Niederrheinpokalsieger – MSV! – als das Lied Samstag durch die Arena rollte, war das vor dem Bildschirm mein emotionaler Höhepunkt. Ich vermute, weil dieser Song dereinst auch in schweren Zeiten geboren wurde, dazu geboren wurde, uns aus dem Schmerz zu ziehen, war da jeder sofort voll mit dabei. Deswegen knallte er so - das tat selbst von Ferne gut - und ich hoffe auch denen, die da waren.
Trotzdem, glaube ich, gab es kaum Menschen rund um den MSV, die nicht auch diesen Stich spürten, diesen Schmerz in diesem Sieg.
Ich sehe den Moment weiterhin glasklar vor mir: Wie Bulic da rein rauscht, den Ball klasse mitnimmt, den Fuß öffnet und bei mir die Arme schon gehen hoch, weil genau das Eck offen ist, der Ball den Fuss verlässt, ich zu jubeln beginne – und dann – ZONG – ....
Ich dreh mich aufschreiend weg, schaue um mich herum in zahllose entsetzt-hilflose Gesichter – Rufe, Gesten, Fäuste, Schreie, Flehen … .
Aber es ist passiert. Es ist einfach passiert. Das ist alles noch genau so da.
Aber jetzt höre ich eben auch den Niederrhein-Pokal-Song. Ich sehe spritzendes Kö-Pi, und die strahlenden Gesichter rund um diversen Bierjagden.
Und dann sage ich mir:
Ok, das tat weh. Aber das war unser Nou Camp, das war unsere Mutter aller Niederlagen, auch wenn es keine Niederlage war. Ich bin mir 100% sicher: Jeder der da dabei war, und nächstes Jahr noch dabei sein wird, wird ALLES tun, um das SO nicht nochmal erleben zu müssen. In diesem Moment steckt auch viel Energie. Es kommt nicht drauf an, wie oft Du fällst, es kommt drauf an, wie oft Du aufstehst.
Und so geht für mich die Tür auf, um sich nocheinmal klar zu machen:
Was für eine Hammer-Saison ist da ansonsten an uns vorbeigegangen!
Da habe ich schon jetzt Wehmut, einfach weil da so viel drin steckte, so viele Geschichten, so viel Leidenschaft, so viel Hoffen, so viel Freude.
Daher ist es jetzt Zeit unserem ganzen Orchester und den Dirigenten einfach nur von Herzen Danke zu sagen.
Du kannst viel planen, du kannst Spielsysteme diskutieren, Aufstellungen und Taktiken, aber Du kannst nicht planen, dass eine Saison 38 Spieltage lang so knallt und so viel Freude macht.
Du kannst nicht planen, dass ein Josh Bitter selbst seine Maschinentage noch einmal vollkommen vergessen macht, und eine von vorne bis hinten überlebensgroße Saison spielt - was war der on Fire.
Du kannst nicht planen, wie völlig unverbraucht Symalla die Abwehren der Liga aufmischte, ein Sussek die Jungs herspielte, wie er wollte. Du kannst nicht planen wie ein rücksichtsloses Foul einem Bookjans alle Chancen nimmt, genauso zu glänzen.
Du kannst einen Rasim Bulic als solchen nicht planen - genauso wenig wie braune - der im Feld glaube ich sehr ähnlich unterwegs wäre wie Rasim.
Du kannst nicht planen wie ein Niklas Jessen vom - mit Verlaub - Schuljungen zum persönlichen Adjutanten Bitters wächst – Du kannst nicht planen wie man sich in Wiesbaden wehrlos ausweiden lässt, um später gegen 60, Osnabrück und Cottbus die Fahnen strahlend wehen zu lassen.
Du kannst Coskuns Tore genau so wenig planen, wie Kothers späten Höhenflug.
Du kannst es nicht planen - und doch ist das der Job von Trainern, und das macht es nicht einfach. Ich habe ein Trainerteam erlebt, dass mit hoher Authentizität diesen Verein nicht nur repäsentiert und verkörpert hat, und es geschafft hat, immer wieder neue Kräfte frei zu setzen, immer neue Kapitel zu präsentieren:
Noss als high-scorender Sunny-Boy, Göckan, Meuer, Tugbenjo, Müller, die sofort da, als sie gebraucht wurden.
Ich denke an die am Schluss bittere Reise unseres Capitano und gleichzeitig an all die Momente, wo es nicht zuletzt seine Präsenz war, die uns durch diese Mega-Serie am Start getragen hat. Flecki mit Aussetzern - aber wievielen Momenten, in denen er den nächsten Move des Gegners genau so gesehen und zugestellt hat - die beiden zusammen waren unser Rückgrat, ohne sie wären wir nichtmals in die Nähe der Aufstiegsplätze gekommen. Mit Freude nahm man dann mit, wie ein Schlicke unter höchstem Druck in seine Rolle wuchs.
Du kannst nicht planen wie Krüger seinen holpernden Start wegsteckte und nie aufgab, sich immer weiter ins Team reinarbeitete und schließlich seinen Platz fand, den Platz, von dem aus er glänzen konnte und so auch Viet immer mehr ins spielen brachte.
Du kannst nicht planen, wie Thilo Töpken immer genau dann da war, wenn er so richtig gebraucht wurde, der Spezialist für Explosionstore.
Und Du kannst vor allen Dingen nicht planen, dass dieser Drecksball an den Pfosten geht.
Was ein scheiß Ende für diesen wilden Film.
Aber, es war ja nicht das Ende – die Jungs kamen zurück und so habe ich in dieser Saison einfach ALLES erlebt, was ich im Fussball erleben will.
Und ich freue mich auf das, was da kommt. Das wird nicht einfach, aber darum bin ich Duisburger: Wir können auch schwer, immer wieder, immer weiter. Sonst gäbe es diesen Verein garnicht mehr. Aber es gibt uns noch.
Und so heißt es auch 26/27:
Nur der MSV!
- und dieses Mal auch wieder im dfb-Pokal.