Sie interessierte sich für den MSV, seitdem ich denken kann. Lange Jahre war sie ins Stadion gegangen, erst in das an der Westender Straße zum Meidericher SV, dann immer mal wieder ins Wedau-Stadion zum MSV Duisburg, nur noch selten in die Arena. Die Spielergebnisse musste sie aber immer wissen.
In den letzten Jahren machte ich ihr die Freude direkt nach einem Spiel von mir ein Ergebnis erfahren zu können. Ich rief sie an oder fuhr bei ihr zu Hause vorbei. Wenn ich von einem Sieg erzählen konnte, rief sie jedes Mal „nein“. Ein lang gezogenes „nein“ war das als Ausdruck ihrer überraschten Freude. Dabei war es egal, ob der Gegner des MSV Favorit des Spiels war oder die Zebras viel deutlicher hätten gewinnen müssen. Dieses „nein“ war auch nicht den schlechten Spielzeiten in den letzten Jahren geschuldet.
Dieses „nein“ gehörte zu dem vorauseilenden Gefühl, sich selbst vor der Enttäuschung einer Niederlage schützen müssen. Mit solch einem Schutz der eigenen Seele vor Schmerz kannte sie sich aus.
Sie hatte ihn lernen müssen als zehnjähriges Kind im Krieg, das nach einem Ausflug mit ihrer Mutter aufs Land in das vom Bombardement verwüstete Duisburg zurückkehrt, ohne zu wissen, welche Oma in der Telegrammnachricht gemeint war: „Kommt sofort zurück! Ausgebombt. Mutter tot!“ hatte es geheißen. Sie lief an der Hand ihrer Mutter vom Hauptbahnhof über Ruhrort nach Meiderich-Berg. Angst und Entsetzen begleiteten diesen Fußmarsch durch eine Stadt mit zerstörten Häusern, verschwundenen Straßen und wackligen Behelfsbrücken über die Hafenbecken. Auf dem Trümmerschutt des Zuhauses fand sie noch eine Tasse ihres Puppengeschirrs. Jene Oma, die sie von ihren Großeltern am meisten liebte, war bei dem Bombenangriff ums Leben gekommen. Die Erwachsenen hatten mit sich selbst zu tun. Im Kind sammelten sich in diesen Kriegsjahren Trauer und Angst, die für ein ganzes Leben langten.
Sie lernte auch nach dem Krieg noch weiter. Ihre Lehrerin hielt sie für befähigt, auf die „höhere Schule“ zu gehen. Stolz war sie zu ihrem Vater gegangen und hatte gefragt, ob das möglich sei. Lapidar entgegnete er, für sowas hätten sie kein Geld.
Sie lernte es weiter, als er zu ihrem naiven Wunsch nach einem „Schwesterchen“ kühl entgegnete, was sie denn glaube, es dauere nicht mehr lange, dann kriege sie selbst Blagen. Als elfjähriges Mädchen spürte sie nur, dass er es nicht gut mit ihr meinte. Was seine Worte genau bedeuteten, wusste sie damals nicht. Sie lernte weiter, als der Vater ihr auch noch den angestrebten Ausbildungsberuf Friseurin verbot.
Sie lernte, als ihr erster Mann – ein so empfindsamer Mensch wie sie selbst – sich seinen Selbstschutz durch Alkohol suchte. Sie lernte, als sie sich scheiden ließ in einer Zeit, als in ihrem Milieu eine Scheidung noch ein Makel war. Sie lernte noch im mittleren Alter hinzu, als ihr zweiter Mann mit Mitte 50 an Lungenkrebs verstarb.
