Bei aller berechtigter Kritik an unseren spielerischen Auftritten, darf man nicht vergessen, dass wir immer noch auf Platz 3 stehen. Wir haben den Anschluss zu Platz 1 und 2 etwas verloren, aber wir stehen immer noch besser da, als die meisten vor der Saison erwartet hatten.
Das ist für mich kein Kriterium, um die Entwicklung im aktuellen Ist-Zustand nicht kritisch zu hinterfragen. Man muss schon sagen, dass wir aktuell extrem von diesem einmaligen Saisonstart leben und der Lack in gewisser Weise inzwischen etwas ab ist.
Ich habe Hirsch immer objektiv bewertet und dabei durchaus eine Entwicklung gesehen. Oft hat er mich auch eines Besseren belehrt. Faktisch hat sich meine Erwartungshaltung gegenüber ihm aber einfach verändert. Er hatte bei mir lange einen gewissen Schutz. Zum Ende der Hinrunde habe ich beispielsweise die fehlenden Leistungsträger und die insgesamt leeren Akkus der Mannschaft als wichtige Faktoren gesehen. Wir haben uns damals mehr oder weniger in die Winterpause gerettet.
Danach haben wir eigentlich sehr gute Rahmenbedingungen vorgefunden. Mit Lobinger, Casar und Kother sind Spieler dazugekommen und auf erkennbare Kaderschwachstellen wurde reagiert. Umso mehr frage ich mich inzwischen, ob Hirsch diese Spieler überhaupt integrieren kann.
Und genau da liegt für mich der Kern der Frage. Was bekommen wir unter Hirsch wirklich auf den Platz? Wie viel Potenzial wird aus diesem Kader tatsächlich ausgeschöpft? Wie schafft er es, die unterschiedlichen Skillsets der Spieler so zusammenzuführen, dass jeder möglichst das Beste aus sich herausholen kann und daraus eine funktionierende Einheit entsteht?
Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich unser gesamtes Spiel hauptsächlich über Intensität definiert. Viele lange Bälle, zweite Bälle und viel Kampf. Dazwischen erkenne ich ehrlich gesagt nicht besonders viel taktische Struktur. Die Folge ist, dass einzelne Spieler eher stagnieren, anstatt sich weiterzuentwickeln. Gleichzeitig fehlen aktuell Faktoren wie Euphorie oder echte Aufbruchsstimmung. Genau diese paar Prozent, die uns zu Beginn der Saison getragen haben.
Hahn ist meilenweit von seiner Form aus den ersten Spielen entfernt. Susek, den ich lange verteidigt habe, geht mittlerweile in vielen Spielen auch komplett unter. Diese Konstanz fehlt derzeit.
Hirschs Agieren wirkt für mich teilweise wie ein Abziehbild. In der letzten Saison hat er ähnlich agiert. Erst einmal über eine Fünferkette und eine stabile Defensive versuchen, sich wieder über Spiele zu null zu stabilisieren, um dann Schritt für Schritt Punkte einzusammeln und sich an den notwendigen Punkteschnitt heranzurobben. Das mag in der Regionalliga funktioniert haben. Ob das unter den ganz anderen Rahmenbedingungen der 3. Liga genauso funktioniert, ist zumindest fraglich.
Wir stehen unter enormem Performancedruck. Ja, wir spielen noch gegen Cottbus und Rostock. Aber wir müssen jetzt schnellstmöglich wieder funktionieren, sonst ist Cottbus bald schon gar kein relevantes Spiel mehr im Aufstiegsrennen für uns. Nach Saarbrücken haben wir, soweit ich weiß, noch etwa zehn Spieltage. Jetzt musst du da sein. Jetzt darfst du dir keine Schwächephase mehr leisten.
Ob Hirschs Plan am Ende aufgeht, wird man sehen. Wenn man sich allerdings die Rückrunde mit Ulm, der zweiten Halbzeit gegen Schweinfurt, Wiesbaden, Havelse und Ingolstadt anschaut, dann darf es so nicht weitergehen. Sonst ist der Aufstiegstraum schnell vorbei. Und mit einem „Wir waren zwischenzeitlich mal Erster, Zweiter oder Dritter, das ist doch besser als im Sommer gedacht“ ist am Ende auch keinem geholfen.
Hirsch hat das in einer der letzten Pressekonferenzen ja auch so angedeutet. Für mich war das ein Fehler. Ich kann mir gut vorstellen, dass Michael Preetz in seinem Büro bei dieser Argumentation innerlich ordentlich in die Tischkante gebissen hat. Unser Anspruch hat sich verändert. Intern sehen wir uns längst als Aufstiegskandidat. Dann damit zu argumentieren, dass man ja besser dasteht als erwartet, passt aus meiner Sicht nicht zum Anspruch von Preetz.
Er hat klar erkannt, dass wir in dieser Saison bereits vierzehn Mal Tabellenführer waren. Wir wollen das Ding ziehen. Wir können und wollen hoch.
Wirtschaftlich müssen wir kurz bis mittelfristig eigentlich auch hoch. Wir haben Lobinger, Casar, Kother und Becker geholt. Wie groß deren Einfluss aktuell ist, spielt für die grundsätzliche Argumentation gar keine Rolle. Die Rahmenbedingungen waren hervorragend. Trainingslager, das Westender Trainingsgelände. Man muss sich nur einmal anhören, was Wollitz über seine Trainingsbedingungen erzählt. Wir haben eine absolut gesunde Kaderstruktur mit vielen wertvollen Spielern.
Ich sage es mal so. Sollte der MSV jetzt deutlich weiter abrutschen und Hirsch keine Mittel finden, das Ganze wieder zu stabilisieren, könnte die Luft für ihn perspektivisch auch dünner werden, spätestens im Sommer. Der MSV will und muss kurz-mittelfristig wieder in die 2. Liga.
Aber die Glaskugel anzuschmeißen bringt jetzt auch nichts. Wir werden sehen was in den nächsten Wochen passiert.