrittel zuverlässig auszubügeln.
Probleme, die ich dabei sehe:
Ali muss immer freigespielt werden oder Fleckstein/Bulic/Casar müssen viel mehr Präzision in ihre langen Bälle bekommen, sonst nutzt das schönste Rauslocken des Gegners nichts, wenn ich dann "blind bolze" - der Ball kommt nur mit Glück zum Mitspieler, wir müssen den Ball aber so bewusst spielen, dass er vom Befreiungsschlag zum Pass in die Spitze wird. Siehe Sussek auf Tyger gegen Verl (klar, das ist die Premiumvariante).
Und die Offensivreihe muss viel, viel disziplinierter und "taktischer" Spielen. Freies Radikal vorne und auf Bälle warten is nicht, das "Locken" muss da vorne mitgespielt werden, die gegnerische Defensive muss gezwungen werden, rauszurücken, weil unsere Offensivreihe sich bewegt. Gegen absoluter Mauertruppen klappt das nicht, klar. Aber gegen Wiesbaden hätte es helfen können, dass Tyger nicht immer gegen zwei Defensivbrecher steht und somit abgemeldet ist. Absolut kein Vorwurf an Tyger, aber zaubern kann der halt auch nicht, wenn da zwei robuste Jungs permanent an ihm dran sind.
Also, wat nu? Ich würde davon abraten, irgendwas kompliziertes mit asymmetrischem Dies-Das zu spielen oder als gesamte Mannschaft hoch zu pressen. Dafür fehlt sowohl die Geschwindigkeit in letzter Linie als auch die Qualität aller im defensiven Umschalten. Letzteres kann man verbessern und trainieren, erstes geht nur über personelle Wechsel, aber wir werden nicht beide IV austauschen, garantiert nicht den Kapitän, und der ist der langsamere der beiden. Bulic als RIV wegen der Geschwindigkeit und dann Casar als Holding 6 (wobei der dann dringend seine Fehlpässe in den Griff kriegen muss), Meuer und Viet als ZM... das könnte mir gefallen, auch, weil dann alle zentralen halbwegs sauberes Passspiel beherrschen (in der Theorie).
Vorn kann man dann je nach Gegner munter durchtauschen - Tyger zentral ist erstmal gesetzt, links und rechts hat man mit Sussek, Symalla, Noß, Kother, Dittgen, ggf. Krüger die Qual der Wahl.
Hoch pressen und Hurra offenes Visier wurde jetzt zwei Mal als Marschroute für den Start des Spiels gewählt - zwei Mal ging das schief. Das Spiel gegen Verl hat gezeigt, was die Marschroute positives bewirken kann (das frühe 1:0) - aber welche andere Mannschaft spielt so stoisch flach hinten raus wie Verl? Gar keine. Wiesbaden überspielt das mit einem langen Ball, hat vorne drin die richtigen Spieler, die den verarbeiten können, und dann gibts auf den Sack.
Didi, auch wenn die Mannschaft vielleicht Bock drauf hat, wildes Pressing und Vollgas zu spielen - das ist nicht das, was euch gemeinsam stark und erfolgreich gemacht hat. Wenn ihr oben dran bleiben wollt... baut auf dem auf, was ihr könnt. Radikal anders bei gleichem Trainer und gleicher Mannschaft - warum?!