Sie blieb weiter so durchlässig für Gefühle. Sie hatte eine empfindsame Seele, und ihr Selbstschutz stand ihr viel zu oft im Weg, so freundlich sein zu können, wie es ihrem Wesen entsprach. Ohne diesen Selbstschutz wäre sie vielleicht fähig gewesen, ihre Bilder eines gelingenden Lebens zu verändern und ihre Lebensleistung wert zu schätzen. Sie führte ein emanzipiertes Leben schon in einer Zeit, in der die meisten Frauen nicht berufstätig blieben. Sie wusste davon nichts. Für ihr eigenverantwortliches Dasein hatte sie all ihre gebliebenen Ängste und Zurückhaltungen überwinden müssen. Als kaufmännische Angestellte bei einem Drahtseil verarbeitenden Betrieb in Ruhrort verdiente sie das Geld, um mir, ihrem Sohn, ein sicheres Zuhause zu bieten. Ich kannte kein Gefühl des Mangels, auch wenn bis Mitte der 1970er Jahre jeder Pfennig dreimal umgedreht werden musste. Sie hätte die Scheidung als Selbstermächtigung erleben können, als Befreiung aus einem belastenden Leben, als Aufbegehren gegen eine Gesellschaft, in der viele Menschen eine Scheidung, egal aus welchen Gründen, für ein moralisches Versagen hielten. Sie wusste von all dem nichts.
Sie hatte viele Kinder haben wollen. Liebevolle Mutter wollte sie sein. Sie hätte all diesen Kindern das gegeben, was sie selbst so sehr vermisst hatte. Ich blieb ihr einziges Kind. Sie hatte diesen anderen Lebensweg nicht selbst gewählt. Sie musste arbeiten. Sie musste ihre eigenen Entscheidungen treffen. Sie konnte den Wert dieser Unabhängigkeit nicht fühlen, die ich im jugendlichen Alter im Schulunterricht als Maßstab dafür nahm, dass die Gleichberechtigung in der deutschen Gesellschaft Mitte der 1970er Jahre sehr weit verwirklicht war. Ich hatte in meinem Leben nie jemand anderen erlebt als meine Mutter, die über Fragen unserer Lebensgestaltung entschied. Ich kannte meine Mutter nur als arbeitende Frau. Was damals weiter als vermisste Möglichkeit im Leben von Frauen diskutiert wurde. Wenn das bei mir zu Hause normal war, musste sich doch jede Frau dafür entscheiden können.
Sie gehörte zudem zu den ersten Frauen in Westdeutschland, die in den 1950er Jahren Basketball spielten. Ihr Verein war der VfvB Ruhrort/Laar, wo sie sich in ihrem Sport auch ehrenamtlich in unterschiedlichen Funktionen engagierte. Bis ins Alter von 76 Jahren trainierte sie eine Gruppe der jüngsten Kinder des Vereins.
Sie war großzügig, hilfsbereit und hatte ein weites Herz für Bedürftige. Sie erlebte viele glückliche Zeiten. Sie liebte Musik, tanzte gern und war auch fröhlich in all ihren Freundeskreisen. Sie mochte es, mit den Menschen draußen zu sprechen und wirkte nicht so, als sei die Traurigkeit in ihr unvergänglich. Als sei sie ständig auf der Hut vor einer bedrohlichen Begegnung, die jeder Mensch, selbst die ihr Nächsten, für sie bedeuten konnte. Ihre Freundlichkeit litt immer wieder unter dieser übergroßen Vorsicht, sich selbst möglichst früh überall in der Welt zu schützen.
Beim nächsten Sieg des MSV werde ich das Ergebnis einmal laut in die Welt rufen. Wo immer sie es auch hört, ihr lang gezogenes „nein“ wird auf dieser Erde dann nicht mehr zu hören sein. Renate Koss-Kersken ist am 3. Januar verstorben. Sie wurde 91 Jahre alt.
Für die
MSV Duisburg Fußballfibel hatte ich meine Mutter nach ihren Erfahrungen mit dem Meidericher SV in den 1950er Jahren befragt. Daraus wurde ein Kapitel des Buchs.
In Erinnerung an Renate Koss-Kersken
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